Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Zur rumänischen Judenfrage
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 197 - 198 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583880-2608502--00266-2608577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
197 198 ZUR RUMAENISCI Von Von der Lage der rumänischen Juden ist viel geschrieben und viel geredet worden. Hoch gingen die Wogen der Entrüstung über den schmählichen Verfassungsbruch, dessen sich der ■grösste christliche Balkanstaat gegen seine jüdischen Einwohner schuldig gemacht hat und weiter schuldig macht, unbekümmert um die flammenden Proteste, die ja nicht im Namen einer Grossmacht, sondern nur im Namen der Menschlichkeit an die rumänische Regierung gerichtet wurden. Man übersah nur, dass Rumänien so sehr Unrecht doch nicht hat. Es kann nicht einem so jungen Staatswesen, wie diesem, zugemutet werden, schon vom Anfang seiner Existenz an 'die an der Spitze der Kultur schreitenden Länder <des Westens an Gerechtigkeit zu übertreffen. Die Westmächte, die im Berliner Kongress von 1878 Rumänien zum Königreich machten, unter ^gewissen Bedingungen, zu denen auch die Gleichberechtigung der Juden gehörte — diese Westmächte sind ja selbst längst ihren damaligen Anschauungen über die Juden-Emanzipation untreu •geworden. In einigen dieser Länder äussert sich •das schon in der Anwendung der Gesetze, in anderen erst in der Volksstimmung. So dass Rumänien mit einer kleinen Abänderung des bekannten Wortes wohl sagen kann: „Haut Ihr Euren Juden, warum soll ich nicht meinen Juden hauen?" — Die Gleichberechtigung der Juden ist doch nicht als eine Strafe aufzufassen, 'die die Grossmächte dem aufstrebenden Donau- Staate auferlegen wollten. * * * Nachdem Rumänien sich mit so berechtigten Erwägungen über die Juden-Klausel des Berliner Kongresses hinweggesetzt hatte, ist es — das muss man anerkennen — sehr gesetzmässig vorgegangen. Nie hat man den Juden in Rumänien neue Beschränkungen auferlegt, ohne dieselben vorher zum Gesetz erhoben zu haben. Rumänien geht also allen anderen Ländern mit dem Beispiel gewissenhaftester Gesetzmässigkeit voran, indem es die Staatsgesetze und die Verwaltungs- Praxis in Einklang bringt, ein Zustand, der im Westen vergeblich gesucht wird. * * * Wir haben den Rumänen Gerechtigkeit widerfahren lassen, und wollen nun auf die Lage unserer •— unter dieser gesetzmässigen Unterdrückung leidenden — Brüder eingehen und eine Lösung zu zeigen versuchen. Die bisherigen Versuche zur Lösung der Frage waren: Die Auswanderung und die Unterstützung der Notleidenden im Lande selbst. JUDENFRAGE. Bis vor sehr kurzer Zeit war beides im Wesentlichen der Initiative der rumänischen Juden selbst überlassen gewesen. Von seiten der Glaubensgenossen in anderen Ländern geschah wenig, wenn überhaupt etwas, das bei der grauenvollen Lage in Rumänien ins Gewicht fallen konnte. Die Auswanderung wurde sogar künstlich verhindert — von wohlmeinenden Juden verhindert in solchen Fällen, wo die Hindernisse nicht von ebenso wohlmeinenden Regierungen kamen. Wir glauben behaupten zu dürfen, dass der grössere Teil der Unterstützungen, die den wandernden rumänischen Juden gewährt wurden, für den Rücktransport der Unglücklichen in ihr Geburtsland flüssig gemacht worden sind! Neuerdings wird versucht mit besseren Methoden und" energischerer Arbeit dem Uebcl beizukommen. Ob es gelingen wird, hängt naturgemäss von der Wahl der Mittel ab — über diese aber herrscht bis zur Zeit grosse Unklarheit. Wenn die Judenfrage die grössten Geister beschäftigt hat, ohne doch einer Lösung näher zu kommen, so hat das seinen tiefen Grund: Die Juden sind ein Mysterium fü r die Aussenwelt — und seit die führenden Juden sich immer mehr selbst zur Aussenwelt schlagen, seit sie in einer ganz verkehrten Assimilationssucht statt sich an der Kultur der Völker geistig zu bereichern ihre eigene Kultur von sich, werfen — seitdem versteht die Judenheit sich selbst nicht mehr und ihnen, den Scharfsinnigen, und Praktischen erscheinen ihre eigenen Leiden als ein unentwirrbares Knäuel. Lösungen, Methoden, die in allen anderen Fällen geeignet sind — ja sich als ganz selbstverständlich ergeben — hier versagen sie — und man hilft sich mit Mittelchen, so unzulänglich, so furchtsam und so kleinlich, wie wenn wir thatsächlich ein absterbender Körper wären. Wie sehr der Judenheit der klare Blick für diese ihre eigensten Angelegenheiten abgeht, das hat sich in erschreckender Weise herausgestellt, als vor wenig mehr als einem Jahre eine Lösung der rumänischen Frage sich zeigte, — eine Lösung, die von verschiedenen Gesichtspunkten aus geradezu als die ideale bezeichnet werden könnte. Es handelte sich um ein geeignetes Auswanderungsgebiet. Wenn man sich überlegt, welche Eigenschaften ein solches haben muss, so wird man notwendigerweise auf die folgenden kommen: 1. Die Regierung des Landes muss die Einwanderung gestatten, womöglich ermutigen und vielleicht gar thatsächlich unterstützen. 2. Die einheimische Bevölkerung soll nicht gegen die Juden voreingenommen sein.