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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 87 - 88

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation?
Date
1901-02-01
Page
Seite 87 - 88 (sequence 4)
Language
German
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87 Prof. Dr. Martin Philippson: Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation? 88 keineswegs in irgend einem Gegensatze zu den schon bestehenden Institutionen befinden. Sie soll vielmehr solche zusammenfassen, jede in der ihr eigentümlichen Art für den gemeinsamen Zweck in gemeinsamer Arbeit verwenden. Und dann soll die Vertretung der Gesamtorganisation, der israelitische Delegiertentag, dasjenige besitzen, was jenen trefflichen Einrichtungen fehlt: das Mandat und folglich das Recht, im Namen des gesamten deutschen Israel zu reden. Wir meinen, das ist eine schwerwiegende und einzige Bedeutung dieser Gesamtorganisation! Gerade in diesem Delegiertentage oder Judentage, oder Israelitentage, oder wie man ihn sonst nennen will, sehen viele eine Gefahr. Man weist auf den Katholikentag hin, der die klerikalen Herrschaftsgelüste repräsentiert, man spricht warnend von einem „jüdischen Centrum". Ja, Eines sollten wir von den Katholiken lernen: die Einigkeit. Insofern, aber nur insofern müssten wir in die Schule des Katholikentages gehen — sonst sind unsere Ziele himmelweit von den seinen entfernt. Schon weil sie es sein müssen, es wäre über die Maassen lächerlich, wenn die 600000 Juden im Deutschen Reiche auch nur entfernt daran dächten, auf dessen Geschicke einen ähnlichen Einfluss üben zu wollen wie die 20 Millionen Katholiken. Es gehört schon, wir müssen es offen sagen, Uebelwollen dazu, den Freunden der jüdischen Gesamtorganisation einen solchen Unsinn anzudichten — ganz abgesehen davon, dass wir alle, wenn wir ein jüdisches Centrum zu schaffen vermöchten, es doch nicht thun wollten. Werden aber die Reden auf dem Delegiertentage angemessen sein? werden nicht in diesen Versammlungen Ausschreitungen vorkommen, aus denen die Gegner Kapital schlagen und damit noch grösseres Unheil anrichten werden? — so fragen Aengstliche. Aber Ausschreitungen einzelner kommen überall vor, Disharmonien finden sich in allen öffentlichen Versammlungen und wirken oft dadurch Gutes, dass sie sofort ebenso öffentlich widerlegt und von den Mehrheiten laut gemissbilligt werden. Ein Delegiertentag, wie wir ihn beabsichtigen, wird derart zusammengesetzt sein, dass er freilich die allgemeine Stimmung unter den Juden wiedergiebt, aber in der veredelten Form, wie sie parlamentarischen Versammlungen eigen ist. Auf unsere Gegner, die Antisemiten, haben wir gar keine Rücksicht zu nehmen. Sie werden uns stets angreifen, beschuldigen, verleumden, wir mögen thun und lassen was wir wollen. Um vor ihren Anklagen sicher zu sein, müssten wir glattwegs verschwinden. Die Organisation ist nicht nötig, wenden andere ein; verlasst euch doch auf den gesunden Sinn des deutschen Volkes, der wird euch schon das euch Zustehende gewähren. Ach, die Welt wird leider nicht durch Vernunft und Gerechtigkeitsgefühl regiert, sondern durch die Leidenschaft. Ist es nötig, das in der Gegenwart zu beweisen? Hat .nicht das amerikanische Volk die Spanier ohne jeden Grund mit Krieg überzogen, um ihnen Cuba und die Philippinen abzunehmen? und hat diese demokratische Nation nicht die regelrechte Unterdrückung cler Freiheit der Cubaner und der Tagalen zu ihrem Grundsatze gemacht? Führt nicht das englische Volk, das sich so viel auf seine Besonnenheit, seine Moral und seinen Liberalismus zu gute thut, mit Einstimmigkeit den Vernichtungskrieg gegen die kleinen südafrikanischen Republiken? Und ebenso ist das deutsche Volk, in Oesterreich wie im Deutschen Reiche, durch die Lügen und die nationalistischen Spiegelfechtereien der Antisemiten mit ungerechtem Vorurteil gegen die Juden erfüllt. Nur wenn diese ihm in fester Haltung, durch ihre offiziellen Vertreter, durch kühnes und öffentliches Bekenntnis immer und immer wieder die Grundlosigkeit und Verwerflichkeit dieses Vorurteils vor Augen führen, ist hier eine Besserung zu erhoffen. Verlasst euch auf die liberalen Parteien, raten wieder andere, und zwar kluge und weltgewandte Männer; nur innerhalb der grossen politischen Strömungen vermögt ihr an euer Ziel zu gelangen; ausserhalb ihrer ist kein Heil. — Gewiss, wenn der Liberalismus im deutschen Reiche und Volke noch die gleiche Macht besässe, wie vor einem Vierteljahrhundert, könnten wir unsere Sache vertrauensvoll in seine Hände legen. Die treffliche, vorurteilslose Gesinnung, die so lange die Sache der Gewissensfreiheit verfechten lehrte, hat sich bei den meisten seiner Leiter nicht geändert, die bei jeder Gelegenheit mit Hingebung und Mut für das in uns gekränkte Recht eintreten. Aber wo ist dieser starke Liberalismus noch zu finden? Die nationalliberale Partei ist mit antisemitischen Elementen durchsetzt. Und was können die drei Dutzend Stimmen uns nützen, die die in sich gespaltenen freisinnigen Fraktionen zusammen im Reichstage und preussischen Abgeordnetenhause zählen? So bedauernswert es ist, thatsächlich regt jede Sache, die sie verteidigen, die Mehrheitsparteien und die Regierung zu grundsätzlichem Widerspruche, ja höhnischer Feindseligkeit an. Der einzelne unter uns wird sicher seiner Ueberzeugung treu bleiben und ihr gemäss die politische Partei, der er bisher angehört hat, auch fernerhin nach Kräften unterstützen. Aber die Gesamtheit unserer teuern jüdischen Interessen einer Partei übergeben, die noch soeben vor Regierung und Parlamenten, ja vor dem gesamten deutschen Volk in der Kornzoll-Angelegenheit eine zerschmetternde Niederlage erlitten hat, wäre geradezu grotesk, ja noch mehr: gewissenlos. Wen und was soll denn diese Partei noch schützen? Wir sehen, wohin wir mit jenem „Schutze" gekommen sind. Den innigsten Dank wird den freisinnigen Führern, zumal dem edlen Heinrich Rickert, das deutsche Judentum auch ferner zollen, aber sie nicht mehr

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