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Ost und West · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. Seite 83 - 84

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation?
Date
1901-02-01
Page
Seite 83 - 84 (sequence 2)
Language
German
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83 Prof. Dr. Martin Philippsoii: Bedürfen die deutschen Juden einer Gesamtorganisation? überhört sie. Wenn ein Vierteljahrhundert hindurch den Juden Vaterlandslosigkeit, Anmassung, Herrschsucht, Verlogenheit, Gier, Feigheit, ja Blutaberglaube unablässig vorgeworfen wird, wenn die Juden nur mit anonymen Flugblättern antworten oder mit Artikeln in jüdischen Blättern, die kein Nichtjucle liest, oder mit Reden in jüdischen Versammlungen, die kein Nichtjude besucht, so ist das Ergebnis eben das, das wir heutzutage mit schmerzlichem, aber oanz unbeo ' o gründetem Erstaunen wahrnehmen. Es gäbe freilich ein Rettungsmittel, auch ohne Verdienst der Juden: nämlich wenn eine starke und begeisterte liberale Partei aus Ueberzeugung und Mitgefühl für die Unterdrückten sich ihrer annähme. Das ist schliesslich in Frankreich geschehen und hat die französischen Juden gerettet. Aber eine solche starke liberale Partei giebt es weder in Oesterreich, noch in Deutschland. In Oesterreich ist der Liberalismus im Absterben begriffen; in Deutschland ist er — leider — tot. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass er einmal wieder erstehen wird, wie der Phönix aus der Asche — einstweilen ist er tot, und die wenigen trefflichen, opfermutigen und verehrungswürdigen Männer, die noch in seinem Sinne streiten, wissen das am besten. Sie erwarten eine Besserung nur von ferner, ferner Zukunft. Können wir deutsche Juden auf eine solche warten? Ich sage: nein! Wie weit ist es mit uns gekommen! Wir sind ausgeschlossen aus der Verwaltung, von dem höheren und niederen Lehramte, vom Offizierstande jeder Art, -jetzt auch fast im ganzen Reiche von der richterlichen Laufbahn. Der preussische Justizminister trägt kein Bedenken, zuzugeben, dass nicht allein er, sondern auch alle seine Kollegen, die höchsten Beamten des Staates, trotz Landes- und Reichsverfassung den Juden die Gleichberechtigung thatsächlich vorenthalten. Hat nicht der Antisemitismus schon das preussische Oberverwaltungsgericht ergriffen, so dass es den einzelnen Städten freistellt, durch Ortsstatut das Schächten zu verbieten? In Süddeutschland liegen die Dinge zum Teil etwas günstiger; allein auch hier macht sich der rauhe Wind, der von Berlin her weht, mehr und mehr bemerkbar: auch hier werden den Juden Offizierstand und Verwaltung so gut wie unzugänglich, in Bayern ist den jüdischen Lehrern schon die Volksschule gesperrt, und es wird binnen kurzem unter der Einwirkung der steigenden politischen und kirchlichen Reaktion schlimmer und schlimmer werden. Worauf will man noch warten? Die Sabbatruhe ist durch die strengen Gesetze über die Sonntagsheiligung für den weit überwiegenden Teil der deutschen Juden unmöglich gemacht, das Schächten wird untersagt; gerade unsere altgläubigen Brüder sollen allmählich aus Deutschland herausgedrängt werden. Aber noch trauriger als das Uebelwollen der Regierungen ist, dass die öffentliche Meinung sich von uns abgewandt hat. dass sie alles Böse von uns glaubt, dass das deutsche Volk uns von seinem Leben ausscheidet. Die Konitzer Sache hat das mit einer so erschreckenden Deutlichkeit erwiesen, dass auch dem Kühlsten, dem Verblendetsten, dem Optimistischsten die Augen aufgehen müssen. Nicht nur der Pöbel, nein, die ganze Bevölkerung grosser Bezirke, in denen bisher der Liberalismus obgewaltethatte, misst der thörichtesten, elendesten, lügnerischsten, hundertmal widerlegten Anklage Glauben bei, weil sie gegen Juden erhoben ist. Polizei und Gerichte nicken Beifall, und erst als Aufstand, Plünderung, Raub an den Grundpfeilern des Staates rütteln, rafft sich die Centrairegierung zur Abwehr auf, aber schüchtern, mit Verbeugungen und Schonung aller Art für die Ankläger und deren Gefolgsmänner. Und das wirkt auf unsere eigenen Reihen. Immer mehr intelligente, mit lebhaftem persönlichen Ehrgefühl ausgerüstete Juden sagen sich: wenn das deutsche Volk das Judentum mit so viel Geringschätzung und Abneigung behandelt, wenn die leitenden Kreise des Staates diese Gefühle billigen und teilen, wenn die Juden selber nicht wagen, für ihre Gemeinsamkeit in die Schranken zu treten, wenn sie nur in heimlichem Wirken und im Anklammern an fremde Parteiführer ihr Heil suchen — ja, dann müssen die Anschuldigungen in grösserem oder geringerem Umfange berechtigt sein. Und sie gehen hin, und durch die Taufe entziehen sie sich dieser traurigen Gemeinschaft, oder entziehen ihr doch die Kinder. Von aussen Feindseligkeit, Missachtung, Ausschliessung; von innen Selbstaufgabe, Auflösung, Schwäche: das ist das Ergebnis des letzten Vierteljahrhunderts für die Israeliten in Deutschland. Wir meinen, ein solches Resultat, das niemand als allzu pessimistisch dargestellt bezeichnen wird, müsste jeden überzeugen, dass wir auf dem bisherigen Wege nicht beharren dürfen, dass wir einen anderen, zukunftsreicheren suchen müssen, um uns dem Verderben zu entziehen, in das wir täglich tiefer versinken. Wer das nicht erkennt, der schliesst absichtlich die Augen, oder er gehört zu den satten Indifferenten, denen die Existenz des Judentums selbst als etwas Gleichgültiges erscheint, als eine Sache, deren Untergang sie kühl lässt bis ans Herz hinan. Mit diesen haben wir hier nicht zu thun, wir sprechen nur zu solchen, die in dem Judentume, sei es die ewige Wahrheit, sei es wenigstens das wichtigste Kulturelement der letzten drei Jahrtausende, der Gegenwart sowie der nächsten Zukunft, die aufgeklärteste, einfachste und reinste der positiven Religionen erblicken. IL Welcher Weg aber ist einzuschlagen? Die Geschichte aller Völker lehrt ihn: Mut und Eintracht machen auch den Schwachen stark.

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