Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- Bildende Kunst und Judentum
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 3)
- Language
- German
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95 Leo Winz: Bildende Kunst und Judentum. 9?» Nach Winkelmann (Versuch einer Allegorie, 8) waren es die Bilder, in welche zuerst die Dichter, dann auch die Philosophen ihre Ideen von göttlichen Dingen einkleideten, wonach später die Künstler die ihrigen entwarfen. Und Aristoteles giebt den Werken der Malerei und der Plastik den Vorzug vor den Schriften der Dichter und Weisen, „weil sie die Schönheit der Tugend sowohl, als die Hässlichkeit des Lasters viel kürzer, lebhafter und eindringlicher darstellen". Von solchen Versinnlichungs- und Vergegenwärtigungsmittcln zum Zwecke der religiösen Erziehung wollte die jüdische Religion keinen Gebrauch machen. Von anderen Gesetzgebern abweichend, die der Sinnlichkeit ihrer Völker befriedigend entgegen kamen, und ihr nur eine ihren höheren Absichten entsprechende Richtung zu geben suchten, legte der jüdische Gesetzgeber alles darauf an, sein Volk von allen Täuschungen der Sinnlichkeit fern zu halten und es nur durch den Glauben an den einen, keine Abbildung zulassenden Gott zu erziehen. Ganz Hessen sich allerdings die Rechte der sinnlichen Natur nicht verleugnen. Daher blieb auch dem Judentume die Symbolik nicht fremd. Schon in der mosaischen Zeit erhielt nicht nur der Gottesdienst überhaupt jenen feierlichen Prunk, sondern auch die Stiftshütte jene Zierraten der bildenden Kunst, welche, ohne der Abgötterei Vorschub zu leisten, das sinnliche Gefühl wohlthuend befriedigen konnten, vielleicht auch sollten. Diese Symbolik hatte aber eine nur vorübergehende Bedeutung. Die späteren geistigen Führer des Volkes, die Propheten, legten ihr gar keinen Wert mehr bei, weil sie überhaupt jeden äusseren Kultus und jede sinnliche Auffassung des Heiligen als Entstellung des Wahren und Ewigen betrachteten. Freilich entzogen sich auch die Propheten nicht der Notwendigkeit und der daraus entstandenen Gewohnheit in Hinsicht auf Gott und göttliche Dinge bildlicher Bezeichnungen in der Sprache sich zu bedienen. So stehen z. B. bei Jesaias, nachdem er sagt: „Wem wollt ihr Gott nachbilden oder was für ein Gleichniis wollt ihr ihm zurichten?" die Worte: „Er sitzt über dem Erdkreis u.s.w." Es wäre aber falsch, daraus auf die Art der Vorstellungen von Gottes Natur und Eigenschaften bei den Propheten Schlüsse zu ziehen. Es findet doch immer noch ein überaus grosser Unterschied zwischen bildlichen Darstellungen der Sprache und jenen der Zeichnung, Malerei und Skulptur statt. Die Sprache giebt häufig nur einzelnen körperlichen Gliedmassen oder menschlichen Thätigkeiten Beziehung auf die Gottheit, wobei der dem Bilde zu Grunde liegende Gedanke, die methaphysische oder moralische Bedeutung des Ausdrucks, sogleich dem inneren Auge sich darstellt, während im sichtbaren Bilde die einzelnen Glieder das Auge verletzen, eine ganze Gestalt aber die geistige Idee wenigstens nicht so unmittelbar und dringend anregt. Auch wechselt in der Sprache der Propheten ein Bild mit dem andern oder mit einem eigentlichen, unbildlichen Ausdrucke, woraus die wahre Beziehung von selbst erhellt. Andererseits aber ist überhaupt der Eindruck, den das Wort, die Sprache als unmittelbarer Ausdruck des Gedankens, und das edelste, reinste Organ, der Ton der Stimme, hervorbringt, weit weniger sinnlich und steht mit den Thätigkeiten des niederen Vorstellungs Vermögens und der Einbildungskraft in weniger naher Berührung als der Eindruck des angeschauten Bildes. Ganz anders verhält es sich mit der Darstellung des Malers und des Bildhauers, die sich nur sinnlicher Stoffe und Mittel bedienen müssen, um auf Einsicht und Gemüt zu wirken. Eine körperliche Darstellung der Gottheit war für die Propheten undenkbar. Da, wo jede materielle Schranke durch die Idee des absoluten, des allwirksamen, des alldurchdringenden, allbelebenden, und eben darum unbegreiflichen, undarstellbaren Geistes fallen sollte, wird im Bilde ein Sichtbares, ein Räumliches und Beschränktes, das offenbare Gegenteil dessen gegeben, was der Begriff enthält und fordert. Gott ist unsichtbar — folglich kann und darf er durch kein Bild dargestellt werden, war das Grundgesetz im Judentum. Gott ist unsichtbar — folglich bedürfen wir, um ihn uns zu vergegenwärtigen, eines sichtbaren Repräsentanten, war die Grundvorstellung im Heidentum, und die mannigfachen Formen des heidnischen Bilderdienstes beruhen wesentlich nur auf der Verschiedenheit der Ansichten, wie die Gottheit sich am besten repräsentieren lasse. Dem einen scheint die äussere Form ziemlich gleichgültig, und nur der Erfolg Regel und Form gewesen zu sein. So finden wir noch heutzutage bei manchen wilden Völkerschaften, dass sie es bald mit diesem, bald mit jenem Bilde versuchen, und dasjenige, welches sich beim Gebrauch am dienlichsten erweist, wird und bleibt, so lange dies der Fall ist, ihr Hauptgötze. Anders war es bei den Völkern, die auf einer höheren Stufe der geistigen Entwickelung standen. Ihnen genügte es nicht mehr, für die Gottheit irgend welches beliebiges Zeichen zu haben, sondern das Zeichen sollte auch der religiösen Vorstellung möglichst entsprechen und das Bild einen gewissen didaktischen Wert haben. So entstanden bei den Aeg}Tptern und Indern, indem sie an ihren Götterbildern alle Eigenschaften der Gottheit möglichst vollständig ausdrücken und an jedem Bilde sozusagen zugleich ein Kompendium der Religionslehre haben wollten, jene abenteuerlichen Missgestalten und Zusammenfügungen von Menschen- - und Tierformen, die den gewöhnlichen Beschauer mit Ekel und Grauen erfüllen, während der Religionsphilosoph in ihnen nicht selten sinnig zusammengesetzte Hieroglyphengruppen eines noch sinnigeren Mythus erkennt.