Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Der Estherstoff in der neuen Litteratur
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 105 - 106 (sequence 3)
- Language
- German
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105 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in der neuen Litteratur. 106 Wenn in Goethe's Drama die Verzerrung oder Verspottung von Aufklärungsideen hervortritt, so zeigt sich in einem Puppenspiel, das gleichfalls nach Weimar, aber in eine spätere Zeit ca. 1830, also in die letzte Lebensperiode Goethes führt, die echte Aufkiärungsstimmung. Freilich das Puppenspiel selbst ist ziemlich bedeutungslos wie die meisten seiner Art, so dass es nicht nötig ist, auf die einzelnen Vorgänge einzugehen. Charakteristisch ist eben auch für dieses Puppenspiel, dass Kasperle die Hauptrolle spielt, und dass sein Nichtverstehen einzelner jüdisch - deutscher Ausdrücke Mordechai's — Esther spricht natürlich hochdeutsch — manche nicht unwitzige Bemerkungen hervorruft. Als einzige Stelle des Stückes, die wirkliche Aufklärungstendenz verrät, und von der es uns freuen mag, dass sie gerade aus Weimar stammt, soll die folgende hervorgehoben werden. Als Haman den König davon abzubringen sucht, dem Mordechai die ihm zugedachte Ehre zu erweisen, mit der Begründung, dass der zu Ehrende nur ein Jude sei, entgegnet ihm der König: „Was ist das für ein Ausdruck, nur ein Jude? Ist ein Jude nicht ein Mensch wie ich und Du? Sind die Juden nicht auch meine Unterthanen?" Das sind die Gesinnungen der neuen Zeit, in die wir nun treten. Der wirkliche Dichter sah sich einem anderen Geschlechte, einer anderen Entwickelung gegenüber. Die Juden hatten in der Revolutionszeit und in den Befreiungskriegen Bürgerrechte erworben. Sie waren gleichberechtigte Mitglieder des Volkes, in dem sie wohnten. Sie hatten begonnen, durch ihre Geldmacht eine Weltstellung einzunehmen, eine wesentlich andere als die Hofjuden früherer Epochen. Sie versuchten, in Wissenschaft, Kunst und Litteratur ihre Kräfte zu üben. Der wirkliche Dichter, der nun von ihnen sprach, der selbst in einem geschichtlichen Drama nicht von der Gegenwart abstrahierte, sondern in den Persönlichkeiten seiner Bühnenwerke manche litterarische Vorbilder oder Personen seiner Bekanntschaft als Modelle benutzte, musste ganz anders von den Juden und ihren Feinden reden, als die früheren Dichter. Also that Grillparzer. Aber auch in anderer Beziehung wandelte er seine eigenen Wege. Alle bisher behandelten Dramen lehnen sich unmittelbar und möglichst genau an das biblische Buch an. Erst Grillparzer trägt aus Eigenem hinzu. Sein Drama ist nicht vollständig erhalten. Nur der erste Der Triumphzug Mordechai's. Nach einer Radierung von Rembrandt.