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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 135 - 136

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bergab
Date
1901-02-01
Page
Seite 135 - 136 (sequence 2)
Language
German
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135 David Pinsky: Bergab. 136 und grübelte, wie er den Fleischer, den Bäcker, die Krämerin bezahlen könnte und dann: er konnte mit dem Aermel gar nicht fertig werden, an dem er jetzt arbeitete. Ihm war es unmutig und schwer ums Herz. „Hoffentlich wird dieser Purim nicht schiechter werden, als der im Vorjahre", fuhr Jechiel fort, „aber man muss tüchtige Genossen haben. Mit Jankele und Leiser ist nichts anzufangen. Leiser als Mordechai war zum Davonlaufen, und Jankele war so betrunken, dass man ihn thatsächlich forttragen musste. Nur gut, dass er den Ahasveros spielte: Ahasveros darf doch betrunken sein/' Alles rief: „„Jankele spielt seine Rolle ausgezeichnet."" Es war zum Lachen." — „Und Kaplan gab Dir einen Drei-Rubelschein?" fragte Simon, innerlich ganz uninteressiert. „Ich wünschte — erwiderte Jechiel — es soll mir in allem so gut gehen, wie ich einen Dreierl bekommen habe." Und als er aber doch noch in Simon's Gesicht etwas wie Ungläubigkeit merkte, fügte er hitzig hinzu: „Natürlich: er allein hat das Geld nicht gegeben. (Mit Euch kann man doch garnichts reden); es waren sehr viel Gäste da. Natürlich! Zu Purim werden bei ihm nicht viele Gäste sein! Wir waren bis tief in die Nacht hinein bei ihm. Was hat er mit uns alles aufgestellt!" Jechiel redete immer lebhafter auf Simon ein, der garnicht mehr wusste, dass er gefragt hatte: so war er ganz mit sich beschäftigt — und mit dem elend verschnittenen Aermel. — Als er auf seinem Heimweg am späten Abend beim Bäcker und Fleischer und bei der Krämerin vorbeiging, dachte er: „Wie gut thäte mir doch so ein Fünfrubelschein!" JechieFs Rede fiel ihm ein. „Ich werde am Ende auch noch ein Purimspieler" flüsterte er sich zu mit vertuschendem Lächeln. Aber schon packte ihn der Ekel. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinab, und Feuerbrände lohten in seinem Schädel. Der Gedanke — erschreckte ihn. Jechiel, .— ein Purimspieler. Und Simon . . . auch??! Jechiel war sein Lebtag Prolet. Innerlich und äusserlich. Ein roher, ungebildeter Kerl. Seine Mutter war eine Dienstmagd. Sein Weib eine Dienstmagd. Sein Vater ein Fuhrmann. Jechiel ist ein Säufer. Eine Knechtseele ohne Stolz, ohne höheren Drang. Er war der geborene Purimspieler! Aber . . .! Simon lief mit hastigeren Schritten vorwärts, als wollte er dem tosenden Sturme seiner eigenen Gedanken entfliehen. Und als er daheim war, da sang er lustig und tanzte und sprang wie lange nicht mehr. Aber die Gedanken Hessen ihn nicht los. Sie bohrten ihm im Schädel. Er baute tausend Pläne, seine Not zu besiegen. Aber alle unbrauchbar! Nur einer . .! Er hopst wie ein Wilder mit seinen Kindern durchs Zimmer, dass Gittel ihn verwundert anschaut. „Ach Gott" — so raunt es ihm ins Ohr — „wer wird Dich denn erkennen? Im Purim-Mummenschanz! Und dann kannst Du ja mit Deinen Kindern gehn. Das erfährt dann Keiner!" „Kinder?" Er bleibt wie erstarrt stehen. Das Herz krampft sich ihm zusammen. „Auch die Kinder, meine Kinder . . sollen Purimspieler werden?" Wie ein Schluchzen presst es ihm die Seele ab. Er zieht den' Hirschele an sich und drückt ihn an seine Brust, ihm mit eisiger Hand das Haar streichelnd. Und wie sein verthränter Blick auf Lebke, seinen Erstgeborenen