Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Moses
- Date
- 1901-03-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 4)
- Language
- German
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167 Heiuy George: „Moses" 168 Bauern die Arbeit und der Hunger, damit die über ihm herrlich und in Freuden leben konnten. Er hat sich niemals aufgelehnt. Jede derartige Regung war seit lange in ihm erstickt durch Einrichtungen, die ihn zu dem machten, was er ist. Er weiss nur zu leiden und zu sterben. Was immer für günstige Umstände wir auch annehmen mögen, — die Organisation und Durchführung der Befreiung eines grossen Volkes von einer solchen körperlichen und seelischen Tyrannei — gegen eine Armee von 1/2 Million geschulter Krieger — erfordert eine gewaltige und geniale Führerschaft. Aber diese That, so erstaunlich gross sie ist, ist nicht der Massstab für die Grösse des Leiters des Exodus. Nicht in der Befreiung vom ägyptischen Joch, sondern in dem konstruktiven, staatsmännischen Genie, das den Grundstein legte zu dem jüdischen Gemeinwesen, offenbart sich uns die unvergleichliche Grösse dieser Führerschaft. So wenig wir uns den Exodus vorstellen können ohne den grossen Führer, so wenig können wir uns die jüdischen Einrichtungen erklären ohne den grossen Staatsmann. Nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch gross, ist dieser Staatsmann erfüllt von jenem selbstlosen Patriotismus, der die Versuchung zurückweist, ein Scepter an sich zu reissen oder eine Dynastie zu gründen. Die Lehren der Geschichte, die Offenbarungen, der Menschennatur, wie wir sie täglich um uns sehen, würden uns lehren, in dem wesentlichen Unterschied zwischen jüdischen und ägyptischen Einrichtungen den Einfluss eines souveränen Geistes zu erblicken, selbst wenn die jüdische Tradition weder den Einfluss eines solchen Geistes bezeugen würde noch auch die beständige Neigung des Volkes, zu seinen gewohnten Ideen zurückzukehren. Immer und immer wieder werden murrende Stimmen laut, und kaum hat Moses den Rücken gewendet, als auch schon das ägyptische goldene Kalb aufgestellt wird unter dem Rufe: „Dies seien Deine Götter, Israel." Und auch die Stärke des monarchischen Prinzips zeigt sich in der Wahl eines Königs, sobald der weitreichende Einfluss des grossen Führers anfing nachzulassen. Es kommt nicht darauf an, wann oder von wem die Moses zugeschriebenen Bücher gesammelt wurden. Es kommt nicht darauf an, wie viel von seinen Gesetzen von früheren Zeiten übernommen, öder in späteren Zeiten hinzugesetzt wurde — ihre grossen Züge tragen den Stempel eines Geistes, der seinem Volke und seiner Zeit weit voraus nach Ursachen forscht für "Wirkungen, eines Geistes, der sich nicht von den Ereignissen tragen Hess, sondern auf einen endgültigen Zweck gerichtet war. Die wenigen Züge, die die Tradition uns von Mosis Charakter erzählt, die knappen Notizen, die, wo immer die Bibel gelesen wird, die Kammern der Phantasie mit den lebendigsten Bildern angefüllt haben, bestätigen dies in jeder Weise. Was wir von seinem Leben wissen, erklärt uns seine Ideen, was wir von seinem Wirken wissen, wirft ein Licht auf sein Leben. Es war keine Monarchie, wie sie in Aegypten zu voller Blüthe gekommen war, oder wie sie in ursprünglicher Form bei den Stämmen ringsumher existierte, was Moses zu errichten suchte. Es war auch keine Republik, wo die Freiheit der Bürger die Dienstbarkeit der Heloten voraussetzte, und wo das Individuum den höheren Interessen des Staates geopfert wurde. Es war