Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Bergab
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 1)
- Language
- German
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133 134 BERGAB. Eine Purimgeschiclite von David Phisky.*) Früher hatte Simon keine rote Nase gehabt. Auch seine Augen waren noch nicht von roten Lidern umsäumt, und sie thränten auch nicht fort und fort. Im Gegenteil. Einst leuchtete sein Auge rein und klar, als thäte der blaue Himmel sich drinnen spiegeln. Und seine feingeformte Nase war zart, wie das ganze Gesicht des lieblich brünetten Mannes. Deswegen hatte ihn auch die schöne Gittel so lieb gewonnen und ihm Herz und Hand geschenkt — und 150 Rubel Mitgift. Nicht um seiner Schönheit willen allein; Simon war überhaupt ein prächtiger Mensch. Er war ein tüchtiger Schneider, um den die Leute sich rissen, und dem sie die höchsten Löhne zahlten. Doch weil er ein zu guter Mensch war, hatte er es nie zu Geld gebracht. Für sich hatte er nie etwas ausgegeben. Er war überhaupt kein gewöhnlicher Mensch. In seinen Mussestunden las er gern in weisen Büchern und lauschte den Worten gelehrter Männer. Unter den Arbeitern war er fast ein Aristokrat. Seine Mutter — stolz auf ihren alten Familien - adel —, wie hatte sie einst geweint, als ihr Liebling Handwerker werden musste! Aber etwas musste er doch schliesslich werden. Simon freilich hatte sich aus diesem Familienstolz nichts gemacht. Er war ein schlichter und fleissiger Arbeiter. Darum liebte ihn auch dieschöne Gittel. Darum sagten ja auch die Leute, als sich Gittel und Simon heirateten, ein so prächtiges Paar habe Gott noch nie zusammengeführt. Denn Gittel war nicht nur schön: sie hatte auch einen einträglichen Beruf. Sie war Perrückenarbeiterin. Und was sie sonst nicht noch alles verstand: nähen, stricken, waschen, kochen, backen. Und da sie sogar lesen und schreiben konnte, galt sie als ein hyperkluger Kopf — ein süsses und stilles Geschöpfchen. Es war eine lustige Hochzeit bei Simon und Gittel, und sie waren dessen sicher, dass ein glückliches und freudenreiches Leben ihrer harre. „Wird das ein Leben werden!" hatte Simon jubelnd ausgerufen, als sie am ersten Morgen nach der Brautnacht die Augen öffneten, und die Sonne ihnen so goldig entgegenschien. „Mein Lieb!" hatte sie ihm geantwortet und glückselig ihn geküsst und umschlungen, dass die Herzen lauter aneinander pochten. „Wir werden glücklich sein," — „„Simon!14" — „Wir werden schon weiter kommen!" — ,,„Geb*s Gott, mein Leben!"" Und sie presste ihn wilder und wilder an sich. Ein Weilchen später: „Ob wir nun weiter kommen oder nicht, wenn wir nur haben, was wir brauchen, und wenn wir nur in ewiger Liebe bei einander bleiben." Sie hatten sich eine kleine Wohnung genommen, zwei Stuben und eine Küche auf dem Hol. In einem abgelegenen Hause. Dann kauften sie sich nette Möbel, eine Nähmaschine; und Simon arbeitete nun für sich. Gittel legte natürlich ihre Arbeit beiseite und waltete als tüchtige Hausfrau, dass es eine Pracht \v;ar. Ihr Heim war wie ein Schmuckkästchen. Alles blinkte und blitzte. Und Friede und Freude und Glück weilten bei ihnen. „Wir wachsen," pflegte Simon ihr lächelnd ins Ohr zu flüstern. Das hatte eine doppelte Bedeutung. Erstens konnte er jede Woche zur Mitgift noch ein paar Kopeken zurücklegen von seinem Arbeitslohne und zweitens .... Gittel war guter Hoffnung. *) Deutsche Bearbeitung von Theodor Zlocisti. „Unsere Kinder sollen keine Schneider werden," pflegte er zu sagen und blickte sein Weib an mit warmer Liebe. „Ach, was sie werden, das ist gleich, wenn sie nur etwas Tüchtiges werden," erwiderte sie, und wie von Hoffnung und Gebeten leuchtete es in ihren Augen. „Alle werden sie studieren, sie müssen alle auf die hohe Schule gehen," so sagte er — und voll Glück und Freude pochten ihre Herzen. . . . Eines Tages kam nun in unser Städtchen ein Schneider, der bisher in Warschau gearbeitet hatte. Und kaum war ein Monat vergangen, da lief alles im Städtchen zu ihm, und die übrigen Schneider blieben fast ganz ohne Arbeit. Auch Simon. Bald musste er nun auch seine kleinen Ersparnisse angreifen, die mehr und mehr zusammenschmolzen, bis nichts mehr übrig blieb. Und seine Familie wurde grösser. Nach dem Erstgeborenen kam eine Zweitgeborene und dann ein Drittgeborener, dann ein Viertgeborener und so weiter.....die alte Geschichte. Und Simon bekam eine rote Nase, triefende Augen. Gittel wurde alt und welk, auch eine alte Geschichte. — --- — Die Sache kam so, Simon hatte einen schweren Winter. Er, Gittel und die Kinder waren leidend und kränklich, immer fort. Und die Zeiten wurden schlechter, dass selbst der Warschauer Schneider zu fluchen begann. Moskauer Kaufleute waren in die Stadt gekommen und verkauften in einem grossen Laden fertige Kleider. Auch auf Abzahlung. Und das lockte die Leute gar sehr in den schlechten Zeiten. Es gab immer weniger Arbeit, bis schliesslich selbst die besten Handwerker zu Arbeitern bei der Moskauer Firma wurden. Simon hatte schon seine Maschine verkauft und arbeitete nun auch in ihrer Werkstatt. Der Verdienst war klein: die Bedürfnisse der Familie wurden grösser und dringlicher, so dass er immer mehr und mehr in Schulden geriet. Der Fleischer, die Krämerin, der Bäcker, alles drängte ihn unaufhörlich. Was sollte er thun? Fast sein ganzes Hab und Gut war schon ins Leihhaus gewandert; und nun stand noch das Passahfest vor der Thür. Er ging in schwerem Sinnen und Sorgen umher. Was solite werden? Da flog ihm ein Gedanke durchs Hirn. Purim! . . Purimspieler. Seine Kollegen hatten ihn auf den Gedanken gebracht. In der Werkstatt wurde viel über die schwere Zeit gesprochen und geklagt. Bei so kleinem Verdienst, sagten sie, weiss man nicht, womit man die Feiertage bestreiten soll. „Vielleicht wird Purim uns etwas bringen," rief Jechiel, der Lange, „Vorjahren blieb mir ein Fünfrubelstück dabei übrig." „Nun?1* brummte Simon, ohne von der Arbeit aufzublicken. „Versteht sich," rief Jechiel, „einen Fünferl hab ich bekommen. Als Purimspieler gingen wir, Leiser, Jankele und ich. Das glaubt Ihr nicht? Komischer Mensch! Bei Abraham Baruch Kaplan haben wir allein drei Rubel bekommen. Warum sollte ich die Unwahrheit sagen?" Jechiel konnte sich garnicht genug thun. Er redete in einem fort, denn er glaubte gesehen zu haben, dass Simon ungläubig mit der Achsel gezuckt hätte. Aber Simon war gar nicht ungläubig, er hörte überhaupt nicht zu. Seine Gedanken waren wo anders. Er sann