Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Ein vergessenes Stück Palästina
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
- Yanai 1× ep/1033832
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51 B. Ebenstem: Ein vergessenes Stuck Palästina. 52 Küstenstrecke südwestlich von Gaza zu unfruchtbar sei, um für Kolonisationszwecke in Betracht tu kommen. Die grosse Karte des Palestine Exploration Fund Zeigt eine Anzahl von Ortschaften, Wasserläufen und Brunnen, sowie Ruinen, die auf eine frühere Blüte, und Palmengruppen, die auf die jetzige Anbaufähigkeit des Landes schliessen lassen. Aber es kommt ja keinesfalls nur Ackerbau in Betracht für ein so ausnahmsweise günstig gelegenes Gebiet. Hier wären vor allem Industrien zu errichten, deren Etablierung in allen übrigen Teilen Palästinas fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstehen. Die Verproviantierung einer solchen industriellen Kolonie könnte — besonders im Anfang — den palästinensischen Ackerbau- Kolonien ein nahes und geeignetes Absatzgebiet schaffen, während sowohl Syrien wie Aegypten den Markt für die Industrie-Erzeugnisse abgeben würden. Einwenden lässt sich, dass das Gebiet sehr begrenzt ist, — aber auch die Ländereien, auf denen die bisherigen palästinensischen Kolonien sich befinden, sind sehr geringfügig und ergeben alle zusammen gewiss viel weniger Fläche als dieses „ Aegyptisch-Palästina". Es lässt sich auch voraussehen, dass von den Seiten, für welche der Nachweis, der hier erbracht wird, eine Art Vorwurf bedeuten muss, dem Ländchen sowohl Vergangenheit und Gegenwart als auch jede Zukunft abgesprochen werden wird. Was die Vergangenheit betrifft, so muss es wohl seine Ursache haben, weshalb in der Bibel der „Bach Aegyptens" überall als die Grenze Palästinas bezeichnet wird. Es liegt kein Grund vor, weshalb eine Grenzlinie mitten in die Wüste gelegt worden sein soll. Aber wir haben positive Kenntnis davon, dass diese Gegend wohl bewohnt gewesen ist. Die Reiseroute des römischen Kaisers Antonius Pius vom Jahre 143 weist zwischen Gaza und Pelusium 5 Ortschaften auf, von denen Rhinocorura das heutige „El-Arisch" (Larisch Larissa) ist. Vorher schon, um das Jahr 100 vor Christo, ist die Gegend ein Teil des Schauplatzes der Wirren unter unserem König Alexander Jannai. Zur Zeit der Kreuzzüge spielt der ,,Bach Aegyptens" und die Stadt „El Arisch" eine nicht unbedeutende Rolle, und vor etwas über 100 Jahren* ist dieses Gebiet einer der wichtigsten strategischen Punkte, den Franzosen und Türken einander streitig machen. Der General Bonaparte eroberte El-Arisch vor seinem Zuge nach Syrien, und sein Nachfolger im Oberkommando, General Kleber, betrachtete die kleine Festung als den Schlüssel seiner Position. In der Gegenwart ist das Gebiet ziemlich belanglos. Immerhin aber zählt die Stadt El- Arisch, die am westlichen Rande des gleichnamigen Wadi (Flussbett) liegt, fast 3000 Einwohner und ist überdies der Sitz des Distrikt-Gouverneurs. Auf der kleinen Stanford'schen Karte ist ein Teil desLandes noch als fruchtbar bezeichnet. Ein halbes Dutzend Dörfer ist dort angegeben, die zusammen kaum ein volles Tausend Einwohner für das ganze Gebiet autzuweisen haben. Es dürfte gut sein, hier darauf hinzuweisen, dass ein solcher Zustand eines Entwicklungsfähigen Landes für Zwecke der jüdischen Kolonisation-Bestrebungen so ziemlich der denkbar beste ist. Die Insel-Gruppe Malta und Gozzo, die bei einem Flächeninhalt von kaum ein Drittel dieses Gebietes annähernd 200 000 Einwohner zählt, wäre im Gegensatze hierzu der denkbar schlechteste Platz für eine jüdische Immigration. (Auch das verdient übrigens an dieser Stelle erwähnt zu werden, dass die Phönicier vor etwa 32 Jahrhunderten Malta als einen nackten Felsen vorfanden und die Insel in richtiger Erkenntnis ihres strategischen Wertes fruchtbar machten, indem sie dieselbe mit aus Sizilien herbeigeschaffter Erde bedeckten —- eine Praxis, die bis in die neueste Zeit fortgesetzt wurde!) Es wird nun darauf ankommen, zu untersuchen, ob diese Gegend entwickelungsfähig ist. Wir haben oben erwähnt, in welch' trostloser Verfassung die jüdischen Kolonisten Palästinas vor wenigen Jahren die Ländereien vorgefunden haben, die heute als lachende Gärten die Berechtigung des Bibelwortes von dem „Lande fliessend von Milch und Honig" darthun. Aber auch an anderen Orten, und auch ohne die Hilfe von Millionen Geldes sind mitten in der Wüste ähnliche Wunder gethan worden. Da ist das Palmenland, Biled-ül-Dscherid, im Süden von Tunis, mit seinen Millionen von Dattelpalmen und Olivenbäumen, — da sind die zahlreichen Oasen in allen Teilen der Sahara, von deren vielen wir erst in neuester Zeit, seit den französischen Sudan-Expeditionen, Kunde erhalten, und die keineswegs von Anfang an da waren, oder von selber entstanden sind. Sie sind das Werk von Menschenhand, — sehr unbeholfener Menschenhand sogar, — die ohne alle Maschinerien und sonstigen Hilfsmittel, die uns heute zu Gebote stehen, Paradiese geschaffen haben inmitten der Einöde. Es ist nicht etwa eine Theorie, sondern eine oft genug wiederholte Thatsache, dass infolge von ungünstigen Verhältnissen, Raubzügen und anderen Ursachen solche Oasen verlassen wurden und in kürzester Zeit von der umgebenden Wüste nicht mehr zu unterscheiden waren. Aber weit über die Möglichkeiten hinaus, die jedes Gebiet, welches aus natürlichen oder politischen Ursachen eine grosse Menge von Menschen anzuziehen geeignet ist, gewinnt dieses vergessene Stück Palästina an Bedeutung, wenn wir eines der Probleme der allernächsten Zukunft ins Auge fassen: die Verbindung der grossen afrikanischen Schienennetze mit denen Asiens und Europas. Der erste Blick auf die Karte zeigt, dass diese Verbindung nirgends anders bewerkstelligt werden kann als zwischen Suez oder Port Said auf der afrikanischen, und den