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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 145 - 146

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bergab
Date
1901-02-01
Page
Seite 145 - 146 (sequence 7)
Language
German
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145 David Pinsky: Bergab. Mit keinem sprach er ein Wort: mit sich selbst lag er im Kampf. Er wollte munter werden, wieder aufleben, aber um so unmutiger wurde er. „Ich Narr," wütete er gegen sich, ..bin ich denn so verloren, so vertiert! Was habe ich denn verbrochen?" Aber zwischen allen diesen Entschuldigungen schrie es in ihm: „Du bist ein Verlorener, ein Verfallener! Sterben, sterben, sich erhängen. Ah! besser ist's, sich gut anzutrinken und sich in den Strassenrinnstein zu werfen." Da erinnerte er sich, dass zu Hause noch eine Flasche mit Schnaps vom Purim stehe. Er sah sie deutlich vor sich. Halb voll noch, und sie lockte ihn zu sich . . . Wie gern hätte er diese Schreckbilder zerschlagen mögen, nicht an den Branntwein denken. Er zwang sich, den Gesprächen der Kameraden in der Werkstatt zu lauschen: aber die Flasche steht vor ihm und lockt und ruft. „Ach," seufzte er und blickte aus dem Fenster. Er möchte sich auf andere Gedanken drängen. Er singt sich ein Liedchen. Aber die Flasche steht vor ihm. Am Abend fürchtete er sich schier heimzugehen. Die Flasche daheim fürchtete er. Wenn er sich seine Furcht überlegte, musste er lachen, aber Furcht hatte er doch. Daheim wagte er es nicht, auf den Schrank zu schauen, wo die Flasche stand. Er setzte sich neben Gittel, als ob sie ihm Schutz böte. „Wie gut wäre es doch," dachte er bei sich, wenn der Schnaps fortgegossen würde." Doch Simon rührte sich nicht vom Flecke. Er schämte sich, Gittel zu gestehen, dass ihn der Schnaps ängstige. Im Geiste legte er sich ein Gespräch zurecht, das Gittel dazu führen könnte, den Schnaps auszugiessen. Da nun Gittel in die Küche ging, sprang er schnell an den Schrank, packte die Flasche, öffnete sie. um den Branntwein fortzuschütten, aber eine fremde Macht stiess sie ihm an den Mund .... — — Als Gittel nach einer Weile wieder hereinkam, sass er schon mit trunkenen Augen da. „Ach Gittel, schon alles eins," stammelte er, „verstehst! . . . Das Herz . . das Herz . . ich werde verrückt werden, ver- 3s^:ir^:5r^:*j^j$r^3r^:jr^i^ ur> stehst!" Thränen strömten ihm über die Wangen: „Das Herz .... das Herz.*" * Er warf sich aufs Bett, aber da er Gittel und die Purimspiel im Mittelalter. (Nach einer alten Illustration.) Kinder weinen hörte, hob er wieder den Kopf hoch und schaute sie an: r Alles eins . . alles eins." Und Simon bekam eine rote Xase und triefende Augen. Gittel wurde grau und welk. Eine alte Geschichte . . . Lesser Ury: Gedanken über jüdische Kunst. (Aus Aufzeichnungen und Gesprächen.) Der jüdische Künstler findet eher Förderung bei Christen als bei Juden. Der reiche Jude scheut zumeist vor jeder Dokumentierung seiner Abstammung zurück, möchte die Gedanken seiner Besucher von dieser ablenken und stapelt daher Kunstwerke aller Art auf, nur keine jüdischen, — während mancher Nichtjude die jungen Blüten des dreitausendjährigen Stammes zu schätzen und zu bewundern weiss. * * * Wenn das Judentum die Sehnsucht nach einer jüdischen Kunst haben wird, so werden auch die schaffenden Kräfte vorhanden sein.

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