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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 107 - 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 4)
Language
German
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107 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in der neuen Litteratur. 108 Akt ist vollendet; auch die erste Szene des zweiten Aktes ist ganz bearbeitet. Die wenigen Fragmente aus den folgenden Szenen vermögen uns ebenso wenig ein Bild des Ganzen zu geben, wie einige aphoristische Prosabemerkungen, welche in der neuen Ausgabe der Grillparzer'schen Werke den poetischen Fragmenten folgen. Eins aber erkennt man deutlich: Es ist ein durch und durch modernes Stück, sowohl in der Erfindung des Stoffes, als in den Charakteren der Personen. Das Moderne besteht hauptsächlich in folgendem: Haman ist kein übermütiger Polterer, sondern ein schlauer Intriguant, der sich äusserlich schwächlich bezeigt, um schliesslich alles durchzusetzen, jedem nach dem Munde redet und besonders auch seiner Frau gegenüber keinen energischen Widerspruch wagt. Diese Gattin scheint zu einer Hauptrolle bestimmt gewesen zu sein. Sie ist die Seele der Vasti-Partei, da sie die erste Hofdame der gestürzten Königin war. Dieser Partei gehören die vornehmen Hofbeamten überhaupt an; der ganze Hof ist infolge der Entfernung der Königin in Trauer, ebenso Ahasverus, der die Regierungsgeschäfte unerledigt liegen lässt und an einen Ersatz der Vasti nicht denkt. Dieser Gedanke der Wiedervermählung, hauptsächlich durch Haman erregt, wird von der ganzen Rotte der Höflinge bekämpft und die ganz unorientalische, durchaus moderne Frage ventiliert, auf Grund welchen Rechtes Vasti denn eigentlich verjagt worden sei. Ahasverus ist nicht der schwelgerisch-verweichlichte üppige orientalische Monarch, sondern aus einem ursprünglich milden, das ganze Menschengeschlecht mit seiner Liebe umfassenden Herrscher zum finsteren Tyrannen geworden, der die Höflinge hasst. Mordechai und Esther sind Typen, die mit dem Konventionellen der jahrhundertelangen Tradition brechen. Mordechai ist der Forscher, der, von dem Leben abgewendet, nur in seiner Religion lebt. ..Es lebt mein Geist in Zeiten, die nicht sind, Und die die heilgen Bücher rück mir führen. Ja. unser Volk, es ward von Gott bestimmt. Zu sein der Gipfel dieser weiten Erde, Der Mittelpunkt der Völker nah und fern. Und wie der Sonne Pracht, wie Mond und Sterne, Ob herrlich gleich ihr Reigen sich gebärde, ( ieschaffcn doch zum Dienst nur dieser Erde — vSo aller Völker Glanz und Herrlichkeit, In ihrer Siege, ihrer Macht Vereine, Für unser Volk, wie dunkel es auch scheine. Esther ist das naive, weltfrohe, aber kluge und' gute Kind. Sie ist frei von jedem Ehrgeiz, gar nicht von der Neigung erfüllt, dem Könige zu gefallen. Ja, sie treibt die Entsagung so weit dass sie den König geradezu auf Vasti hinweist. Das Zusammentreffen Esthers und des Ahasverus, nicht von dem König erzwungen, der vielmehr zornig ist über die Pläne, ihn zu beweiben, ist in seiner Schilderung durchaus modern. Der Herrscher befiehlt nicht, sondern er wirbt. Das Mädchen hat nicht zu gehorchen, sondern sie darf oder will überlegen. Es treten sich also nicht sinnliches Begehren und stummes Unterwerfen gegenüber, sondern leidenschaftliches Verlangen und mädchenhafte Erregung. Versteht man den Schluss des Fragmentes recht, so ist es eigentlich Esther, die, bezwungen von der Milde und Trauer des Königs, den ersten Schritt thut. Denn Esther war entlassen, verfehlt die Thür, kehrt zurück. Die Sklaven, wähnend, dass die Entscheidung des Herrschers getroffen ist, bringen den königlichen Schmuck. Der König redet ihr zu, zu versuchen, wie er ihr steht. (Da sie abhaltende Bewegung macht, indem er den Kranz wieder abgiebt.) Ich wussf es ja, mir ist kein Glück beschert, Und einsam wall' ich zu des Todes Pforten. (Esther ergreift schnell den Kranz und setzt ihn aufs Hanpt.) König. Hadassa! (Da sie den Kranz wieder abnehmen will.) Halt! lass ab! berühr' ihn nicht. Er soll noch nicht Entscheidung sein, noch nicht! Führt sie hinein, gönnt Ruh1 zur Ueberlegung, Ich selbst entferne mich nach jener Seite. Und wenn nach einer kurzen Stunde Frist Ich wiederkomme und von neuem frage: Hadassa? Esther. (An der Thür stehen bleibend.) Herr! K ö n i g. Es ist! Der Ton entschied. Nun fort yon hier! Ich selber will sie führen. (Er hat sie umfasst.) Und was Du meinst, vertrau es meinem Ohr. (Sie gehen, die Anderen folgen.) Wie der Dichter sich Fortsetzung und Ende seines Dramas dachte, können wir aus den erhaltenen Fragmenten und Mitteilungen nicht entnehmen. Vielleicht wurde dem Dichter der Stoff unsympathisch, weil er sich völlig von dem Gebotenen hätte entfernen müssen. Wir können nur denken, dass die Hofintriguen einen breiten Raum in dem Drama einzunehmen bestimmt waren, und dass auch die hauptsächlichen politischen Parteien jener Zeit — liberale und konservative — in ihrem Ringen um den Sieg dargestellt werden sollten. Das Ganze müsste, denn anders können wir es uns kaum denken, mit einem Triumph der Esther und der Ihrigen geendet haben, aber auch bei einem solchen Ende würde, wie wir annehmen, die Liebe mehr gewaltet haben als die Strenge. Alle bisher betrachteten dichterischen Leistungen der neueren Zeit rühren von Christen her. Es wäre nun überaus seltsam, wenn ein so eminent jüdischer Stoff nicht auch jüdische Dichter gelockt hätte. Gewiss ist bei der Feier des Purimfestes auch manche

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