Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Der Estherstoff in der neuen Litteratur
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 2)
- Language
- German
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103 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in der neuen Litteratur. 104 Rachel, Berühmte französische Schauspielerin. (Line jüdische Darstellerin der Racine'schen Esther.) Jass gegeben hätte, in der der Hass gegen den Günstling des Königs, die Abneigung gegen den zu hoher Macht erhobenen Juden gleich stark vorhanden waren und in Ausrufen und in kleinen Aufstandsversuchen sich hätten zeigen können. Auch die Einheit der Zeit nötigt zu Seltsamkeiten, besonders zum Zusammenziehen der Handlung. Daher ist bereits am Anfang des Stückes der durch Haman bewirkte Befehl zur Tötung der Juden ergangen, und man mag das Ganze als eine in 24 Stunden sich abrollende Handlung annehmen. Da die Handlung für drei Akte infolgedessen sehr dürftig wird, sind viele Chorgesänge eingefügt. Diese Gesänge werden von den Begleiterinnen der Esther, \ron jungen Jüdinnen, vorgetragen. Gerade diese lyrischen Partien sind gewiss die schönsten des ganzen Stückes. Von den Personen des Stückes sind die genannten vier nicht bloss die hauptsächlichen, sondern man kann sagen die einzigen. Alle sonst Vorkommenden nehmen nur die Stelle von Vertrauten ein, die ja in. der französischen Tragödie des 17. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielen und hauptsächlich dazu dienen, die lästigen Monologe zu vermeiden und das dem Publikum zu wissen Nötige in Dialogen vorzuführen. Die neu erfundenen Personen dienen also, wie man wohl sagen kann, eigentlich nur als Sprachrohr, Elise für ' Esther, Assaf für Ahasverus, Hydaspe und Zares, letzteres die Gattin, für Haman. Während Racine im allgemeinen treu der biblischen Handlung folgt, hat er zur Charakteristik der Hauptpersonen manches Neue hinzugefügt. Um Haman's mordlustige Gesinnung, sein Auftreten gegen die reichen und mächtigen Juden zu erklären, erzählt er, dass er ursprünglich Sklave gewesen sei und sich erst allmählich zu hohem Ansehen erhoben habe. Er ist ein Ehrgeiziger, dessen Pläne allen verborgen sind, ausser seiner Frau. Diese sucht ihm ins Gewissen zu reden, dass seine Sorge für das Reich und den König nur eine angebliche, und dass sein Auftreten gegen die Juden nur die Wirkung semer zügellosen Herrschsucht und seines übereifrigen Strebens nach Selbstbereicherung sei. Auch Ahasverus wird nicht als der blosse Lüstling, Schwelger und als der Tyrann dargestellt, der reuelos augenblicklicher Eingebung folgt und ohne Bedenken Bluturteile unterschreibt; er ist vielmehr,, man möchte sagen, ein modern denkender Antisemit. Es thut ihm leid, nach dem Vorschlage Haman's den Mordechai zu grossen Ehren befördern zu müssen, und er tröstet sich über diese Ehrung nur dadurch, dass er meint, durch solche Gnade würden die übrigen Juden in ihrer Königstreue noch bestärkt werden. Zu dieser Handlung, an der Ahasverus beteiligt ist, kommt das Neue hinzu, dass er von dunklen Träumen gepeinigt, die Chaldäer, Astrologen, versammelt, um das ihm drohende Schicksal zu erfahren; das Orakel, das diese verkünden, ist durchaus im Sinne alter Orakelsprüche sehr dunkel: „die Hand eines treulosen Flüchtlings sei bereit, in das Blut der Königin zu tauchen. Dies konnte von den Judenfeinden auf die Juden bezogen werden, da ihnen bis zuletzt die jüdische Abkunft Esthers unbekannt blieb. Zum Schlüsse wird sie als auf Haman gemünzt betrachtet, weil ja seine flehende Stellung vor Esther als ein Attentat auf sie aufgefasst wird. Auch der Charakter der Esther erleidet einige Veränderungen. Sie ist die eifernde Jüdin, die Tag und Nacht über das Schicksal ihrer Glaubensgenossen nachdenkt. Sie weiss von dem König durch Bitten zu erlangen, dass sie eine Anzahl junger Jüdinnen in ihren Dienst ziehen darf, die den schon erwähnten Chor ausmachen. Um die Sorge für ihre Glaubensgenossen gerechtfertigter erscheinen zu lassen, stellt Racine das Schicksal der Juden im persischen Reiche noch schlimmer und bedrückter dar, als es in Wirklichkeit war. Auf Racine folgt Goethe. Sein kleines Estherdrama — das Einschiebsel in dem „neueröffneten Puppenspiel" 1774, geändert 1789 — ist eine Burleske, eine kecke Verspottung einzelner litterarisch bekannter Zeitgenossen. Mit dem Estherstoff hat diese Satire nicht viel mehr gemein als die Namen; eine selbstständige Charakteristik der Helden dieser Tragödie wird in den mitunter derben Versen nicht versucht.