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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 109 - 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-02-01
Page
Seite 109 - 110 (sequence 5)
Language
German
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109 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in der neuen Litteratur. 110 poetische Verherrlichung versucht worden, ausser zahllosen Purimfestspielen, in denen aber das rein Karnevalistischparodistische ohne besondere Beziehung auf den Tag und seine Geschichte überwiegt, giebt es sogenannte poetische Bearbeitungen genug. Sie sind indessen, soweit ich sie kenne, nicht ernst, sondern humoristisch, und haben ausnahmslos keinen poetischen "Wert. Man wird es gewiss jüdischen Dichtern nicht übelnehmen, wenn sie die Gegner mit aller Kraft der Verspottung, die Anhänger mit aller Lust der Liebe schildern. Aber Hass und Liebe haben es hier zu poetischen Gebilden nirgends gebracht. Vielmehr erscheinen die Judenfeinde als groteske Zerrbilder, die Juden zwar als bessere Menschen, doch ohne jede wirklich ideale Verklärung. Keiner dieser Versuche kommt daher in Betracht, wenn man von einer wirklichen Estherdichtung redet. Es kann natürlich nicht Aufgabe dieser Darstellung sein, Fingerzeige zu geben, wie eine solche Dichtung zu gestalten sei. Der Aesthetiker und Kritiker ist kein Dichter. Er will und kann nur vor Einzelnem warnen und das Ziel andeuten. Die "Warnung bei diesem Stoffe wie bei jüdischem überhaupt, muss die vor Selbstüberschätzung und Selbstbespiegelung, andererseits vor übertriebener Verachtung und ungerechter Herabsetzung der Gegner sein. Doch lässt sich nicht leugnen, dass ein poetischer Kern in dem Stoffe liegt: die Unterdrückung der Gewalt und List durch die Macht der Wahrheit, der Güte und der Schönheit. Eins nämlich muss der moderne Dichter sich klar machen: Er kann mit dem Stoffe nichts anlangen, wenn er sich sklavisch an die Ueberlieferung hält. So sehr er auch das Hinterlistige und Gewaltsame in der Partei Haman's darstellen mag, er wird nicht weiterkommen, wenn er in dem König den asiatischen Gewaltherrscher und den gemeinen Lüstling schildert. Vielmehr muss er, in Grillparzer's Wiegen wandelnd, in ihm den Monarchen darstellen, der seine Herrscherrolle von höherem Standpunkt ansieht, nicht aufgehört hat, Mensch zu sein und das schönste Herrscherrecht, nämlich Milde, walten lässt. "Wie man in dem König das Prinzip des Guten, so darf man in Mordechai das des Wahren schildern. Entsagend, auf die Erfüllung grosser Ziele bedacht, erscheint er schon in der Bibel. Es ist ein feiner Zug des modernen Dichters, dass er diesem auf die Erfüllung der Wahrheit Hoffenden zugleich auch das Forschen nach Wahrheit zuschreibt. Von der Schönheit der Esther weiss gleichfalls ehe Bibel zu berichten. Aber es ist nur jene passive orientalische Schönheit, deren Trägerinnen nichts von Widerstand, Selbstbestimmung, geistiger und Charaktergrösse kennt. Es wäre der Triumph einer neuen Dichtung, wenn sie in Esther die sieghafte Macht der Schönheit, zugleich, wie es Maria Janitschek in ihrer Novelle „Königin Judith" versucht hat, mit dem Triumph der Reinheit und der Unschuld darstellen könnte. Und so würde ein wirkliches Estherdrama nur eine Verklärung der drei Mächte sein, die den Inhalt aller Poesie von jeher gebildet haben und hoffentlich nicht aufhören werden, ihn ferner zu bilden: der Güte, Wahrheit und Schönheit. Lieder eines Juden* Von Theodor Zlociftt. I. Sebnfucbt. Betige, tiefe, frtedenretebe Hlle Sorgen, alle Bangbett, Bliitenduftge Cräumenacbt! ♦ ♦ Die der XTag ins Berz nur febrett, Dte vom halten Cag umfebnürte Scheucht mir meine naebtgeborne Sebnfucbt bat ftcb frei gemacht* Sebnfucbt taufend jVktlen weit. pocht mir an dte Bruft mit letfem Marcbenzartem ftnger an: JSte gebannte Lebensquellen Baben fieb mir aufgethan «. — ft II. Sormenhtrider. Hus allen gtftgen Blumen Und was ich als 3ude gelitten Sog tcb nur Boniglem»* In ftummer, verkrampfter Not: In allen Sturmeswettern Ich Tab drtn um betmtfebe f luren Hbnt' ich den Sonnenfcbetm Leuchtendes Morgenrot ♦ ♦ ♦

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