ein Gemeinwesen, das das Individuum zur Basis hatte, ein Gemeinwesen, dessen Ideal es war, dass jedermann unter seinem eigenen Weinstock oder Feigenbaum sitzen sollte, wo ihn niemand stören oder erschrecken sollte — ein Gemeinwesen, in dem keiner verurteilt sein sollte zur Arbeit ohne Unterlass, wo selbst dem Sklaven eine Hoffnung blieb und selbst das Lasttier seinen Ruhetag hatte. Ein Gemeinwesen, aus dem bittere Armut verbannt war, wo die männlichen Tugenden, die sich aus persönlicher Unabhängigkeit entwickeln, einen starken National-Charakter herausbilden sollten — ein Gemeinwesen, wo jedes Mitglied umschlungen war von Familienbanden, die besser als Stahl und Eisen die einzelnen Teile zu einem lebenden Ganzen vereinigten. Nicht der Schutz des Eigentums, sondern der Schutz der Menschlichkeit — das ist der Endzweck des mosaischen Gesetzes. Seine Vorschriften wollen nicht den Starken helfen Reichtümer zu erwerben, sie wollen die Schwachen vor Ausbeutung und Unterdrückung schützen. Ueberall stellen sie Schranken auf gegen Selbstsucht und Habsucht, die, wenn sie ihren Lauf hätten, die Menschheit scheiden würden in Grundbesitzer und Sklaven, Kapitalisten und Arbeiter, Millionäre und Landstreicher, Herrscher und Unterdrückte. Sein Sabbattag und Sabbatjahr sichern selbst dem Niedrigsten Ruhe und Müsse. Wenn die Posaunen das Jobeljahr ankündigen, geht der Sklave frei aus, die Schuld, die nicht gezahlt werden kann, ist getilgt, und die Wiederverteilung des Landes sichert auch dem Aermsten seinen Anteil an Gottes Erde. Der Aehrenbinder muss etwas übrig lassen für die Nachlese, und dem Ochsen, der da drischet, darf man das Maul nicht zubinden. Ueberall und in allem herrscht das Prinzip unseres viel gebrauchten Sprichwortes: ,.Leben und leben lassen." Und die Religion, mit der diese Lebensregeln so eng verknüpft sind, trägt ähnliche Züge. Der Idee von der Brüderschaft der Menschen entspringt die von der Vaterschaft Gottes. Wenn auch die Formen denen Aegyptens ähneln, der Geist ist es, was Aegypten verloren hatte. Wenn auch eine erbliche Priesterschaft beibehalten wird, so wird doch das Gesetz — und das ganze Gesetz — verkündigt allem Volke. Wenn auch der ägyptische Ritus der Beschneidung beibehalten wird, und ägyptische Symbole in allen Aeusserlichkeiten des Gottesdienstes sich zeigen, so ist doch die Tendenz, die Form für den Inhalt zu nehmen, aufs Strengste verbannt. Erst wenn wir an die Apis und Eulen, an die heiligen Katzen und Ichneumons Aegyptens denken, offenbart sich uns die ganze Bedeutung des Gebotes: „Du sollst Dir kein Abbild machen." Und wenn wir — unter Form. Symbol und Gebot — den Gedanken suchen, von dem jene nur der Ausdruck sind, so finden wir den Grundzug der jüdischen "Lehre, ihren Hauptunterschied von den Religionen, in deren Mitte sie sich bildete, in ihrem Nützlichkeitsprinzip, in ihrer Anwendung des göttlichen Gesetzes auf das tägliche Leben. Das höchste Wesen Mosis ist nicht eine Gottheit der grauen Urzeit und der fernen Zukunft, die weit ausserhalb unseres Bereiches droben in den Wolken thront — sein höchstes Wesen ist vielmehr Unser Gott, unser, die wir heute leben, ebensowohl als der Gott unserer Urväter, und seine ewigen Gebote bringen Glück denen, die sie befolgen, und Unglück denen, die sie vergessen — in diesem Leben. Unter den täglichen Beispielen, wie eine vordem grosse Religion bis zur Versteinerung erstarrt war — inmitten einer Gesellschaftsordnung, in der die göttliche Gerechtigkeit zu schlafen schien, ging