Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Der Rabbi und der Zaddik
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583878-2608093--00060-2608172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
47 J. L. Peroz: Der Rabbi und der Zaddik. 48 „Führe, mich zu Deinem Zaddik, ich will ihn kennen lernen; aber niemand soll es erfahren." Mit bewegtem Herzen machte ich mich auf den Weg, den Rabbi zum Zaddik zu führen. „Rabbi!" sagte ich zu ihm unterwegs, „mit welcher Absicht besucht Ihr den Zaddik?" „Es ist mir eingefallen, dass es doch vielleicht nicht recht von mir war, jemanden ungehört zu verurteilen. Wenn es der Noa aus Brisk ist, so muss er ein grosser Gelehrter sein, würdig, dereinst mein Nachfolger zu werden". Jetzt war ich schon beruhigt. Also sie trafen nun zusammen. Der Zaddik von Biala hatte die Gewohnheit, am Tage der Gesetzesfreude allein in seinem Zimmer zu bleiben. Er setzte sich auf dem Balkon nieder, während die Chassidim fröhlich und singend, gruppenweis ins Freie gingen. Biala war damals eine kleine, noch nicht so ausgebaute Stadt. Wenn eine Chassidimgruppe stillschweigend vor seinem Hause vorbeiging, so stimmte der Zaddik leise eine Melodie an, die Chassidim ringen diese Melodie auf und zogen fröhlich und singend weiter. So war es auch an jenem Tage, als ich den Brisker Rabbiner zum Zaddik begleitete. Der Zaddik sass jedoch nicht auf dem kleinen Balkon, sondern empfing den Rabbi an der Thür. „Seid gegrüsst, Rabbi, und nehmet Platz!" sprach er ihn voller Bescheidenheit an. Der Rabbi erwiderte den Gruss und setzte sich. Voller Ehrerbietung stand der Zaddik vor ihm. Der Rabbi zog seine Augenbrauen hoch und fragte strenge: „Sag' mir nur, Noa, was hat Dir bei mir gefehlt? Warum liefst Du davon?" „Es hat mir Luft gefehlt," antwortete der Zaddik. gelassen; „es war mir bei Euch zum Ersticken." „Was soll das heissen?" fragte der Rabbi verwundert, „Luft hat Dir bei mir gefehlt?" „Nicht mir," erwiderte der Zaddik mit leiser, ruhiger Stimme, „meiner Seele, meinem Gemüt fehlte es an Luft . . ." „Wieso, Noa?" „Eure Gelehrsamkeit, Rabbi, ist nur den wenigsten verständlich, alles voller Strenge, lauter Dialektik. Das Gesetz ist ehern, eiserne Bestimmungen und kupferne Verordnungen. Ohne Milde und Liebe . . ." Der Rabbi hörte ihm mit Erstaunen zu. „Was habt Ihr dem ganzen Volk zu bieten?" fragte der Zaddik, „den armen und ungelehrten Volksgenossen? Was habt Ihr für die armen Handwerker und Tagelöhner, was für das arme gequälte Gemüt? Für die" schuldbewusste Seele, die sich nach ihrer Aussöhnung mit Gott sehnt?" Der Rabbi schwieg, es war ihm alles so fremd. „Verzeihet mir, Rabbi", fuhr der Zaddik fort, ..hart erscheint bei Euch das Gesetz, hart und trocken, ohne Seele, ohne Gemüt; bei Euch habeich nur den Körper der Thora gesehen, ich suchte ihre Seele." „Die Seele der Thora?" fragte der Rabbi. .Jawohl, Rabbi! Eure Thora ist nur wenigen zugänglich, aber die Heiligkeit Gottes ruht über ganz Israel, die Thora soll das Seelenleben sein für das ganze Volk." ..Und Deine Thora, Noa?" ..Wollt Ihr meine Thora sehen, Rabbi?" ..Die Thora — sehen?" „Kommt, Rabbi, ich will sie'Euch zeigen! Ihr sollt den Abglanz der Thora sehen, die Gesetzesfreude, die über ganz Israel strahlt." Der Rabbi rührte sich nicht. „Kommt, Rabbi!" flehte der Zaddik. Er führte ihn auf den ldeinen Balkon, leise und weihevoll. Ich folgte ihnen. Der Zaddik bemerkte es und rief mir zu: „Du darfst mitkommen. Heute sollt Ihr den Glanz der Thora sehen, wahre Gesetzesfreude." Ich sah alles, wie von Jahr zu Jahr — und doch wie anders! Ich glaubte, dass sich ein Vorhang vor meinen Blicken teilte. Ein klarer, blauer Himmel, weit, unendlich, tiefblau. Die Augen fühlten sich aufgehellt und erquickt. Sllberweisse Wölkchen flogen am Himmel hin und her, freudig und voller Entzücken. Wie von einem grünenBande schien die Stadt umschlungen, ein dunkles Grün voller Leben, das Auge ruht mit Wohlgefallen, voller Lust auf diesem Grün. Die ganze Natur strahlt in heller Freude, alles lebte, und wie entzückende Flämmchen schien es aus dem Boden emporzuwachsen — die ganze Natur in Liebe und Harmonie; die Gräschen hüpfen vor Freude, die Blumen schmiegten sich einander an und küssten sich, die Blätter flüsterten sich einander liebevoll und zärtlich zu. Und in'der Ferne die Gruppen von Chassidim, von Freude umgeben und ihre Gesichter von Liebe umstrahlt. Süsse, liebliche Melodien stiegen empor, verschiedenartig und doch harmonisch A'ereinigt. Heller Gesang ertönt, der Himmel singt, die ganze Natur singt, alles klingt in einen harmonischen Gesang aus, die Volksseele jubelt und singt. Ach, dieser göttliche Anblick, dieser herrliche Gesang, dieses Entzücken. Aber mitten in dieser Verzückung durchbrach die scharfe Stimme des Rabbi diese weihevolle Stimmung.: „Es ist Zeit, Mincha,*) zu beten"...... Da — alles ist entrückt, und das Licht ist erloschen. Wir sehen nur die kleine, schlecht gebaute Stadt, voller Armut und Schmutz. Die Chassidim in ihren zerrissenen, schmutzigen Kapotes. Erloschen die Lichtlämpchen, verdüstert der Himmel, verstummt der melodische Gesang. Ich schaute den Zaddik an, sein Gesicht war schmerzlich verzerrt und verdüstert . . . * * * Sie haben sich nicht verständigt — der Rabbi und der Zaddik. Unversöhnt fuhr der Rabbi davon. Aber er verfolgte seitdem nicht mehr die Chassidim! ") Das alltägliche Abendgebet,