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Ost und West · 1901-03-01 · Heft 3 (März 1901) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 3 (März 1901)
Article
Moses
Date
1901-03-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 6)
Language
German
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171 Henry George: „Moses" 172 auch Christentum und Islam nicht freigeblieben sind. Seine Lehre gipfelte nicht in dem Satze: „Ueberlasse die Welt sich selbst, damit Deine Seele gerettet werde", sondern in den Worten: „Thue Deine Pflicht in der Welt, damit Du selbst glücklicher seiest und die Welt bessere" Er verschmäht auch die gesundheitlichen Vorschriften nicht, die zum Wohle des Leibes dienen konnteil* Was er in Aussicht stellte, war Friede und Ueberflttss und langes Leben und kräftige Söhne und Töchter. Es mag sein, dass Mosis Stellung zum künftigen Leben der des Stoikers entsprach, der da sagt: „Es ist Jupiters Sache, nicht die Meine." Es ist auch möglich, dass sich bei ihm schon damals die Reaktion zeigt, die wir in der Gegenwart beobachten können, nämlich, dass ein tiefreligiöser Geist sich gegen die Formen der Religion wendet, weil diese Formen zu Waffen, und Bollwerken der Tyrannei gemacht wurden. Sind doch. selbst Name und Lehren des Zimmermannssohnes umgewandelt worden in Stützpfeiler der sozialen Ungerechtigkeit. WTie sehr aber auch solche Gedanken Moses beeinüusst haben mögen, so kann ich unmöglich glauben, dass ein Mann von seinem Wandel, von seiner Gemütstiefe nicht weiter gedacht haben soll als nur bis zu den Grenzen des irdischen Lebens, dass er seine Festigkeit und seine Stärke nicht aus dem Vertrauen geschöpft haben soll, dass der körperliche Tod nur die Befreiung der Seele ist, dass er nicht überzeugt gewesen sein soll von der Existenz einer Macht im All, auf die er bauen konnte, über die Zerstörung des Stoffes und den Untergang der Welten hinaus. . . . Aber Moses sah seine Pflicht in der Aufgabe, die deutlich vor ihm lag. Er wollte den Grundstein legen zu einer Gesellschaftsordnung, in der Armut und entehrender Mangel unbekannte Dinge seien — wo der Mensch, frei von den niederen Sorgen, welche seine Energie zwecklos aufbrauchen, Gelegenheit hätte zu geistiger und sittlicher Vervollkommnung. Iiier ragt die Grösse des Mannes empor. Welche Weisheit und Voraussicht dazu gehört, schon in der Wüste auf Schutzmassregeln zu sinnen gegen die künftigen Gefahren eines geeinten Staates, davon soll die Gegenwart Zeugnis ablegen. In der vollen Glorie des neunzehnten Jahrhunderts, wo jedem Schulkinde Dinge geläufig sind, von denen die ägyptischen Weisen niemals auch nur träumten, wo die Erde , genau bekannt und die Gestirne gewogen worden sind, wo Dampf und Elektrizität in unseren Dienst gezwungen werden, und die Wissenschaft der Natur ein Geheimnis nach dem anderen abringt — da ist es nur natürlich, zurückzublicken auf die Weisheit der vergangenen Jahrtausende, wie der Mann zurückblickt auf sein Kindesalter. Und doch, bei allem Fortschritte der Wissenschaft, bei all dem enormen Gewinn an Produktionsmitteln, wo ist das Land in der civilisierten Welt, wo nicht heute noch Mangel und Unterdrückung wäre, wo die Massen nicht verdammt wären zu Arbeit ohne Unterlass, und wo nicht alle Klassen verfolgt sind von einer Gewinnsucht, die das Leben zu einem gemeinen Kampf macht, um zu erjagen und festzuhalten! — 3000 Jahre des Fortschritts, und noch geht der Schrei zum Himmel: Sie haben unser Leben bitter gemacht mit harter Arbeit in Mörtel und Backstein und mit allen Arten von Frondienst. 