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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 143 - 144

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bergab
Date
1901-02-01
Page
Seite 143 - 144 (sequence 6)
Language
German
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143 David Pinsky: Bergab. 144 weiter lächeln, aber gewaltsam bricht der ganze Schmerz ihrer Seele durch, da sie das Schmachgeld wieder erblickt. Sie begann schmerzlich zu weinen und zu jammern. Da erzählte er ihr denn noch, um auch sein Herz zu erleichtern, sein ganzes Missgeschick. „Bei Kaplan erkannt; Jechiel war da, Moses Beer; den Bart haben sie mir abgerissen," stammelte er. Sie weinte stärker und herzzerreissender, dass er am liebsten das Schmachgeld hinausgeworfen hätte .... Am nächsten Tage fürchtete er sich fast in die Werkstatt zu gehen. Wo sollte er den Mut hernehmen, ein Wort zu reden oder auch nur die Augen aufzuschlagen? Aber schliesslich: mehr als lachen können sie doch nicht. Und doch wünschte er, dass die Stunden bis zum Arbeitsbeginn sich langsamer hinschleppten. Er stöberte herum, machte sich zu schaffen und drehte sich im Zimmer umher. Gittei fühlte schmerzlich, warum erzögert. Die Arbeitszeit hatte längst begonnen. Endlich zwang er sich fort. Aber je näher... er . der Werkstatt kam, desto matter fühlte er sich. Den ersten „Guten Morgen" fürchtete er. Er fürchtete Jechiel's Reden und den Spott seiner Genossen. Da fiel ihm ein, wie mutig und stark doch so ein Gläschen Schnaps machte; er hatte es ja erprobt. Sollte er sich jetzt wieder stärken? Sollte er sich jetzt wieder Mut trinken? Er erschrak bei diesem Gedanken und ging hastiger zur Werkstatt. „Guten Morgen, Ahasveros," riefen ihm die Arheiter zu. „Nun, hast Du was Gutes eingeheimst?" fragte Jechiel, ihn schon duzend. „Weinen thut er. Bei Abraham Baruch Kaplan hättest Du schon was Ordentliches bekommen. Ich habe mehr als ein Rubel Tausgetragen. Aber der Narr hat sich zerweint." Ein anderer witzelte: „Wahrscheinlich hat er nach Waschti geweint." Simon schoss das Blut in die Wangen. Er zerbiss sich vor Wut und Scham die Lippen. Grimmig wollte er erwidern, — aber trieb es ihm die Thränen in die Augen. „Wer ein Purimspieler werden muss, wird einer," sagte er. Als ihm aber ein Dritter zurief: „Von Dir, Simon, hätten wir es nicht erwartet. Das ist nicht Dein Geschäft." Da verfärbte sich Simon. Er hätte die Scheere und das Bügeleisen dem Arbeiter an den Kopf werfen mögen. Doch der Meister trat gerade ein. „Du bist nächtens als Purimspieler gegarigen? Jechiel erzählte doch so was." — „Er war doch Ahasveros," spöttelte ein Arbeiter. „Er wollte doch König werden." — „Das passt für Jechiel," meinte der AJeister, „nicht für Dich, Simon." Da fuhr Jechiel auf: „Warum für Jechiel? Jechiel ist kein Dieb, kein Spitzbube, kein Vagabund, nur ein armer Mann. Warum geht Jechiel als Purimspieler? Damit er zu Pesacli rüsten kann." — ..Schon gut, Du bist ein braver Mensch," versöhnte ihn der Meister. „Aber was war das mit Dir, Simon?" Simon sass wie auf Nadeln. Ihm tanzte alles vor den Augen. Er antwortete nicht. Er that, als ob er nichts verstände. Aber die Arbeiter spöttelten weiter. Noch lange. — Der Meister Hess Schnaps holen, weil doch Schuschan-Purim war. Simon wollte erst nicht trinken. Er wollte überhaupt mit seinen Genossen nichts mehr zu thun und zu teüen haben. Als man ihm Schnaps anbot, that er, als ob er nichts hörte. Doch wie seine Kollegen das als eine neue Gelegenheit zum Sticheln benutzten, dachte er bei sich: ein bisschen Branntwein würde ihn munterer machen. So