Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 183 - 184 (sequence 3)
- Language
- German
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18: Fabius Schach: Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur. 184 von Belelu-ungslitteratur, ein reformiertes ^.Z'enah- Ur'enah"*). Ks kam dann eine neue Epoche, in der die jüdische Volksseele zwar noch nicht zum Leben erwachte, aber sich im Traume zu regen anfing. Diese Aera trägt daher auch einen echt träumerischen Charakter: süsslich-traurig. "weichlich, einschmeichelnd, ohne Kraft und Stärke. 'Wie überall erwachte auch hier zuerst David Piusky (Ni w-Yi-rk). die Lyrik in der Gestalt der Volkslieder. Der Träger dieser Lpoche ist der geschickte Verseschmied und Tr(> u badu r E1 i a k u m Zensor in Wilna. Er wurde im Yolksmunde Eliakum Bad chen**) genannt, und er übte auch diesen Beruf auf jüdischen Hochzeiten aus. Darin liegt auch seine eigentliche Charakteristik: ein Gemisch yon Dichter und Sänger, von Ernst und Komik. Er wusste gewisse Seiten des jüdischen Lebens anmutig in Liedern zu schildern und — was noch mehr sagen will — ihnen eigenartige slavisch-orientalische Melodien zu geben, die mit dem Texte zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen. Er wurde daher schnell populär, so populär wie keiner vor ihm. Jedes Mädchen bei der Nähmaschine, jeder Jüngling beim Talmudstudium, und jede Gesellschaft bei den Samstags-Zusammenkünften sang leidenschaftlich solo und im Chor diese Lieder. Aber der Melodie entkleidet, sind diese Lieder oft ohne jede Poesie. Dazu kommt noch, dass sie fast alle nach einer Schablone, im Stile der romantischen Schule, geschrieben sind. Von den Prosawerken dieser Zeit sind nur wenige zu nennen. Die Qualität steht hier in schreiendem Kontrast zur (Quantität. Freilich, der Romanfabrikant Scheikewitz war so fruchtbar wie etwa die Marlitt in Deutschland. Er wusste aus jedem Roman Paul de Koke's ein jüdisches Original zu machen und eine geistige Kost für gebildete Dienstmädchen, gelangweilte Frauen und müssiggehende Jünglinge zu bereiten. Die Erzählungen waren alle nach einem Muster mit kleinen Abweichungen hergestellt. Ein junger Mann, Studierter, daher Ausbund aller Tugenden, liebt ein aufgeklärtes, daher gutes Mädchen. Die Eltern sind fromm, daher fanatisch, heuchlerisch und schlecht, und sind natürlich hinderlich. Es folgt ein langer Kampf, endlich siegt die Liebe, sie „kriegen sich". Wilde, phantastische Ausputzungen, unmögliche Situationen, Fälschung der Wahrheit durch Lobhudelung der neuen und Verleumdung der alten Generation, — das sind die Grundzüge dieser Bücher. Vergiftung der Phantasie, Erzeugung krankhafter Vorstellungen von der Bildung und ihren Aufgaben waren die natürlichen Folgen dieser ..Dichtungen". Diese Epoche brachte uns aber auch den Mendele Mau eher Sphorim,*) einen Schriftsteller von Gottes Gnaden, der jeder lebendigen Litteratur zur Zierde gereichen würde. In jedem seiner Bücher ist das jüdische Leben verkörpert. Sein bestes Werk, „Die Kliatsche",**) ist zum Buche des jüdischen Volkes schlechtweg geworden und verdient einen Platz in der Weltliteratur. Ich weiss nicht, mit welchem Buche ich es vergleichen soll. Es ist, wie alles wirklich Originelle, unvergleichlich. Mendele ist individuell und kraftvoll, ein wahrer Künstler. Er ist Realist im besten Sinne und dabei feiner Psychologe. Mit einem Satz entwirft er einen Charakter, mit einer feinen Zeichnung malt er die Seele. Die Sprache steht ihm für die Schilderung der Natur wie des Innenlebens in seltener Weise zur Verfügung und er entlockt diesem spröden jargonischen Instrument die zartesten Töne. In seinen Werken lacht- und weint, ächzt und jauchzt die jüdische Volksseele. Noch ein Buch, das freilich mehr Wahrheit als Dichtung enthält, soll hier Erwähnung finden: ..Der jüdische Erev-Pessach." Es ist anonym erschienen, hat aber den hervorragenden und genialen Talmudforscher Schatzkes zum Verfasser. Das Buch schildert das jüdische Leben Russlands während der Zeit von Purim bis nach Pessach, und es ist eine Schilderung grandioser Art. Das Buch ist ein echtes Denkmai des innerlich und äusserlich geknechteten jüdischen Lebens. Schade, dass der Verfasser nur diese vier Wochen und nicht das ganze Jahr geschildert hat. Er wäre dann der Lebensmaler des russischen Ghettos. In den 80 er Jahren tauchte auch die höhere Form der Dichtung, das Drama, im Jargon auf. Aber die Zeit war zu früh für die Pflege des Kunstsinnes in höchster Gestalt, der Geschmack war noch nicht geläutert. Die Männer, die sich auf dieses Gebiet wagten, waren nicht dazu berufen. Dichter und Schauspieler arbeiteten mit den primitivsten Mitteln und hatten nur den einen Zweck, die mehr als anspruchslosen Zuschauer zu unterhalten. So konnte nur eine Karikatur entstehen, die ohne jeden höhern Wert ist. Der *) Bekanntes Erbauungsbuch für Frauen. "*} Gelegenheitsdichter, Witzling, Reimkünstler. ") Mendele Buchhändler, Pseudonym für S. J. Abramowitz. **) Die Stute, Symbol für das leidende Judentum.