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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 89 - 90

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation?
Date
1901-02-01
Page
Seite 89 - 90 (sequence 5)
Language
German
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89 Prof. Dr. Martin Pliilippson: Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation? 90 mit seiner Vertretung prinzipiell beschweren, sondern Hilfe und Schutz da suchen, wo sie ihm gewährt werden können. Wir meinen, das wird im Grunde einigen unter den freisinnigen Herren nicht unangenehm sein. Vor allem sondert euch nicht ab, heisst es; sonst seid ihr, die verschwindende Minderheit, verloren. Verstehen wir uns doch recht. "Wir Juden Deutschlands wollen nach wie vor jüdische Deutsche bleiben, die deutsche Bildung, den deutschen Geist in uns aufnehmen, an den Geschicken und der geistigen Entwickelung des deutschen Volkes vollen Anteil nehmen. Aber wir sehen in aller Welt nicht ein, weshalb wir nicht daneben auch unsere besonderen jüdischen Angelegenheiten wahrnehmen sollen. Wirft man den Landwirten vor, dass sie keine guten Deutschen seien, weil sie in ihren Vereinigungen ihre besonderen Interessen vertreten? oder den Handwerkern? oder den Städten? oder dem Handelsstande? oder den Industriellen? oder dem Gustav Adolf-Vereine? Nur wir Juden sollen aui jede Selbständigkeit verzichten, wir sollen immer schweigen, immer uns ducken, immer hinter anderen Schutz suchen. Nun, das Ergebnis ist ja sonnenklar: man tritt ohne Scheu auf uns herum, und wir rufen noch Hurrah dazu. Es ist ein elendes Wesen. Sprechen wir doch einmal klar und deutlich aus, wie es uns ums Herz ist. Da zerstreuen wir am ehesten Missverständnis und Vorurteil. Sagen wir immer wieder, dass und wie wir gute Deutsche und zugleich gute Juden sind und zu bleiben gedenken — dann muss und wird das Geschrei von der „Absonderung" verstummen. Euer Thun ist nutzlos, sagen endlich die siebenmal Weisen; ihr werdet das deutsche Volk nicht bekehren, und den Regierungen habt ihr schwaches Häuflein keine politischen Vorteile zu bieten. Das letztere ist an sich unrichtig. Die massgebenden Kreise des Deutschen Reiches hegen von der politischen Bedeutung des jüdischen Elementes keine geringe, sondern leider eine allzu hohe Meinung. Sie sehen — mit Unrecht — in den Juden die wirksamsten Stützen der Sozialdemokratie und, was ihnen vielfach als das gleiche gilt, der freisinnigen Volkspartei. Ueberzeugen wir sie, dass das Judentum als solches weder mit dieser noch mit jener identisch, vielmehr, unbeschadet der Ueberzeugung und Stimmung des einzelnen, parteilos ist, so wird in den hohen Regionen eine wesentlich günstigere Anschauung platzgreifen. Das deutsche Volk aber stellen wir, bis auf den Beweis des Gegenteils, viel zu hoch, als dass wir annehmen, mannhaftes Eintreten für Recht und Wahrheit, beharrliche und massvolle Prinzipientreue, schlichter und warmherziger Opfermut würden auf dasselbe wirkungslos bleiben. Es ist das unseres Erachtens unmöglich. Haben wir nicht Beispiele von dem endlichen Siege einer kleinen, zuerst verachteten, angefeindeten, verspotteten Minderheit, wenn sie Recht und Menschlichkeit auf ihrer Seite hatte? Wir weisen nur auf die Anti-Sklaverei-Bewegung in England hin, die, im Beginne ein Gegenstand grausamen Hasses und Hohnes, innerhalb zweier Menschenalter in der ganzen Kulturwelt den glänzendsten Erfolg davon trug, so dass ihre Forderungen heute als völkerrechtliche Postulate erscheinen. Und noch in neuester Zeit dieDreyfusards? Sie hatten den leidenschaftlichen Widerstand von neun Zehnteln des französischen Volkes zu befahren, einen unvergleichlich leidenschaftlicheren und heftigeren Widerstand als wir Juden Deutschlands — aber sie setzten mit bewundernswertem Edelmute ihr Dasein, ihr Vermögen, ihre gesellschaftliche Stellung, ia ihre Ehre ein, und sie siegten! siegten innerhalb weniger Jahre. Die klugen Leute hatten ihre Niederkige, verbunden mit schlimmsterperscnlicher Schädigung, vorhergesagt. Allein sie vertrauten auf die besseren und schöneren Eigenschaften des Menschenherzens, und sie siegten! Hätten sie freilich ängstlich gefragt, was wird es nützen? was wird für uns daraus entstehen? werden wir nicht rechts und links anstossen? — dann würden sie fein stillgeschwiegen und damit das Unrecht sanktioniert, verewigt haben. Möchten doch alle Juden Deutschlands in eigener Sache dem herrlichen Beispiele folgen, das jene hochherzigen Männer in einer ihnen persönlich fremden gegeben haben: der Erfolg wird uns dann ebensowenig entgehen. III. Es bleibt eine, sehr wichtige, Frage: Was wird die Aufgabe der jüdischen Gesamtorganisation sein? Man könnte sie mit einem einzigen Satze beantworten: die Vertretung der Gesamtinteressen der Israeliten Deutschlands, die Wiedereroberung unserer Gleichstellung. Indes vielen erscheint dieses grosse und schöne Ziel zu abstrakt, sie wollen etwas „Praktisches" hören. So werden wir denn Einzelheiten nennen, nur die nächstliegenden, heute zu übersehenden; es werden sich nur allzu viel andere im Laufe der Zeiten einfinden. Die Gesamtorganisation der Israeliten Deutschlands, ihr Delegiertentag und sein Ausschuss sollen mit allen gesetzlichen Mitteln gegen die Beeinträchtigungen unsererverfassungsmässigen Rechte bei derReichsregierung, demReichstag, den Landesregierungen und denLandtagen ankämpfen. Sie sollen unermüdlich bei jeder solcher Gesetzwidrigkeit ihre Stimme erheben.Sie sollen die hohen Prinzipien des Judentums in Lehre und Sitte stets von neuem verkündigen und betonen. Sie sollen auf die Presse wirken, öffentliche Versammlungen veranstalten. Sie sollen bei den ^Wahlen überall, wo ein Erfolg möglich ist, die Frage nach der Stellung des Kandidaten zu der Gleichberechtigungssache erheben. Sie sollen ferner das berufene Organ bilden, mit dem die Regierungen über alle speziell jüdischen Fragen

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