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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 85 - 86

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation?
Date
1901-02-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 3)
Language
German
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85 Prof. Dr. Martin Philippson: Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation? 86 Die zusammengefassten Pfeile in der Klaue des niederländischen Löwen haben ihn über die ungeheure Uebermacht Spaniens, dann Englands, endlich Frankreichs triumphieren lassen. Mut und Eintracht führten das Häuflein schweizer Bauern zum Siege über Oesterreichs zahlreiche gepanzerte Scharen. Und wie im blutigen Kampfe der Waffen, so im edleren Streite auf geistigem und sittlichem Gebiete: auch da bringen Mut und Eintracht das Gelingen. Sie erwecken Selbstvertrauen unter den Genossen, lösen alle edleren Empfindungen aus, verschaffen von aussen Achtung und Anerkennung, geben Gelegenheit und Einsicht, den boshaften Gegner zu überwinden, den nur getäuschten eines Besseren zu überzeugen. Die Juden leben zerstreut über ganz Deutschland, von Memel bis Kleve, von Konstanz bis Kiel. Sie sind in Tausende von Gemeinden gespalten, die nur in wenigen Teilen unseres Vaterlandes irgendwelchen Zusammenhang besitzen. Sie sind geschieden in Orthodoxe, Liberale, Reformer der mannigfachsten Schattierungen. Zu einen sind sie auf die Dauer nur durch eine bleibende, freiwillige, aber feste Organisation. Das ist so natürlich, so selbstverständlich, das ist durch so viele Beispiele ähnlicher Gemeinsamkeiten belegt, dass es jedem Unbefangenen sofort einleuchtet. Es gehört die ganze Ghettofurcht, die angeborene Aengstlichkeit, die Scheu vor dem gelben Flecken bei der älteren Generation der deutschen Juden dazu, vor solcher elementaren Forderung der eigenen Sicherheit und Würde zurückzuschrecken. Wenn man nur eifrig sucht, findet man der Einwendungen genug. Die berechtigtste scheint noch die: Wir haben schon dergleichen Organisationen; weshalb eine neue? Entweder sie erfüllen ihren Zweck, dann genügen sie; oder sie erfüllen ihn nicht, dann wird eine andere auch nichts nützen. Als solche Organisationen kommen in Betracht: 1. Der deutsch-israelitische Gemeindebund; 2. das Abwehrkomitee; 3. der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der deutsch-israelitische Gemeindebund ist bestimmungs- und satzungsgemäss lediglich auf den Ausbau des inneren Lebens unserer Glaubensgemeinschaft hingewiesen. Der Kampf auf Gabriel Riesser, hervorragender Politiker und Vorkämpfer der Juden-Emanzipation in Deutschland, gest. 1863. politischem Gebiete ist ihm untersagt. Er hat jetzt drei Jahrzehnte hindurch auf das segensreichste gewirkt, seine Thätigkeit auf dem ihm eigenen Felde dehnt sich beständig aus, grössere Ziele sind ihm noch gesteckt. Nicht ein Stillleben führt er, sondern er arbeitet unermüdlich, und die Früchte dessen sind jedem Kundigen bewusst. Würde er sich aber auf das klippenreiche Meer der Ecclesia militans wagen, so würden seine ganzen Institutionen zusammenbrechen. Das Abwehrkomitee arbeitet den Minengängen der Antisemiten entgegen. Es bethätigt sich in der Stille, weist jedes Hinaustreten in die Oeffentlichkeit [zurück. Wichtiges und Bedeutsames haben die geistvollen, geschickten und opfermutigen Männer gewirkt, die an seiner Spitze stehen — aber die Organisation, die uns im vollen Licht des Tages vertreten soll, ist es nicht. Am nächsten steht ihr der „Centraiverein". Allein dessen Leiter haben selber die Führung in der Bewegung übernommen, die den Israeliten Deutschlands eine dauernde Gesamtorganisation schaffen will. Der Grund ist: trotz seiner stets wachsenden Mitgliederzahl, trotz seiner rühmlichen und mutigenThätigkeit fehlt es dem Centraiverein — und muss ihm fehlen — an zweierlei, an dem öffentlichen Mandate, im Namen des deutschen Judentums zu sprechen, und deshalb an der moralischen Autorität, die alleseineMitgiiederaufdiegleichenreligionspolitischen Bahnen zwingt. Nur ein gewissermassen offizielles Mandat würde solche Autorität verleihen. Man verstehe uns recht: es kann bei der zu treffenden Neuorganisation nur von moralischer, nicht von materieller Macht die Rede sein; es kann sich bei ihr nicht um politische Ziele im allgemeinen, sondern nur um religionspolitische handeln; und endlich wird sie auf innere religiöse und kultuelle Streitfragen nie Einfluss nehmen. Das muss ihr durch ihre Satzungen untersagt sein, und mehr noch: versuchte sie es, so würde sie sogleich auseinanderfallen. Sie besitzt ja keinerlei Zwangsmittel. Ich dächte, diese Thatsache müsste den furchtsamsten Orthodoxen oder Reformer beruhigen. Die neue Gesamtorganisation soll sich auch

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