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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 91 - 92

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation?
Date
1901-02-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 6)
Language
German
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91 Prof. Dr. Martin Pbilippson: Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorgaiiisation? 92 verhandeln können. Die immer wachsende Ausdehnung und Komplizierung der staatlichen Thätigkeit macht ein derartiges Organ dringend erforderlich, und wir wissen, dass in mehreren preussischen Ministerien das Dasein eines solchen lebhaft gewünscht wird. Delegiertentag und Ausschuss sollen bei Abschluss von Handelsverträgen, wie er in kurzer Zeit bevorsteht, darauf hinwirken, dass diese keine Ausnahmebestimmungen zum Nachteile jüdischer Geschäftsleute enthalten. Sie sollen die zersplitterten Bestrebungen zur Förderung von Handfertigkeit, Handwerk, Garten- und Ackerbau unter den Juden zusammenfassen und einheitlich gestalten — eine um so wichtigere Aufgabe, als aus mannigfachen Gründen der Zwischen- und Kleinhandel immer mehr zurückgeht. Sie sollen endlich den Schutz der Juden des Ostens nach Kräften übernehmen, regeln und in gedeihliche Bahnen lenken, indem sie sich, namentlich für den eigentlichen Orient, möglichst auf die deutsche Reichsregierung stützen, deren politischen Bestrebungen man damit entgegen käme. Das ist eine ganze Reihe von Aufgaben, die die Thätigkeit der Organisation und ihrer Vertreter in vollem Masse in Anspruch nehmen würden. Man wird nicht mehr behaupten können, dass Delegiertentag und Ausschuss nur eine pompöse Erklärung abzugeben hätten — und dann vom Schauplatze abtreten müssten. Im Gegenteil: ernste, anstrengende, weit ausschauende Arbeiten harren ihrer. Es ist ein grosser Augenblick im Leben des deutschen Israel — wird er ein grosses Geschlecht finden, nach der Weise der Väter, oder sind wir so entartet, dass wir aus lauter Zagheit und Schwäche dem Untergange widerstandslos entgegen gleiten? In manchen Daseinslagen, nicht nur einzelner, sondern auch grosser Gemeinschaften, ist Kühnheit der bessere Teil der Klugheit! BILDENDE KUNST UND JUDENTUM. Von Leo Winz. Von jeher sehen wir die Kunst im Bunde mit der Religion. Diese ist der Herd, von dem sie das Feuer ihrer. Begeisterung holte. Wären die Künste nur ein Spiel des Geistes oder eine äussere Zierde des Lebens — dieser Bund wäre nicht möglich. Aber die Kunst ist das Erzeugnis eines innersten Bedürfnisses, welches der Schöpfer selbst in den menschlichen Geist gelegt hat. Uralt ist sie daher, und wohl darf man sagen: Poesie war früher als Prosa, und die Kunst, Gedanken und Begebenheiten durch Bilder auszudrücken (bildende Kunst), früher als Schrift. Es ist dem Menschen unabweisbares Bedürfnis, den Gedanken seines Geistes durch das Mittel des sinnlichen Stoffes einen schönen Ausdruck zu geben, welcher edle Empfindungen anregt im Gemüt. Dieser Trieb hat seine Heimat im innersten Geistesleben des Menschen; eben da, wo im tiefsten Grunde der Seele die Heimat auch der Religion ist. In dieser innersten Welt grenzen sie nahe an einander. Es ist daher natürlich, dass sie auch, wenn sie in die Erscheinungswelt hinaustreten, einander nahe, und gerne im Bunde mit einander stehen. Es wäre aber thöricht, zu sagen, die Kunst habe nur insoweit Existenzberechtigung, als sie der Religion dient. Sie hat vielmehr ihr selbständiges Recht, denn sie hat ihren selbständigen Grund im menschlichen Geist, und die Geschichte zeigt, dass dies der Gang der Kunst gewesen sei, ihr selbständiges Recht zu suchen und geltend zu machen. Aber nicht minder lehrt die Geschichte, dass alle Künste von der Religion ausgingen und im Dienste derselben gross geworden sind. Die ältesten Bauwerke von Bedeutung waren Tempel und Grabmäler (die Bestattung der Toten gehörte überall zu den religiösen Pflichten). Die ältesten Gesänge waren Lobgesänge auf die Gottheit und Schilderungen ihrer Thaten. Tragödie sowohl als Komödie hei den Griechen hatten bekanntlich auch diesen Ursprung. Ebenso die Bildhauerei, die wir schon in ihren rohesten Anfängen im Dienste der Religion finden und an ihrer Hand zur Meisterschaft griechischer Künstler sich entwickeln sehen. Aber so vielen Wert auch die bildenden Künste an und für sich haben, so waren sie doch bei den Heiden grösstenteils zunächst aus Irrtümern über das Wesen der Gottheit hervorgegangen und wurden dann selbst Anlässe zu neuen Yerirrungen, indem sie sich zum Teil auf Begriffe der Vielgötterei und auf sinnliche Auffassung des göttlichen Wesens stützten. Ihre Religion wurde inhaltslos und entgeistigt und ging ganz im Bilderdienst unter. Mit der völligen Ausartung der Religion begann aber auch der Verfall der Kunst, die erst nach Jahrhunderten in der christlichen Kirche wieder aufblühte. Diese Entwickelung hat das Judentum nicht mitgemacht. Durch eine weihevolle Kundmachung vom Berge Sinai war den Juden jede Herstellung von Bildwerken und jeder Bilderkultus streng verboten, und in ganz Israel durfte nur ein Tempel geduldet werden als einzige heilige Stätte des einig-einzigen, heiligen Gottes. Die natürliche Folge davon ist, dass wir bei den alten Juden vergebens jene Werke der Malerei und Bildhauerei suchen, dass sich nicht bei ihnen jene wunderbare Leichtigkeit und vollendete Harmonie

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