Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 2)
- Language
- German
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181 Fabius Schach: Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur. 182 der' Verwilderung bietet, — wer mag es leugnen? Aber auch das ist nicht das Werk der Willkür, tiefe Ursachen haben hier ihre Gewalten gezeigt. In den unsäglich traurigen politischen und sozialen Verhältnissen einer flnstern Zeit, in dem unvergleichlich schweren Kampf ums Dasein der russischen Judenheit, musste der Sinn für Schönheit und Harmonie geschwächt werden. Das zeigte sich in der fast national gewordenen asketischdüstern Lebensanschauung zur Genüge. In der Sprache trat diese Erscheinung noch krasser hervor, weil der Jargon Jahrhunderte hindurch nur Lebens - und nicht Kultur- und Litt erat Ursprache war. Die jüdische Kultur in Russland war bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein identisch mit dem Religionsleben, und für dieses hatten die Juden eine andere Sprache, die hebräische. 1 )as Beten und Studieren geschahhebräisch. \ )er Jargon war *lie Sprache des Körpers, Hebräisch die der Seele. So blieb dieses linguistische Stiefkind bis in das sechste Dezennium des verflossenen Jahrhunderts hinein ohne Litteratur. Ohne Litteratur ist eigentlich nicht ganz richtig. Ks gab wohl eine Andachts- und Erbauungslitteratur niedrigster Art im Jargon. Für die Frauen und die geistigen Parias des Volkes, die das Hebräische wohl lesen, aber nicht verstehen konnten, übersetzte man die Gebete und die Bibel und auch einige exegetischmoralische Schriften ins Jüdisch - Deutsche. Diese Uebersetzungen, von unkundiger Hand besorgt, bilden ein Kauderwelsch tragikomischer Natur. Die Uebersetzer glaubten nämlich eine besondere Weihe heraufzubeschwören, wenn sie für diesen heiligen Gebrauch Worte wählten, die im profanen Leben fremd waren und die kein Mensch verstand. Und die armen Frauen lasen dieseBücher ohne Lust, als religiöse Pflicht, und diese Schundlitteratur bildete ihre einzige geistige Nahrung. J. L. Percc (Warschau). Erst ums Jahr 1860 herum begannen die Anfänge einer beachtenswerten jargonischen Litteratur. Eisik Meier Dick, ein hervorragender Talmudkenner und klarer Kopf, wurde zum Regenerator der jüdischen Volkslektüre. Er war der erste, welcher Bresche in diese Festung der Finsternis legte. Er begann die Frauen und die ungebildete Masse aufzuklären und Erzählungen aus dem jüdischen Leben zu schreibeil. Wenn einst die Kulturgeschichte der russischen Judenheit geschrieben wird, wird man diesem Kulturförderer einen Ehrenplatz darin anweisen. Er war für die Frauen und das eigentliche Volk, was Isaak Bei: Lewinsohn für die Intelligenz war: ein Kämpfer für Licht und Bildung. Freilich war Dick alles, nur kein Dichter. Er war geistreich, witzig, sarkastisch, gelehrt, — nur nicht Künstler. Aber mit seiner 'Kritik und seinen Schilderungen eröffnete er den geistig Enterbten in Israel eine neue Welt. Er geisselte in jeder Erzählung alle ererbten und anerzogenen Unsitten und Gebrechen, verbreitete Aufklärung und zeigte den Weg zur Besserung. Er war Tendenzdichter mit allen Licht- und Schattenseiten dieses Epithetons, und er war sich wohl selber dessen bewusst. Er schrieb unzählige kleine Erzählungen, die in Wilna erschienen und 8—10 Pfennig das Bändchen kosteten. Sie haben heute für den Laien keinen Wert mehr, sie sind längst überwundene Vorstufen, aber sie sind mächtige Steine im Entwickelungsbau, ungemein bedeutend für den, der das Werden studiert, um das Gewordene voll zu gemessen. Dieser Dick stand fast aliein da. Er wirkte eben mehr auf die Vernunft als auf die Gefühlswelt, er konnte keine Schule machen. Denn nur der Ton der Seele, die wahre Dichtung, erhebt, begeistert und weckt Nachahmung. Streng genommen waren ja all diese kalt und bewusst erdachten Erzählungen nur eine neue Art