Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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139 David Pinsky: Bergab. 140 Ein Gefühlsgewirr von Schande, Verzweiflung* und Furcht drohte seine Brust zu zersprengen — doch er raste weiter. Er wollte über etwas nachdenken — aber er hatte schon vergessen worüber. Die ganze Berechnung, wie er das erbettelte Geld verwenden würde, ging ihm verloren. Eine innere Gewalt hetzte ihn von Stube zu Stube, von Haus zu Haus. Nur wenn er aus den Höfen trat, fühlte er dunkel: Wieder weniger! Aber er wusste nicht mehr, was denn weniger wurde. In einigen Häusern musste er vorspielen, singen, tanzen, die Glieder verrenken. Mit eiserner Kraft musste er sich zwingen, bei der Sache zu bleiben. Er musste doch Mordechai und Haman antworten. Aber er wurde zerstreut und redete alles durcheinander. „Ich kann nicht mehr laufen," weinte Hirschele und hielt den Vater am Rockzipfel. Simon blieb stehen und blickte mit wirren, müden Augen sein Kind an. Da Jkam er zu sich. Er spürte, wie zerschlagen er war. Wenn sie jetzt doch schlafen gehen könnten? Er zog den Hut vom Kopfe. Uer Schweiss rann ihm in dicken Tropfen über das Gesicht. Sollte er heim gehen? Da griff er in seine Tasche, um seine Beute zu zählen. Doch er schämte sich des vor den Kindern. „Nach Hause gehen?" Er sann nach: ich wollte doch noch irgendwo hin gehen. Ach ja! Abraham Baruch Kaplan . . . der Dreirubelschein ruft und lockt. „Nochmals singen, nochmals tanzen und springen und die Glieder verrenken — und ich kann jetzt kaum noch auf den Füssen stehen . . . Aber die drei Rubel! — „Kommt Kinder, wir müssen noch in ein Haus. Dann aber gehen wir wirklich nach Haus!" . . . Und sie gingen zu Abraham Baruch Kaplan. Bei Kaplans ging es lustig her. Die ganze Strasse hallte wieder von all dem Schreien und Singen und Springen. Es waren sehr viele Gäste da; und Purimspieler kamen und gingen. In der Mitte des Zimmers johlte und hopste eine tolle Schar im Kreise herum um einen Spieler, der die wildesten Kunststücke unter trunkenem Singsang machte. Kaplan — ein wohlgenährter Herr — sass oben an einer reichbesetzten Tafel und rief in die Gesellschaft: „Fröhlich und lustig, liebe Leut! Noch toller muss es hergehen. Hoppa, Hu, Hoppa! Sehr gut, Bravo!" Und da der Clown mit seinen Verrenkungen aufhörte, rief ihn Kaplan zu sich heran. „Nimm einen Schluck Branntwein!" Simon, der eben ins Zimmer trat, erkannte den Tänzer sofort; es war Jechiel der Lange. Am liebsten wäre er entflohen. Aber schon hatte ihn Kaplan bemerkt und rief ihm zu: „Was stehst du denn da an der Thür? Komm nur herein!" Nun wünschten ihm alle im Saale „guten Purim" und stupsten ihn bis an den Tisch heran. Jechiel schrie: „Du. Ahasveros, du König, Narr du!" Aber Simon erkannte er nicht, dazu war Jechiel schon zu voll. „Sei still" — schrie ihn Kaplan an — ,.erst muss er doch was trinken und dann . . . nun giesst ihm schon ein!" Jechiel goss ihm ein grosses Glas voll. Was sollte Simon da thun? Ablehnen, weil er nicht trinke? Aber er fürchtete sich zu reden; natürlich, ein Purimspieler, der nicht trinkt! . . . Und dann, Jechiel könnte ihn an der Stimme doch erkennen. So sagte er denn tonlos: „Aufs Wohlsein!" und nippte ein wenig am Glase. „Was ist das?" — fragte Kaplan entrüstet — „bei