Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Hebräisch
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 37 - 38 (sequence 3)
- Language
- German
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37 Dr. S. Beinfeld: „Hebräisch" 38 uns ist das Hebräisch doch mehr; es ist die Seele des jüdischen Volkstums. Wir geben ebensowenig zu, dass die hebräische Sprache mit dem Abschluss der biblischen Sammlung aufhört, wie etwa, dass der jüdische Stamm mit der Zerstörung Jerusalems sein Dasein abgeschlossen hätte. In der Bibel kommen nur solche Worte vor, deren die biblischen Schriftsteller für das von ihnen behandelte Thema bedurften. Im grossen und ganzen fehlt da alles, was auf das alltägliche Leben Bezug hat Zum Glück ist uns dies in einem andern Schrifttum erhalten, in der Mischna, die auch stilistisch uns als Muster der Klarheit und der Deutlichkeit, in erster Reihe der Volkstümlichkeit dienen kann. In diesem Schrifttum finden wir einen Ursprungs sei; es mag auch echt hebräisch sein, blos dass es uns durch manchen Zufall nicht weiter, also nur vereinzelt erhalten worden ist. Anders steht es jedoch mit der ungeheuren Zahl wirklicher Fremdwörter, die sich seit etwa dem dritten vorchristlichen Jahrhundert in der hebräischen Sprache Bürgerrecht erworben haben. Eine Betrachtung über diese historische Sprachentwickelung ist auch vom allgemeinen kulturhistorischen Standpunkt sehr lehrreich. Seit dem Siegeszug Alexanders d. Gr. durch Asien verbreitete sich die Kenntnis der griechischen Sprache in Vorderasien; sie fand auch in Palästina Eingang und beeinflusste die Entwickelung der hebräischen Sprache ungemein. Im Laufe der Zeit kam infolge der Römerherrschaft auch die Kenntnis der lateinischen Sprache. reichen Wortschatz, der in der Bibel nicht enthalten ist, insbesondere auf dem Gebiete der Landwirtschaft und der Viehzucht, ferner technische Ausdrücke für die Geometrie und die meisten Bezeichnungen der Hausgeräte und dergleichen. Ein grosser Teil dieser Worte ist hebräisch oder zum mindesten semitisch. Es wird jedermann einleuchten, dass ein syrisches oder arabisches Wort sich sehr leicht und passend dem hebräischen Wortschatz einverleiben Hess. Nur muss man bei der Kennzeichnung dieser „Fremdwörter** recht vorsichtig sein. Dass sich manches Wort im hebräischen Schrifttum nicht wieder findet, wohl aber sehr häufig im Syrischen, ist noch kein Beweis dafür, dass es syrischen In erster Reihe wurden viele Substantiva aus dem Griechischen und dem Lateinischen in den hebräischen Sprachschatz aufgenommen, dann aber auch Zeitwörter, und zwar entweder solche, die man vom Nomen gebildet, oder auch wirkliche Verba. Diese Fremdwörter erhielten jedoch eine hebräische Form, so dass man den meisten kaum ihren fremden Ursprung ansieht. Auch manche fremde Redewendung, manches Bild aus dem griechischen oder dem lateinischen Schrifttum fand in die hebräische Sprache Eingang; mitunter war es auch umgekehrt, insbesondere mit der Verbreitung des Christentums nahm auch die Kenntnis der Bibel und deren Ausdrucksweise unter den Kulturvölkern überhand. Mancher biblische Ausspruch überging im Wege der