Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Der Rabbi und der Zaddik
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 2)
- Language
- German
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43 J. L. Perez: Der Rabbi und der Zaddik, 44 „Ach Gott14, weinte er bitterlich, „lieber mit ganz Israel in der Hölle, als da so vereinsamt im Paradies". Da kam ihm mit einem Male ein jüdischer Fuhrmann entgegen; der war mit einem roten Gurtband umbunden, in der Hand hielt er eine lange Peitsche. Ohne ein Wort zu reden, fasste ihn der Fuhrmann an der Hand und führte ihn ins Freie. Dabei erwachte unser Jüngling. Der Traum hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht. In aller Frühe stand er auf und eilte ins Lehrhaus; da sah er .auf dem Marktplatz eine Fuhre stehen, zum Abfahren bereit. An der Fuhre stand der jüdische Fuhrmann, mit einem roten Gurtband um die Hüfte und einer langen Peitsche in der Hand. Noa erkannte sofort den Mann, es war derselbe, der ihm im Traum sichtbar geworden war. Er merkte nun, dass der Traum eine grosse Bedeutung hatte, und so näherte er sich dem Fuhrmann und fragte ihn: „Wohin geht Eure Fuhre ab, lieber Freund?-' „Geht Dich nichts an", lautete die Antwort. „Doch, nehmt mich mit!" Der Fuhrmann sah den Jüngling von Kopf bis Fuss an und meinte dann ruhig: „Kann ein junger Mensch wie Du nicht fürbass wandern?" „Wohin soll ich wandern?" „Ist nicht meine Sache" — lautete die Antwort — „wohin Dich die Beine führen." Noa verstand diese Weisung. Er wanderte Jahre lang herum, das jüdische Volk in den ärmsten und unwissendsten Schichten kennen und lieben zu lernen. Nach einigen Jahren Hess er sich in Biala nieder. Um dieselbe Zeit, etwa ein Jahr später, kam ich nach Biala, als Melamed*) in einer reichen Familie, bei dem biederen und braven Jechiel. Er war ein frommer Mann und sehr reich; seine Tochter verheiratete er an tüchtige Gelehrte, und für seine Söhne holte er aus den angesehensten Rabbinerfamilien Lebensgefährtinnen. Einer seiner Söhne, der gelehrte und herzensgute Jonatan, heiratete die Tochter des Brisker Rabbiners. Jechiel war ein einfacher, ungelehrter Mann; sein Herz zog ihn zum Zaddik, bei dem doch jedermann aus dem Volke stets Rat und Belehrung finden konnte. Aber sein Sohn Jonatan, der Eidam des Brisker Rabbiners, spottete über den Zaddik und die Chassidim, wollte von all dem nichts wissen, und der ungelehrte Vater wagte nicht, ihm zu widersprechen. Wenn ich gelegentlich bei Tisch vom Zaddik zu reden anfing, so schaute* mich der Sohn halb grimmig und halb spöttisch an, während der Vater, im Herzen unserer Sache zugethan, sich gelangweilt stellte. Eines Tages — die Schwiegertochter Jechiel's lag in schweren Kindesnöten. Alle Welt wusste, dass der Brisker Rabbiner dafür hart gestraft worden ist, weil er die Chassidim mit solcher Gehässigkeit und Härte verfolgte. Zwei Töchter waren ihm bereits in Kindes- *) Hauslehrer nöten gestorben. Aber was alle Welt klar und deutlich sah, merkte nicht dieser Mann mit den hellblitzenden Augen. Verblendet von seinem Hass gegen die Chassidim fuhr er fort, zu verfolgen und zu drangsalieren Und nun befand sich seine Tochter in grosser Gefahr. Es that mir dies sehr weh. Die Tochter des Brisker Rabbiners war eine fromme Seele, gütig und liebevoll gegen alle, für die ärmste Frau hatte sie ein freundliches Wort, für jeden Armen eine Gabe. Und nun soll sie leiden um die Sünden ihres Vaters! Ich fange an, in der Familie JechieFs dahin zu wirken, dass man sich an den Zaddik Rabbi Noa wenden möge. Nur seine Fürbitte, sein Segen kann die Gefahr abwenden. Aber ich predige tauben Ohren! Jonatan spie aus und Hess mich wie ein Narr stehen. Jechiel selbst wäre wohl meinem guten Rat zugänglicher gewesen — aber wie soll man für die Tochter des Brisker Rabbiners bei dem Zaddik um einen Segen bitten! Diese „Schmach" werde er niemals verzeihen. Ich versuche nun mit der Mutter darüber zu sprechen. Der armen Frau standen die Thränen in den Augen, ihr gequältes Herz zog sich krampihaft zusammen. Aber auch sie wagte nicht, ohne Zustimmung ihres Mannes den Zaddik um Hilfe anzurufen! „Aber was kann es schaden?" bat ich. „Ein paar Zeilen dürfen wir doch an den Zaddik schreiben?" „Nein, ohne Erlaubnis meines Mannes thue ich keinen Schritt." Die Gefahr wurde immer grösser. Ich lief angstvoll zum Zaddik und bat um seine Fürsprache. „Gewiss", sagte er, „ich will für sie beten." „Gebet mir", flehte ich, „irgend ein Amulett, etwas Segenbringendes!" „Nein", meinte der Zaddik, „solche Sachen wirken nur, wo der Glaube da ist, sonst schaden sie; und dort glauben sie eben nicht daran." Ich blieb beim Zaddik, in der Hoffnung, etwas von ihm zu erlangen, wenn die Gefahr am höchsten sein wird. Und die Gefahr stieg auch. Ich hörte, dass man in der Familie verzweifelt ist. Um Gottes' Erbarmen zu erlangen werden grosse Summen Geldes an die Armen verteilt. „Rabbi", sprach ich zum Zaddik, „sollte all dies ganz wertlos sein?" „Na, vielleicht kommt der Brisker Rabbiner selbst", erwiderte der Zaddik, dessen Antwort ich aber nicht verstand. In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet und herein trat Jechiel, bleich und verstört. Er ging; auf mich zu und sagte mit gebrochener Stimme: „Vor der Thüre wartet deiner ein Fuhrwerk; rasch zum Brisker Rabbiner! Er möge selber kommen und sehen, was da vorgeht!" Man sah es dem armen Vater an, dass er wohl verstand, um was es sich da handelte. Ich ging hinaus und setzte mich in den Wagen.