fällt, da packt Simon der wuchtige Schmerz von verblassten Träumen: „Es ist doch alles verloren, alles. So wie so! Aus ihnen wird nichts werden! Nichts Höheres." Und verlegen schaut er um sich, ob Gittel ihm nicht gar die schwarzen Gedanken von der Stirn läse.. Und wenn?! Sein Entschluss standfest: er musste als Purimspieler zu den reichen Leuten gehen . . Gittel sass in sich gekehrt und besserte altes Linnen aus. Simon setzte sich zu ihr und streichelte ihr Wange und Haar. „Was sollen wir anfangen? Die Krämerin drängt. Und der Bäcker und Fleischer lassen einen nicht mehr leben." Und mit gemachtlautem, anklopfendem Lachen fügte er hinzu: „Man muss als Purimspieler gehen!" — Er guckt sie scharf von der Seite an, wie sein Vorschlag wirke. Sie seufzt und thut, als ob sie ihn nicht verstanden hätte. . . „Nicht wahr? Ein feiner Plan!" lacht er, und wünscht, sie soll ihn verstehen. Und fürchtet es doch. „Was denn??" murmelte sie. — Ernster . , aber doch noch lächelnd sagt Simon: „Es ist der einzige Weg." Jetzt blickt sie auf! Und sieht ihn mit fragenden Augen an; dann: „Ach, lass doch!" — „„Was soll ich denn anderes thun?"" fragt er, immer noch lächelnd. Denn er fürchtet sich, im Ernste davon zu sprechen. „Du meinst es ernst?!" presst sie hervor, und das Herz pocht ihr, als wollte es den Busen sprengen. — „Ganz ernst. Es giebt eben keinen anderen Ausweg!:< antwortet er, versuchend, das Lächeln aus seinen Mienen zu scheuchen. Da sprang Gittel entsetzt auf: „Bist Du toll?" schrie sie; und dunkle Röte ergoss sich über ihr Gesicht. Er zuckt mit den Achseln. Die Stirn verkrampft sich ihm in tausend Falten und Fältchen: „Mach es besser! Es giebt kein anderes Mittel mehr." Und als sie voller Verzweiflung, bleich und das Auge umflort von den sich empordrängenden Thränen ihn anstarrt: „Ach hör doch auf damit" — da sagte er liebkosend: „Ich hab' das ja alles nur . . scherzhaft gemeint." Sie fühlt, er hat nicht gescherzt. „Du Narrel" — sagt er herzig und weich, — „was weinst Du denn! Wozu die Aufregung — selbst wenn ich als Purimspieler gegangen wäre. Wer würde das erfahren? Ich rede ja nur so. Denk mal, ich würde Hirschele und Leibken die Rollen des Haman und Mordechai beibringen (er hatte das Gefühl, als hätte er einen Dolch in der Brust —). Ich würde mit ihnen zu den Reichen gehen. Wer würde uns erkennen? . ." „O, lass doch, bitte!" flehte sie ihn an. Er wurde still. An diesem Abend wollte er davon schweigen. Er wusste, wie sie antworten würde. Er wusste, dass die Thränen sie ersticken würden, wenn er im Ernste von den Kindern spräche. Er wusste das alles und schwieg darum. Aber einen andern Ausweg kannte er doch nicht! . . . Und morgen wie heut. Und Tags darauf wieder so. Die Krämerin drängte. Der Bäcker wurde ungeduldiger. Der Fleischer fluchte. Da pochte es in Gittels Herzen: „Wenn sie nun wirklich als Purimspieler gingen?! Sie könnte sie doch so verkleiden, dass niemand sie erkennte. . . Ach Gott, man muss sich vor sich selber schämen! . . Ach es ist ja alles aus! Bitter so und bitter so!" Die Maschine war verkauft. Die Betten hatte der Trödler. Die Wände standen kahl und leer. Der Vorschuss war auch schon verbraucht! Und die Krämerin . . Sie klagte ihm die Not. Es war zum Entlaufen! — Simon nutzte die Stunde: Er rief seine Jungen heran, Hirschele und Leibken, mit fröhlichem Lachen auf den Lippen und mit Wehmut . . natürlich im Herzen. „Kommt her! Ich will Euch in die Lehre nehmen.

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