nahm er denn ein Glas und wieder ein Glas; aber er hatte doch noch so viel Besinnung, dass er aufhören müsse, sonst würde er betrunken werden; und das sei ein Verbrechen. Nun wurde ihm wieder so schwer ums Herz, dass er wieder anfing zu weinen. „Sei doch kein Narr," riefen ihm die Anderen zu. „Wie kann man sich so haben? Wir machen doch nur Spass. Wenn Du schon als Purimspieler gehst, was ist denn dabei? Andere thun's doch auch." Er antwortete nicht. Er hatte nur einen Wunsch: weiter trinken. So goss er denn noch ein paar Gläser voll Schnaps in sich hinein. Er hörte auf zu weinen: er war gut betrunken. Die Augen fielen ihm zu. Wie Klötze sanken ihm die Arme herunter. Die Füsse konnten ihn kaum noch tragen. Tausend wirre Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Er hätte sich zerreissen mögen; mit dem Kopf gegen die Wand stürmen, schreien, jammern, heulen. Da fiel ihm ein, die Werkstatt lieber zu verlassen. „Lasst ihn nicht fort," riefen die Arbeiter. Jechiel packte ihn am Arme und. suchte ihn zu halten. Er riss sich aber los und ging. Er murmelte vor sich her: „Ich bin ein Verlorener, ich werd' schon ewig ein Verlorener sein. Für immer ein armer Mann und nun auch Purimspieler. Alles vorbei, vorbei! Und Gittei? Sterben oder sich betrinken. Was thut ein armer Mann? Sich betrinken. Nun bin ich schon ein Purimspieler. Ich mache mir nichts mehr daraus. Ich lache über alles." Und wie er nun weite wankte, hörte er hinter sich die Frauen tuscheln: „Simon ist gut betrunken." — „Und nächtens war er Purimspieler." — Ja, ja, wozu die Armut führt, aber man soll doch Mensch bleiben, wenn man auch arm ist." — Er wollte sich hinstellen, um zu antworten. Aber er hielt an sich und brummte nur vor sich hin. Und er ging direkt nach Hause. „Was wird Gittei sagen? — Alles eins! Alles eins!" Wie er nun ins Zimmer wankte, schrie Gittei auf: „O mein Gott!" Er Hess sich schwer aufs Bett nieder und dachte, er müsste sterben. Verzweifelt rang sie ihre Hände, raufte sich ihr Haar. „Simon, wie konntest Du Dich so betrinken? Das hat uns noch gefehlt." Er zog sie wild an sich, fasste ihre beiden Hände. „Ich kann das nicht überleben," schrie sie und riss sich von ihm los. Er stammelte: „Wein' nicht, Gittei, wein' nicht Gittei, es ist so traurig! . . . Ich musste trinken, ich konnte nicht anders. . . . Alle haben sie mich verlacht. . . . Wer bin ich? Jechiel ist meines Gleichen. Verstehst Du? Gittei, ich habe meine Welt verspielt, alles ist aus, wem' nicht, ich werde schon sterben, wein nicht. . . . Am nächsten Morgen, da er nüchtern war, fühlte er sich matt und schwach. Er wagte es nicht, Gittei in die Augen zu schauen. Er schämte sich vor den Ejndern, die ihn in seiner Trunkenheit gesehen hatten und sich jetzt noch furchtsam bei Seite stahlen. Er fürchtete, dass er wieder an den vergangenen Tag denken könnte. „Weiter fehlt mir nichts!" dachte er erschrocken. „Gittei" —. die Nacht hatte sie um zehn Jahre älter gemacht — „es war das erste und letzte Mal. . . Was ist aus mir geworden?" Gittei sah ihn traurig an. Er aber nahm sich vor, seinen alten, guten Namen wieder herzustellen, denn er fühlte, was er verloren. Als er wieder zur Werkstatt ging, sank aller Mut, den er sich gemacht hatte, wieder zusammen. Keinem mochte er ins Gesicht sehen; mit keinem wagte er zu sprechen. Jeder würde ihn verlachen, dachte er, wie einen Verworfenen. Auf ewig ein Verlorener, ein Verfallener! Und wirklich: die Leute verstanden ihn nicht und fühlten nichts mit ihm. Den ganzen Tag sass er über seine Arbeit gebeugt.

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