Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Moses
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Henry George: „Moses*' 170 Thomas Poussin: Moses beschützt Jethro's Tfichter. Moses das grosse Prinzip auf, das in dem Worte liegt: „Ich bin." Und während er in schweigender Wüste nachdachte über das ewige Weben in der Natur, über die Grenze des Lebens — den Tod, und über den Tod als Ouelle immer neuen Lebens, da war es dieses „Ich bin*', das wie eine erlösende Botschaft an sein inneres Ohr drang. Das Fehlen auch nur der Erwähnung eines künftigen Lebens in den Mosaischen Büchern ist nur verständlich durch die Vorzugsstellung, welche jene Wahrheit annimmt. Nichts kann den Juden des Exodus bekannter gewesen sein als die Unsterblichkeitslehre. Die Fortdauer der Seele, das Totengericht, Lohn und Strafe in einer künftigen Welt waren das Hauptthema der ägyptischen Philosophie und Kunst. Aber die eine Wahrheit kann verdeckt oder beiseite geschoben werden durch die Intensität, mit der eine andere ergriffen wird. Und die Lehre von der Unsterblichkeit, so sehr sie auch in den tiefsten Tiefen der Menschenbrust begründet ist, kann so vermengt werden mit niederem Aberglauben und kann von Schlauheit und Selbstsucht zu einem so mächtigen Werkzeug der Unterdrückung gemacht und so missbraucht werden, dass sie dem ernsten Geiste des Gesetzgebers als ein Mittel zur Unterdrückung, als eine Fessel des Geistes, als ein Hindernis für jeden wahren Fortschritt erscheinen muss — ein Lügengewebe, mit dem die Schlauen die Leichtgläubigen umstricken. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele war offenbar in ausgesprochener Weise vorherrschend unter den Massen des jüdischen Volkes. Aber die Lehre, die Moses in den Vordergrund stellte, und auf die er all sein Können konzentrierte, ist oft beiseite geschoben worden von der Unsterblichkeitslehre und mag sich — bei Gelegenheit — vielleicht ähnlich dieser gegenüber verhalten. Er lehrt, dass die Handlungen der Menschen ihren Lohn linden in dieser Welt und dass eine Nemesis existiert, die mit nimmermüdem Fuss und mit erbarmungsloser Hand jedes nationale Verbrechen verfolgt und die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern — wenn es auch dem einzelnen in seiner beschränkten Einsicht oft scheinen mag, dass das Unrecht belohnt wird und die Bösen straflos aasgehen. Er lehrt den engen Zusammenhang zwischen den Individuen und der Gemeinschaft, von der er einen Teil bildet, erzeigt, wie in einem gewissen Grade alle leiden unter der Sünde des einzelnen, und das Leben eines jeden beherrscht ist von Bedingungen, welche die Gesamtheit ihm auferlegt. Es ist gerade die Bevorzugung dieser Wahrheiten, die den Gesetzen Mosis einen so eminent praktischen Charakter verleiht. — Er lässt die abstrakten Spekulationen beiseite, in denen der Gedanke sich so leicht verliert, oder seinen Ausdruck nur findet in Symbolen, die wieder zu einer Grundlage des Aberglaubens werden, er beschränkt sich vielmehr auf die Gesetze, von denen der Menschen. Glück und Elend auf dieser Welt abhängt. Seine Lehren haben nie zu jener ihrem Wesen nach selbstsüchtigen Askese gegeführt, die ein so hervortretender Zug der brahmanischen und buddhistischen Religionen ist, und von der