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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 45 - 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Der Rabbi und der Zaddik
Date
1901-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 3)
Language
German
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45 J. L. Perez: Der Rabbi und der Zaddik. 46 Es war während der Halbfeiertage des Sukkotfestes. Wir fuhren von Biala nach Brisk, den berühmten Rabbiner zu holen, dessen Tochter sich in schwerer Gefahr befand. Ein russischer Bauer leitete das Fuhrwerk. Mit einem Male erhob sich ein mächtiger Sturm, der Himmel wurde umwölkt, schwere und schwarze Wolken wälzten sich am Himmel, der Wind hob einigemal das Fuhrwerk mitsamt den Pferden und Insassen in die Höhe. Der Bauer beschwor mich himmelhoch, wir sollten doch lieber umkehren. Ich aber bestand darauf, dass wir die Reise fortsetzten. Es regnete in Strömen herab, der Weg wurde unfahrbar, jeden Augenblick fürchteten wir, der Wagen müsste stürzen. Doch kamen wir mit heiler Haut in Brisk an — vom Himmel goss es unaufhörlich und der Sturm tobte mit ungeschwächter Gewalt. Der Rabbinei zögerte nicht lange, er setzte sich in den Wagen und und gebot, den Rückweg nach Biala anzutreten. Da mit einem Male klärte sich der Himmel auf; die Elemente beruhigten sich. Die Sonne brach sich durch die schweren Wolken Bahn, und ehe wir uns versahen, fuhren wir auf trockener Landstrasse. Selbst der Bauer schaute mit Verehrung und Ehrerbietung auf den Rabbi und rief begeistert aus: „Wahrlich, ein göttlicher Mann!" Und so kamen wir glücklich in Biala an. Wir fuhren vor dem Hause Jechiers vor, und der Rabbi entstieg dem Wagen. Es herrschte im Hause ein wahrer Todesschreck. Jechiel war fast geistesabwesend, kaum dass er den verehrten Rabbi begrüsste; der Eidam reichte ihm stillschweigend die Hand, eüte aber gleich zum Fenster, um die brennend heissen Schläfen an den kalten Fensterscheiben etwas zu kühlen. Die Frauen im Hause fielen vor dem Rabbi mit lautem Aufschluchzen nieder. Doch — habt ihr den Brisker Rabbiner gekannt? Es war dies eine hoheitsvolle Erscheinung. Hoch und breitschulterig, gerade und fest wie eine Eiche, ein langer, weisser Bart zierte sein glanzvolles Gesicht. Und welche Augen! Messerscharf drang sein Blick durch, lange und dichte Brauen bedeckten die Augen, und wenn er jene in die Höhe zog, da durchdrang es einen wie ein Dolch! „Lasst mich durch, Frauen!" rief er mit seinen kräftigen Stimme. Bald darauf fragte er ruhig und vornehm: „Wo ist meine Tochter?" Man zeigte ihm das Zimmer, in welchem die arme junge Frau lag, dem Tode viel näher als dem Leben. Eine Angst ergriff mich. Dieser Mann mit den blitzenden Augen und der donnernden Stimme — er wird die arme Frau vollends zu Tode erschrecken. Ich lief zum Zaddik. Doch, dieser empfing mich mit seinem süssen, liebevollen Lächeln. „Nun, hast Du ihn gesehen?" sprach er. „Nicht wahr, eine hoheitsvolle Erscheinung, der Abglanz der Thora." Da war ich beruhigt. Wenn der Zaddik so liebevoll und gütig lächelt, muss alles gut gehen. * * * Und es lief wirklich alles zum besten ab. Die junge Frau wurde von einem gesunden Knäblein glücklich entbunden und befand sich wohl. Der Brisker Rabbiner blieb für die letzten Sukkottage in Biala. Am Tage des Freudenfestes sassen wir bei Tisch, und der Rabbi hielt einen gelehrten und scharfsinnig angelegten Vortrag. Ihm da zu folgen war nicht so leicht, der Kopf brannte mir heiss, und ich konnte kaum Atem holen. Diese feine und haarspaltende Dialektik! Freilich wäre ich. lieber zum Zaddik gegangen, wo der Vortrag bei weitem nicht so gelehrt war, dafür aber um so herzerhebender und erquickender, um so verständlicher und ergreifender. Wenn der Zaddik sprach mit seiner leisen, süss sich einschmeichelnden Stimme, so lieb und zu Herzen gehend, da verstanden ihn alle, da fühlten sich alle mit fortgerissen und in eine Welt von Idealen versetzt. Es ging alles zum Herzen, ins Gemüt; man fühlte sich emporgehoben und entzückt, man schwebte in höheren Regionen, man glaubte sich von Engeln umgeben. Und hier? Logik und Verstandesschärfe, dialektische Auseinandersetzungen und Subtilitäten. Doch wagte ich nicht, fortzugehen. Mit einem Male unterbrach sich der Rabbi und fragte: „Habt Ihr hier einen Zaddik?" „Ja, einen gewissen Noa," wurde ihm geantwortet. Mir schnitt es durchs Herz — „einen gewissen Noa". Ach, die menschliche Niedertracht! „Em Wunderthäter?" fragte er weiter. „Man sagt, Frauen sagen es; aber wer giebt was auf ihr Geschwätz?" „Er lockt wohl den Leuten das Geld aus der Tasche?" „Das gerade nicht; er nimmt weniges an, verteilt aber viel mehr an die Armen." Des Rabbis Mienen klärten sich auf. „Kann er Thora?4* „Ein bedeutender Gelehrter!" „So?! Und woher ist er, dieser Noa?" Niemand weiss Auskunft zu geben, und da entspinnt sich zwischen dem Rabbi und mir folgendes Gespräch: „War nicht dieser Noa einst in Brisk?" fragte er. „Ob der Zaddik in Brisk gelebt hat? Ich glaube, ja." „Ah!" meinte er, „also ein Chassid, ein Gläubiger!" und voller Verachtung und Abscheu schaute er auf mich herab. Ich war froh, als dieses Gespräch zu Ende war. Doch plötzlich erhob sich der Rabbi und sagte mir leise, aber bestimmt:

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