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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 101 - 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bildende Kunst und Judentum
Date
1901-02-01
Page
Seite 101 - 102 (sequence 6)
Language
German
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101 Leo Winz: Bildende Kunst und Judentum. 102 Lebensfrage für den jüdischen Geist, der wohl in erster Reihe dem Bilderverbote seine Unsterblichkeit verdankt. Wir erblicken daher in diesem Verbote (das in den jetzigen veränderten Verhältnissen selbstverständlich überflüssig geworden ist) die erste gewaltige, weltgeschichtliche That, durch welche das Judentum als ein Lehrer und Erzieher der Völker sich ankündigte, durch welche es sich zunächst allerdings in möglichst schroffen Gegensatz zu allen übrigen setzte, durch welche es aber auch in den Tagen des Altertums schon die suchenden und sehnenden Blicke tieferer, von aller Schönheit ihrer Götter und Göttertempel unbefriedigter Gemüter ahnungsvoll nach dem „Völker-Bethaus" lenkte, das in stiller Hoheit droben stand auf dem Moriah-Berge, ein Leuchtturm, weithin leuchtend in wahnesfinsterer Nacht.] DER ESTHERSTOFF IN DER NEUEN LITTERATUR. Von Prof. Dr.. Ludwig Geiger. "(Schluss.) Der Inhalt der Racine'schen Tragödie ist folgender: 1. Akt: Esther mit ihrer Freundin Elise im Gespräch über die Wendung ihres Schicksals. Mordechai unterrichtet Esther von dem Bluterlass, fordert und erlangt ihre Teilnahme. Esther stärkt sich für die von ihr zu unternehmenden Schritte durch Gebet. 2. Akt: Hydaspe meldet Haman von der Schlaflosigkeit des Königs in der vergangenen Nacht und von der infolge davon eingetretenen Voriesung der Chronik. Haman äussert seinen Zorn über Mordechai. Ahasverus und Haman, Frage über die Ehrung des Mannes, Antwort Hamanns in der Voraussicht, dass er gemeint ist, Bestimmung des Ahasverus. Audienz der Esther, Bitte, dass er mit Haman bei ihr erscheine, sie habe ihm ein grosses Geheimnis anzuvertrauen. 3. Akt: Unterredung zwischen Haman und seiner Frau. Haman wird zur Königin geladen. Alle drei, ausserdem Elise, kommen vom Mahl. Esthers Erklärung, Entfernung des Königs, Haman 's Bitte, Missverständnis des Ahasverus, Vernichtung Hamairs. Einsetzung Mordechai's. Racine's Tragödie entnimmt natürlich ihren Stoff fast ausschliesslich dem Buche Esther, wodurch sich viele Anspielungen und wörtliche Anlehnungen an dieses Buch erklären. Missverständnisse sind verhältnismässig selten. . Doch lässt Racine den Mordechai vor der Thür des Palastes sitzen, nicht als Beamten, sondern wie einen Bettler, der die noch nicht erfolgte Belohnung für die ihm geglückte Entdeckung der Verschwörung erwartet. Ausser Reminiscenzen an das Buch Esther sind auch sonst viele biblischen Ausdrücke in dem Drama enthalten. (Jesaias, Psalmen.) Nur einige wenige mögen hervorgehoben werden, zu denen die Kundigen leicht die hebräische Fassung ergänzen können, wobei freilich zu bemerken ist, dass Racine gewiss eine lateinische Uebersetzune vor Augen oder im Sinne hatte. Einige dieser biblischen Sprüche lauten: „Sein (Israels) Name wird nicht zu Grunde gehen." „Gott spricht, und die Menschen kehren zum Staube zurück." „Durch den Ton seiner (Gottes) Stimme^wird die Erde erregt." „Alle Menschen sind vor seinen Augen, als wenn sie nichts wären." „Ich hebe meine Augen zur Höhe, von wannen mir Hilfe kommen soll." „Damit die Heiden nicht sprechen: Wo ist ihr Gott?" „Mit Licht umhüllt wie mit einem Kleide." r.Der Du über den Schwingen der "Winde wandelst." Die Racine'sche Tragödie zerfällt in drei Akte. Einheit des Ortes und der Zeit ist in dem Drama nicht so streng gewahrt, wie in den übrigen Racine'schen Stücken. Im ersten Akt ist ein Zimmer Esther1 s, im zweiten ein Saal des Ahasverus, im dritten Esther's Garten der Schauplatz. Diese Wahrung der Ortseinheit führt freilich zu manchen Ungehörigkeiten, dennTes ist nicht eben leicht anzunehmen, dass in dem Privatgarten der Königin ein geheimes Gespräch zwischen Haman und seiner Frau und eine Ladung Haman's durch seinen Getreuen stattfindet, während die übrigen Szenen, teüs Chorgesänge, teils das entscheidende Gespräch zwischen Ahasverus und Esther, die Anklage und Verurteilung Haman's ganz wohl an diesem Platz sich vollziehen können. Jedoch wird Racine durch die Beschränkung auf wenige Schauplätze genötigt, sich die wichtigsten Szenen entgehen zu lassen. Man denke, wie ein feiner Psychologe jene 'Nachtszene hätte schildern können, in der der schlaflose Ahasverus sich die Kunde des wider ihn geplanten Verbrechens nochmals verschafft und sich wegen der Nichtbelohnung des Retters abquält! Oder man denke, mit welchen Mitteln in jener prachtliebenden Zeit der Zug des vom König Begnadeten hätte dargestellt werden können, zu welch aufregenden Szenen die versammelte Volksmenge An-

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