3000 Jahre Fortschritt, und die klagenden Stimmen der kleinen Kinder steigen mit auf in dem Schrei! Wir schreiten vorwärts und vorwärts, wir umgürten die Kontinente mit Eisenbahnen und verbinden die Städte mit Netzen von Telegraphen - drahten. — Jeder Tag bringt irgend eine neue Erfindung, jedes Jahr einen weiteten Fortschritt, vergrösserte Produktionskraft und weitere Absatzgebiete. Und die Klage über „harte Zeiten" ist lauter und lauter, und überall sind die Menschen bedrückt von Sorge und verfolgt von der Furcht vor dem Mangel. Mit schnellen, stetigen Schritten und wundervollen Sprüngen wächst die Fähigkeit der Menschenhand, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Und doch ist der Kampf um die blosse Existenz intensiver denn je, und die menschliche Arbeitskraft wird immer mehr zum billigsten Produktionsmittel. Neben überfüllten Waren-Magazinen fallen Menschen zusammen vor Hunger und beben vor Kälte; und im Schatten der Kirchen haust das Laster, das aus dem Mangel geboren ist. Elend inmitten des Ueberflusses, Unwissenheit inmitten der Kultur, Schwäche inmitten gewaltiger Kraft,--und suchen wir die erste Ursache von all dem, das unserer Civilisation eine schiefe und ungleiche Entwickelung giebt, so finden wir etwas, was dieser jüdische Staatsmann schon vor 3000 Jahren erkannte und zu verhindern* suchte. Moses sah, dass die wahre Ursache der Versklavung der Massen in Aegypten dieselbe war wie die, welche überall den gleichen Zustand zur Folge hatte: das Eigentumsrecht einiger Weniger aul das Land, auf dem und von dem das ganze Volk leben musste. Wo immer das unbedingte Besitzrecht das nach natürlichem Recht sich bei Arbeitsprodukten von selbst versteht, auch auf das Land ausgedehnt wird, da teilt sich unbedingt das Volk in die zwei Klassen der sehr reichen und der sehr armen, — da wird die Arbeit versklavt — da werden die Wenigen die Herren der Vielen, gleichgültig unter welcher politischen Form, — da entsteht Laster und Niedrigkeit, gleichgültig unter welcher Religion. Und mit der Voraussicht des philosophischen Staatsmannes, der nicht für die Bedürfnisse des Tages, sondern für alle Zukunft Gesetze schafft, suchte er, mit Mitteln, die seiner Zeit und den Verhältnissen entsprachen, diesem Irrtum vorzubeugen. Ueberall in den mosaischen Gesetzen wird das Land behandelt als ein Geschenk des Schöpfers an alle seine Geschöpfe — keiner hat ein Recht, es zu monopolisieren. Ueberall ist es ..nicht Dein Eigentum, nicht das Land, welches du gekauft, oder das Land, das du erobert hast, sondern das Land, welches der Herr, Dein Gott Dir giebt" — „das Land, welches der Herr Dir verleiht". Ünd mitteis praktischer Gesetzgebung, durch Bestimmungen, die er mit einem heiligen Charakter umgab, suchte er dem Unrecht vorzubeugen, das die alten Kulturen in Despotismus verwandelte, — das Unrecht, das in späteren Jahrhunderten Rom zu Falle brachte, das schuld war an der polnischen Leibeigenschaft und dem Elend Irlands, das Unrecht, das ganze Familien in einzelne Zimmer zwängt hier in dieser Stadt und die neuen Staaten jenseits des Atlantischen Ozeans mit Landstreichern füllt. Er sorgte nicht nur lür die gleichmassige Verteilung des Landes unter das Volk und für die Schonung des Landes durch das Brachjahr, sondern auch durch die Institution des Jobeljahres für die Neueinteilung des Landes nach jedem fünfzigsten Jahr — auf diese Weise die Möglichkeit der Monopolisierung verhindernd. Ich will nicht sagen, dass diese Bestimmungen das unbedingt "Beste zur Erreichung dieses Zieles waren, was damals ersonnen werden konnte; denn Moses hatte, wie alle grossen konstruktiven Staatsmänner mit den

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