mir wird nicht genippt. Bei mir wird alles ausgetrunken. Alles. Sonst wirds mit Gewalt in Hals und Nacken gegossen/"' Simon lächelte bloss. Ihm war schlecht zu Mut. Der Hals brannte ihm, und die Augen thaten ihm weh. Er wollte so gerne witzeln und sagen: Heut ist Purim. Morgen ist's aus. Gebt mir paar Kopeken und werft mich heraus. Das wollte er sagen. Aber keinen Ton bekam er über die Lippen. Verlegen langte er nach dem Glase, leerte es mit einem Zuge und — fing an erbärmlich zu weinen! So weint das Unglück allein. Alle erschraken im Zimmer. Und da nun gar noch die Kinder auch zu jammern begannen, sprang Abraham Kaplan zornig auf; „Nette Purimspieler. Was soll das heissen? Bei mir weinen? Werft sie hinaus!" Und einer von den Gästen gab Simon einen Fusstritt. Ein anderer puffte ihm in die Seiten. Aber Jechiel packte ihn am Barte, am falschen. Er blieb in seiner Hand. „Simon, Simon", schrieen jetzt, die ihn gestossen hatten und schreckten erstaunt zurück. Ihm war, als ob ihm spitze Nadeln ins Ohr sausten, wie er seinen Namen hörte. Die Kniee bebten. Aber er raffte sich mit letzter Kraft auf und lief hinaus. (Der ihm am nächsten stand, bekam noch einen Stoss.) Und die Kinder liefen hinter ihm drein. — Simon stürmte nach Haus. Wenn es nur noch recht weit wäre. Alles wirrte ihm im Schädel durch einander . . . Bergab! . . . Morgen werden ihm schon die Kinder auf der Gasse nachrufen: „Seht da den Purimspieler!£; Er fürchtete, dass die Leute ihn jetzt schon im Augenblick verhöhnen würden. Vor Scham wagte er es nicht, die Augen zu öffnen. Und Gittel?! . .. Sie durfte nichts erfahren. Wenigstens heute nichts. „Kinder! dass Ihr mir daheim nichts erzählt! Hört Ihr, was ich Euch sage. Macht schon ein Ende mit dem Weinen." Dann wischte er ihnen mit seinem Taschentuch die verthränten Gesichtchen ab. Aber die Kinder schluchzten wieder. Wütend schrie er sie an. Jetzt hielten sie krampfhaft den Atem. Doch bald zwang es sie wieder zu schluchzen, zu weinen. Simon sah, dass er mit Bösen nichts würde ausrichten können. So fing er denn zu schmeicheln an: „Ei, der hat einen guten Stoss bekommen." (Ihm war zu Mut, als müsste er jetzt auf einen hohen Turm klettern und sich hinab stürzen, dass er unten zerscbellte.) „Er sucht sich gewiss jetzt seine Knochen zusammen," lachte er weiter. „Nun, Haman, was weinst du? Uebers Jahr werden wirs besser machen." Uebers Jahr?? Ein Schauder kroch ihm durch alle Glieder. Uebers Jahr wieder Purimspieler?? Leibke sagt trocken: „Ich werde nicht mehr gehen." Das macht Simon wieder fröhlicher: Kinder sind ja Propheten. „Uebers Jahr werden wir glückliche Menschen sein", und freudig fasst er die beiden an und schlittert mit ihnen über die glatte Gasse, dass sie frohgemut und munter würden. „Uebers Jahr, da sitzen wir ruhig und lustig um den eigenen Tisch herum," meinte Leibke sicher. „Und süsse Speisen und alles Gute in Fülle", unterbricht ihn Simon, angesteckt von Leibkes Zukunftshoffnung. „Aber jetzt seid gut. Weint nicht und klagt nicht! Und erzählt nichts der Mutter," Er riss ihnen die falschen Barte ab, zerfetzte sie; und nun traten sie in ihr Stäbchen ein. — * * ::; Daheim im Stübchen war es licht und hell. Eine feierliche Stimmung ruhte über dem stillen Heim. Gittel und das älteste Mädchen hatten ihre Sabbath-