Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1901)
- Article
- Hebräisch
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 35 - 36 (sequence 2)
- Language
- German
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35 Dr. S. Hemfeld: „Hebräisch". 36 grosse war, wurde die hebräische Sprache für die in den verschiedenen Ländern lebenden Juden das einzige Verständigungsmittel unter einander. Wie sollte sich sonst der griechisch redende Jude in Kleinasien mit seinem Stammesgenossen aus Babylonien, dessen Muttersprache das Aramäische war, verständigen können? In späterer Zeit zeigt sich dies noch notwendiger, da die Judenheit im Laufe der Jahrhunderte immer vielsprachiger wurde. Die Juden, welche unter den Islamiten lebten, sprachen und schrieben arabisch; hingegen war die abendländische Judenheit durch die Sprachenverschiedenheit sehr zersplittert. Die Juden unter christlicher Herrschaft mussten daher mit ihren Gästen hebräisch sprechen. Sie besassen aus diesen Gründen eine grosse Fertigkeit darin, obwohl sie sich sonst nicht viel mit der lexikalischen oder grammatikalischen Erforschung der hebräischen Sprache befassten. Das gab Salomo Parchon (um die Mitte des zwölften Jahrhunderts), ein Schüler des berühmten Abraham Ibn-Esra, offen und ehrlich zu. Entsprechend der weit verbreiteten Kenntnis der hebräischen Sprache wuchs auch ihr Schrifttum, das zwar in den früheren Jahrhunderten zumeist religiösen Inhalts war, aber auch eine reichhaltige Sammlung von Büchern poetischen, fachwissenschaftlichen und philosophischen Inhalts aufzuweisen hat. Das goldene Zeitalter der spanischarabischen Epoche ist in gebildeten Kreisen so ziemlich bekannt. Damals entstanden Dichter wie Salomo Ibn-Gabirol, Juda Ha-Levi, die beiden Ibn-Esra (Mose und Abraham) und noch manche andere. Für wissenschaftliche Studien bedienten sich diese Geistesheroen der arabischen Sprache, die in der That damals für solche Aufgaben geeigneter erschien. Der berühmte Gaon Rabbi Saadja (892—942) machte den Anfang mit seinem religionsphüosophischen Buch „Glauben und Erkenntnis". Ihm folgten der fromme Bachja Ibn-Pakuda (um 1050) und der geniale Neuplatoniker Salomo Ibn-Gabirol, den wir als Dichter bereits erwähnt haben; letzterer starb 1070, noch nicht 30 Jahre alt. Bachja schrieb das volkstümliche Buch über die „Herzenspflichten", während Ibn-Gabirol eine philosophische Abhandlung schrieb, in der er das philosophische System Spinoza's im Wesentlichen vorweg nahm, zum Teil sogar durch die Kühnheit und Folgerichtigkeit seiner Gedanken übertraf. Arabisch waren auch die religionsphilosophischen Schriften Abraham Ibn-Daud's (1110—1180), Juda- Ha-Levi's(der bekannte Dialog „Kusari")und der berühmte „Führer der Irrenden" von Maimonides (1135—1204). Im Laufe der Zeit stellte es sich aber heraus» dass nur hebräisch geschriebene Bücher Gemeingut der ganzen Judenheit werden konnten. All die genannten philosophischen Schriften mussten daher ins Hebräische übertragen werden, um welche litterarische Leistung sich insbesondere die Famlie der Tibboniden grosse Verdienste erwarb. Um die hebräische Sprache für philosophische Studien geeignet zu machen, riefen die Uebersetzer mehrere Neubildungen hervor, die zumeist als recht glücklich zu bezeichnen sind. Sie haben somit den hebräischen Sprachschatz sehr bereichert. Man wird wohl versucht sein, anzunehmen, dass die hebräische Sprache nur für Gedichte und Schriften religiösen Inhalts verwendet worden sei. Indes trifft dies in keinem Falle zu. Schon die Bibel enthält nicht nur religiöse Schriften, sondern auch die herrliche Dorfidylle „Ruth" und den in den prächtigsten Farben gehaltenen Liebesdialog, das „Hohelied". Die Dichter der spanisch-arabischen Epoche wählten oft weltliche Themata für ihre dichterischen Erzeugnisse. Der bereits genannte Mose Ibn-Esra litt an unglücklicher Liebe, die er für seine schöne Nichte hegte. Er gab seinen Empfindungen und seinem bittern Herzensleid in tief empfundenen Versen Ausdruck. Der fromme Juda Ha-Levi dichtete Weinlieder und Hochzeitscarmina, in denen die liebliche Braut mit ihren „rabenschwarzen Augen" und ihrem „süssduftenden Haar" besungen wurde. Vor einigen Jahren ist ein Scherzgedicht des Philosophen Josef Ibn-Zaddik (im 12. Jahrhundert) an einen jungen Ehegatten aufgefunden worden, worin sich der ernste Mann — wer hätte dies geglaubt? — als ein Erzschelm giebt. Bekannter sind dieNovelletten des Juda Charisi(l 170—1230), die recht scherzhaft klingen, und die Immanuel Romi's (1276—1337), Her ein Freund des grossen Dante war. Ich hätte diesem, oft sehr frivolen Dichter nicht geraten, in unserm Zeitalter so zu schreiben; ein volles Dutzend Jahre hätte er schon um seine leichtgeschürzte Muse in irgend einem Gefängnis zubringen müssen. Von den Frauen wusste er manches Lustige, aber gewiss nicht sehr Ehrbare zu erzählen. Und doch kann er sich nicht genug im Rühmen der Tugenden und Vorzüge seiner Frau thun! Im jüdischen Ghetto sah es überhaupt nicht immer so ernst aus, wie in den späteren Jahrhunderten. Immanuel Romihat auch ein „Hölle und Paradies" gedichtet. II. Ich habe bereits von den neuen Sprachbildungen gesprochen, die wir den Uebersetzern aus der Familie der Tibboniden verdanken. Diese Versuche stehen jedoch nicht vereinzelt in der Entwickelung der hebräischen Sprache. Es mag uns dies als ein neuer Beweis dafür dienen, dass diese Sprache lebt; denn alles Lebendige entwickelt sich organisch. Für gewöhnlich kennt man nur den Wortschatz, der in dem biblischen Schrifttum enthalten ist. Dies mag für Studenten der Theologie gut und ausreichend sein, insofern sie das Hebräische nur zu dem Zwecke mangelhaft ,,erlernen", um mit Hilfe eines Wörterbuches und — einer mehr oder weniger guten Uebersetzung die heilige Schrift in der Ursprache lesen zu können. Für