Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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137 David Pinsky: Bergab. J3S Ihr sollt Schauspieler werden. Du, Leibke, wirst Haman sein und Hirschele, ein braver Jude: Mordechai. Gittel sah das Spiel mit an. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken. Und brennende Thränen rollten ihr die Wangen hinab. Aber Simon wurde immer krampfhafter lustig und witzelte und scherzte (. . oh! was wird aus den Kindern werden? . .) Und über alle dunklen Gedanken hob ihn der Trost hinweg: Auch als Purimspieler kann man etwas Besseres sein! Ein bitterer Trost. Leibke lernte seine Rolle - mit halbem Zwang. Er wusste, warum er sie lernte. Indess Hirschele war voller Lust, mit ganzem Herzen dabei. Den ganzen Fasten-Esther schrie und sang und hüpfte er seine Rolle. Aber Gittel drehte weinend und jammernd drei schnurrige Barte zusammen. * * Hat je ein Weib so viel geweint, wie Gittel damals, in der Nacht zu Purim? Simon, der mit Witzeln sich seine Ruhe vorlog, fiel aus der Rolle. Thränen standen ihm in den Augen. Er erschrak und wischte sie hastig weg ... und witzelte weiter. Leibke sass in der Ofenecke und schluchzte in sich hinein. Hirschele verstand nichts von alledem. Er spielte mit dem Barte und lachte. Er übte seine Mordechai-Reden. Aber da sein Blick all die traurigen Mienen sah, setzte er sich still zu Leibke und fing auch an bitterlich zu weinen. Er wusste nicht warum. Er fühlte aber, dass hier etwas Böses vorging. Selbst die Meinen Mädchen, die sich mit den Barten belustigten und freudig in die Händchen patschten, wurden plötzlich verlegen stumm, wie sie die Mutter weinen sahen. Nun weinten sie auch . . . DieBärte! Gittel wollte sie zerfetzen.. . Allein Simon Hess es nicht zu. That er recht? Warum sollte sie die Barte nicht zerreissen? Er selbst hätte es nimmer vermocht. Er hatte kein Herz mehr dazu. Zu nichts. Auch nicht zum Reden. ... Da sah er die Schnapsflasche, die er zum Purim gekauft hatte. „Wir wollen mal kosten.44 Und er stürzte ein volles Glas hinunter. „Willst Du auch was .haben?" fragte er und stellte ihr das Glas hin. Sie wehrte ab: „Es ist schon so bitter genug____" Simon aber rief: „Kleine Bande! Haman und Mordechai! Seid lustig; kommt her und trinkt! Hört doch endlich auf zu Weinen.44 Aber die Kinder rührten sich nicht vom Fleck, „trinkt ihr nicht, dann trinke ich" — er war das schon zufrieden, dass er einen Grund hatte, noch ein Gläschen zu trinken. „Ahasveros darf betrunken sein", sagte er lächelnd. Er hätte so gern noch mehr getrunken. Doch Gittel nahm ihm die Flasche fort und sagt verzweifelt: „Du bist doch schon ein richtiger Purimspieler!" ... Simon suchte sie zu beruhigen. Er legte seinen Arm um sie und sagte lachend: „Verstehst Du denn nicht: Ahasveros muss doch betrunken sein. . . . Abraham Kaplan wiid drei Rubel schenken " Und nun sprang er mit lautem Ahu in die Höhe, ausgelassen und trotzig.... Sic hätte ihm am liebsten den falschen Bart herunterreissen mögen, da sie ihn so tanzen sah. Er aber stiess sie zurück. „Ich Ahasveros, König von Haudu bis Kusch" sang er mit der üblichen Melodie. „Nun vorwärts, kleine Bande!" Er nahm einen Rock, und nun gings fort mit den Kindern. Eine wilde Verzweiflung warf Gittel aufs Bett hin. Sie raufte sich das Haar wie eine Rasende und schrie. Simon hörte das laute Klagen noch. Sein Herz drohte ihm zu zerspringen. Schon wollte er umkehren. Aber er ging weiter. Die Kinder hinterdrein. Leibke seufzte, Hirschele guckte ihn scheu von der Seite an. Es war eine kalte Märznacht. Tausend glitzernde Sterne funkelten in die Gässchen hinab. Aus den Häusern klangen laute, fröhliche Gesänge — die rechte Purimfreude. Auf. der Strasse waren nur wenige Menschen zu sehen: ein paar verkleidete Purimspieler. ein paar geschäftige Almosenschinder. Der eisige Wind, der Simon um den glühenden Schädel blies, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er „Megilla". Aus dem 16. Jahrhundert. wurde wieder traurig. Ein dumpler Schmerz bohrte sich in ihn hinein, und siedende Thränen quollen ihm aus den Augen. Sollte er umkehren? Er stürmte vorwärts. Nur recht schnell aus dem Gässchen heraus! Dass man ihn nicht erkennte — trotz seines falschen Bartes. Als er den Tempeldiener sah, starb ihm jedes Glied ab. Doch der Diener ging vorüber, sah ihn an, aber erkannte ihn nicht. Da wurde Simon frohgemuter und sicherer. Aber er beschloss dennoch, nur in fremde Häuser zu gehen, wo man ihn nicht kannte. Wie er die erste Thür öffnete, pochte ihm das Herz wie einem Diebe. Er zwang sich hinein! Leibke- Haman fing gleich an seine Rolle herzusagen. Man Hess ihn nicht zu linde reden. Simon bekam 15 Kopeken — aber er sollte gehen. Wie ihm das erste . . . Bettel . . . Geld in der Hand brannte! Wie seine Glut ihn durchwühlte ... 15 Kopeken! Schon weniger. . . . Die Krämerin bekommt also nur noch drei Rubel und 65 Kopeken.... Wo bleibt der Bäcker und der Fleischer und das herannahende Passahfest. . . und die versetzten Sachen? — Im zweiten Haus war es wieder so. Hier bekam er 25 Kopeken und Hirschele noch ein Stück Torte. (Leibke wollte nichts annehmen.) .. Simon dachte: Xoch weniger! Die Krämerin bekommt nur noch . . . da fiel sein Blick auf die Torte in Hirscheies Hand. Er riss sie ihm fort und warf sie auf die Gasse. Kuchen brauchte er nicht. . . . Und Leibke gab seinem Bruder einen Puff: „Du sollst nichts nehmen, wenn man Dir was schenkt." Simon hörte diese leisen Worte. ... Er freute sich des Kindes. Es war doch sein Blut. Ihm wurde so warm um's Herz, dass er ihn hätte an sich ziehen mögen und ihn küssen — als . . . Dank! Aber er stürmte vorwärts. Er fühlte es wie einen Stich im Herzen : Er . . er durfte nehmen, wenn man ihm was schenkte?