Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 185 - 186 (sequence 4)
- Language
- German
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185 Fabius Schach: Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur. 1S6 ]\L Spektor (Warschau). Schöpfer des jüdischen Theaters, Goldfaden, hat eine Reihe guter Gedichte veröffentlicht, aber für seine Dramen wird ihm das jüdische Volk keinen Dank zollen*) Auch Mendel e stand lange allein auf seiner einsamen Höhe, weil die Intelligenz es als verächtlich betrachtete, Jargon zu schreiben und lieber hebräisch radebrechte. Die Leute schämten sich des ererbten Jargons wie des ererbten Kaftans. Sie glaubten, auch eine Sprache leicht wie ein Kleid ablegen zu können. Sie wollten das ganze Volk mit Gewalt zu Hebraisten machen. Langsam nur erwachte in den letzten zwei Dezennien des 19. Jahrhunderts die urkräftige Volksindividualität zum ßewusstsein. Erst schüchtern, dann immer kühner wagte sich ein wirklicher Schriftsteller nach dem andern in das jargonische Gebiet hinein. Und da erlebten wir einen Aufschwung dieser so stiefmütterlich vernachlässigten Litteratur, wie wir ihn kaum ahnten. Es entstand eine Fülle wirklicher Dichtungen in Poesie und Prosa, die Sprache wurde veredelt und erweitert und entwickelte sich immer mehr zu einer Kultursprache. Es sind da in den letzten 10 Jahren Bücher erzeugt worden, auf die diese junge Litteratur mit Recht stolz sein darf. Der bedeutendste und interessanteste dieser neuen Schule ist zweifellos J. L. Perea Er ist ein Moderner im vollsten Sinne des Wortes. Seine feinen Seelennialereien, seine Kopierungen des Lebens und seine schlichten Naturzeichnungen sind einzig in ihrer Art. Er lauscht auf den Klang der jüdischen Seele und verleiht ihm die richtige Sprache. Seine kurzen Skizzen sind Meisterwerke, die Probleme des Innenlebens sind tief erfasst und künstlerisch ausgeführt. Seine Auffassung des Chassidismus und des mystisch-sehnsüchtigen jüdischen Lebens überhaupt ist genial. Aber auf Schritt und Tritt begegnet man im modernen Jargon Schriftstellern von echter Begabung. Die phantasiereichen spannenden Romane eines Dienesohn, die packenden Bilder eines Pinski, die etwas derbe, aber kraftvolle Skizzierung eines Scholem- Aleichem**), die lyrischen Ergüsse eines Erug, die vorzüglichen Lebensbilder eines Spektor — sie würden einer jeden Litteratur zum Ruhme gereichen. Es ist hier alles frisch, urwüchsig und neu. Man merkt hier noch nicht die Mattigkeit und Blasiertheit der modernen Welt. Wahrlich, das russische Ghetto bildet eine Fundgrube origineller Typen. Freilich giebt es auch im Jargon Leute, die der dekadenten Spielart huldigen. Manche glauben, es dem Zeitgeist schuldig zu sein, alles Hypermoderne nachzuahmen, und vergessen ganz, dass das. was sich für Deutsche und Franzosen eignet, für die Judenheit darum noch nicht gut zu sein braucht. Ueberhaupt ist in dieser Jargonlitteratur jede Richtung vertreten. Es ist eben eine Zeit der Gährung. Die Volksseele kämpft noch nach Befreiung und Entfaltung und versucht sich in jeder Gestalt. Dass mit der Masseneinwanderung der russischen Juden in England und Amerika auch der Jargon dahin verpflanzt wurde, ist begreiflich. Die Juden des Ostens bilden ja auch dort ein Ghetto und führen das alte Leben mit kleinen Variationen fort. Aber der Jargon hat an seiner neuen Pflanzstätte an Reinheit und Idealismus viel verloren. Es kamen dort so viele englische Worte hinzu, dafs die Sprache etwas fremdartig wurde. Dann nahm dort die Litteratur einen derb materialistischen Zug an, der dem jüdischen Geist schlecht steht. Von der jargonischen Litteratur in Amerika wissen wir in Europa nicht viel. Was mir von dort bis heute in die Hand kam, war von geringem Wrert. Räuberromane, schlechte Uebersetzungen und Reklameartikel scheinen dort einen guten Absatz zu finden. Mir ist nur ein Dichter bekannt, der sich aus diesem materialistischen Sumpfe gerettet hat. Es ist der Lyriker Morris Rosenfeld, vielleicht der beste der Gegenwart. Aus dem arbeitenden Proletariat hervorgegangen, ist er zum Dichter des jüdischen Proletariats geworden. Das soziale Elend dieser Aermsten findet in seinen Dichtungen einen erhaben rührenden Ausdruck. Die Wechselwirkung von Litteratur und Leben lässt sich nirgends verleugnen. Der Zionismus, der in Russland in den letzten drei Jahren zu einer gewaltigen Volksbewegung geworden ist, musste natürlich seinen Einfluss auf die jargonische Litteratur geltend machen. ") Ich behandle dieses wichtige Kapitel hier nur flüchtig, weil ich für die nächsten Nummern eine besondere Arbeit über das jüdische Theater schreiben will. "') Pseudonym für S. Rabinowitz. J. Dicnesohii (Warschau).