Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Bildende Kunst und Judentum
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 5)
- Language
- German
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99 Leo Winz: Bildende Kunst und Judentum. 100 Hier wie dort stand es fest, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei: der wesentliche Unterschied bestand nur darin, dass man dort die Gottheit mit klarem Bewusstsein als ein rein geistiges Wesen erkennend, geistig aufTasste, was man hier sinnlich nahm. Aber auch hier hätte die blos sinnliche Auffassung und die äussere Nachbildung der Menschenfigur nimmer zu jener künstlerischen Vollendung geführt, wenn nicht der Geist mit seiner Wahrheit den Bedürfnissen der Sinnlichkeit wenigstens teilweise zu Hilfe gekommen wäre, wie sich dies eben in der Anwendung vollendet schöner Formen zur Darstellung des ethisch Vollkommenen, Heiligen kund giebt. Die Kunst im Jtieidentum ver- .df?nkt also ihren Ursprung zunächst der Sinnlichkeit; ienen eigentümlichen Zauber aber, den sie als Darstellerin des wahrhaft Schönen ausübt, und durch den sie. in der höheren Bedeutung des Wortes, Kunst ist, verdankt sie dem Geist und seiner teilweisen Erkenntnis der Wahrheit. Je mehr aber der Geist nach Wahrheit ringt und sich ihrer zu bemächtigen strebt, desto misstrauischer wird er gegen die Sinnlichkeit und ihre verführerischen Bedürfnisse und Reize. Ist — so dachte man im Judentume — in Gott allein die Wahrheit zu finden, dann ist das Gebiet der Sinnlichkeit dem der Wahrheit durchaus fremd, und nur in dem Grade, als man sich von jener entfernt, nähert man sich dieser; je freier von den Banden der Sinnlichkeit, desto näher der Hoffnung, in den vollen Besitz der Wahrheit zu kommen. Daher verstand es sich fast von selbst, dass man bei dieser vorherrschend geistigen Richtung des Judentums der bildenden Kunst, als einer Tochter der Sinnlichkeit, lieber ganz entschieden den Rücken zuwandte, als dass man sich der Gefahr aussetzte, durch ihre Pflege von dem Ringen nach Wahrheit abgehalten und auf Abwege gelockt zu werden. Wenn die Juden aus diesem Grunde in der Geschichte der Kunst eine untergeordnete Stelle , einnehmen, so "beweist es noch nicht, „dass sie für die Kunst so gut wie gar keine Befähigung besessen haben", wie es allgemein behauptet wird. (U. a. sagt Portig in seinem grossen Werke „Religion und Kunst41 wörtlich: „Die Juden sind nicht beanlagt für Philosophie und Kunst", und dann: „so ist denn unleugbar, dass die Juden für die bildenden Künste so gut wie gar keine Befähigung besessen haben".) Ein Volk, wie das jüdische, bei dem Geist und Gemüt in solchem Masse vorhanden war, muss auch Sinn für Kunst in hohem Grade besessen haben. Das echte Kunstwerk bedingt den Geist und eine, wenn auch nur teilweise Erkenntnis der Wahrheit, ebenso wie die nötige Kunstfertigkeit. Denn die Hand bildet überall nur nach, was das geistige Auge innerlich anschaut. Der griechische Redner Dio Chrysostomus sagte zum Bildner des olympischen Jupiter: „Du hast, o Phidias, eine grosse Verantwortung auf Dich geladen; denn früher, da wir von Gott nicht wussten, haben wir uns auch kein bestimmtes Bild von ihm entworfen, indem jeder nach seinem Gefallen sich eine Vorstellung ausmalte, und sahen wir Götterbilder, so schenkten wir denselben keinen besonderen Glauben. Du aber hast dieses Bild so herrlich gebildet, dass ganz Griechenland und wer es sieht, sich keine andere Vorstellung mehr von Gott machen kann. Hast Du nun auch die göttliche Natur würdig genug dargestellt?" Hier wird beim Künstler das Bestreben vorausgesetzt, das Geistige im Sinnlichen möglichst zu vergegenwärtigen. Beim Schaffen eines solch herrlichen Kuc twerkes, wie den olympischen Jupiter, würde die Kunstfertigkeit selbst eines Phidias nicht genügen, „wenn nicht auch der Geist mit seiner Wahrheit den Bedürfnissen der Sinnlichkeit wenigstens teilweise zu Hülfe gekommen wäre", wenn den Künstler nicht auch der Wunsch beseelt hätte, „das Geistige, das Ideal, das er innerlich anschaute, in einer möglichst würdigen Form darzustellen". Und an Geist und Idealen fehlte es, wie gesagt, in Israel nicht, aber ebensowenig fehlte es andererseits an Wertschätzung dei schönen Künste. Für das Verhältnis des Judentums zur Kunst im Allgemeinen ist prinzipiell von grosser Bedeutung, dass die Künstler den Propheten gleichgestellt werden. Die künstlerische Eingebung wie die Weissagung, werden in gleicher Weise auf den Geist Gottes zurückgeführt. 2. Mos. 31, 1—6 wird direkt ausgesprochen, dass Gott^ selbst die Künstler Bezalel und Ahaliab mit dem „Geiste Gottes" d. h. mit künstlerischer Weisheit ausgerüstet. Desgleichen empfängt Moses das Bild der Stiftshütte bis auf Einzelheiten des Kultus von Gott selbst, so wie die Dichter und Propheten ihre Inspiration ebenfalls auf Gott zurückführen. Verehrung und Wertschätzung der Kunst und der Künstler entspricht eben dem Wesen des geistigen Judentums, das aus seiner Mitte nicht nur die erhabensten Kämpfer für Recht und Wahrheit, sondern auch die glänzendsten Dichter und Sänger aller Zeiten hervorgebracht hat. Wo der Geist des Judentums sich bethätigt hat, da hat er nur Grosses und Vollendetes geleistet. Und so hätte er auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst sicherlich Vollkommenes leisten können, wenn er die Herstellung von Bildern und Denkmälern der Gottheit dulden durfte! Israel sollte aber ein Heros des Geistes werden; hätte es auch nur dem ästhetischen Kultus des Bildlichen nachgegeben, wer zweifelt, dass damals daraus ein religiöser Kultus des Bildlichen geworden wäre, der als Produkt der Sinnlichkeit sicherlich den gänzlichen Verfall des Judentums herbeigeführt hätte. Der Kampf gegen den Bilderkultus war also eine