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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 179 - 180

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Der deutsch-jüdische Jargon und seine Litteratur
Date
1901-03-01
Page
Seite 179 - 180 (sequence 1)
Language
German
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179 ISO DER DEUTSCH-JUEDISCHE JARGON UND SEINE LITTERATUR. Von F ab ins Sc Ii ach. Wenn ein Deutscher über die östliche Grenze geht und zum ersten Mal die russischen Juden in ihrem eigenartigen Idiom sprechen hört, so wird er plötzlich in eine wunderbare, fast mystische Stimmung hineingezaubert. Gespannt lauscht er auf den Klang der Worte, die ihn bekannt und doch fremd, anheimelnd und abschreckend berühren. Es sind offenbar deutsche Laute, die an sein Ohr schallen, und doch kann er sie nicht verstehen. Es ist keine blos geographische Grenze, die hinter ihm liegt, er ist in einer andern Welt. ..Sie mauscheln!" sagt der Laie verächtlich. Der Sprachphilosoph und Völkerpsychologe aber steht hier vor einer interessanten Erscheinung. Ein neues Gebiet mit fesselnden Problemen eröffnet sich ihm. Nein, der Jargon der russischen Juden ist kein „Mauscheln*4. Er ist keine durch willkürliche Verdrehung und Entstellung entstandene Mundart, sondern eine in sich geschlossene Volkssprache, die ihre Geschichte und ihre Entwicklung hat. Der Jargon ist eine lebendige Sprache einer grossen Bevölkerung. Er berührt das Ohr nicht unangenehm, wie etwa die Sprechweise der süddeutschen Viehhändler. Er ist nicht unschön. Er klingt wohl hart, wie jede Volkssprache, aber anziehend durch seine Frische. Er ist kernig, sarkastisch, bilderreich, knapp und charakteristisch, von lebhaften Gesten und von einem warmen Temperament begleitet. Also: eine Sprache, die wie kaum eine andere sich der Individualität der jüdischen Volkspsyche anpasst. Der Jargon ist thatsächlich die gegenwärtige Volkssprache der Judenheit par excellence. Er wird von ungefähr sieben Millionen Juden als einzige Verkehrssprache gesprochen und. von den andern drei bis vier Millionen zum grössten Teil verstanden. Wohlgemerkt: Es sind sieben Millionen Kulturmenschen, deren Organ diese Sprache bildet. Denn unter diesen sieben Millionen ist kaum ein Analphabet, kaum eine Person, die nicht schreiben und lesen kann. Dazu kommt noch, dass sie mit der deutschen Sprache wie kaum eine andere Sprache verwandt ist. Es lohnt sich also, ihr näher zu treten. Ja, man müsste sich wundern, dass man in Deutschland bis heute diesem Jargon so wenig Beachtung geschenkt hat, wenn nicht der Schlüssel dieses Rätsels gegeben wäre. Der Jargon wird nämlich mit hebräischen Lettern geschrieben, und diese Buchstaben sind der modernen Welt — von Juden und christlichen Theologen abgesehen — ebenso fremd wie die chinesischen. Der jüdische Jargon ist die deutscheSprache voriger Jahrhunderte in einer eigenartigen jüdischen EntWickelung. Der grösste und intelligenteste Teil der russischen Judenheit ist aus Deutschland gekommen, wo er auf der mühseligen Wanderschaft kürzere, oder längere Rast hielt. Diese neuen Einwanderer drängten den ursprünglichen russischen Juden durch die Macht ihrer Intelligenz die ihnen lieb gewordene deutsche Sprache auf. Anfangs war also diese Sprache rein deutsch, sie musste aber, durch innere und äussere Verhältnisse gezwungen, fremde Elemente in sich aufnehmen. Für rituelle Dinge, für religiöse und seelische Vorgänge wurden hebräische Ausdrücke gewählt. Für die Bezeichnung öffentlicher Institutionen und gesetzlicher Handlungen nahm man russische und polnische Wörter. Immerhin sind noch heute mindestens 80 Prozent der Sprache germanischen Ursprungs. Auch die andern Elemente passten sich in ihrer Gliederung, in Aussprache und Schreibweise organisch dem Ganzen an und verschmolzen zu einer Einheit. * * * Wie die Entwicklung des ganzen jüdischen Seelenlebens, so gestaltete sich auch der Werdegang dieser Sprache zu einem merkwürdigen Phänomen. Auch die geschichtliche Bildung des Jargons folgt wohl ehernen innern Gesetzen, aber sie sind komplizierter Natur und dem Laien kaum begreiflich. Es klingt paradox und ist doch wahr: die Unregelmässigkeit dieser Sprache ist ihre Norm. Aus Dissonanzen muss man sich hier die Harmonie bilden. Wild, sprungweise ging dieser etymologische Prozess vor sich. Die Sprache wurde nicht gelernt, sondern nur gelebt. Ohne irgend welche bindende grammatikalische Regeln und ohne autoritative Reformen, von Deutschland abgeschlossen und stets mit heterogenen slavischen Elementen in Berührung, musste die Sprache verwahrlosen und zu einer Anarchie werden. In jedem Landesstrich, ja fast in jeder Stadt Russlands spricht man den Jargon etwas anders. Das wäre nicht wunderlich. Wenn z. B. das O der Litauer in U, das U in Ü bei den Polen übergeht, so ist das leicht durch die Einwirkung des Klimas und den Einfluss der Nachbarbevölkerung zu erklären. Aber auch jeder Einzelne am selben Orte spricht oft anders, ohne zu wissen warum, und — man versteht ihn. Die leichte Bildung von neuen Zeitwörtern und die Verwandlung von hebräischen und slavischen Wörtern in Jargonformen gewährt eben einen zu grossen Spielraum für persönliclie Liebhabereien. Noch mehr als im Deutschen ist hier der Satz berechtigt: Jeder spricht und schreibt seine eigene Sprache. Daher ist diese Sprache so individuell und interessant für den Völkerpsychologen, aber auch so schwer zu ergründen für den Sprachforscher. Der relativ reinste Jargon wird wohl in Litauen, dem alten Sitz der jüdischen Intelligenz, gesprochen. Dass der Jargon ein Bild der Zerfahrenheit und

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