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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 3)
Language
German
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*tl Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in rler neuen Litterätur. Nichtuntcrbrechung seiner gewöhnlichen Lebensweise, seiner üblichen Beschäftigung. Mordechai wird ferner charakterisiert durch das Vertrauen, das er auf Gott setzt. „Wer weiss", so redet er Esther an, „ob Du nicht für solche Zeit wie diese zur Herrschaft bestimmt bist," aber er verzweifelt auch nicht für den Fall, dass sie etwa nicht geneigt sei, den Ruf anzunehmen; wolle sie* nicht, so wird „Aufatmung und Rettung von einem anderen Orte kommen". Aber die ganze Charakteristik Morclechars ist kein Meisterstück, und auch die zwei anderen stärker hervortretenden Persönlichkeiten, Haman und Ahasverus, sind die ge^ Wohnlichen Typen des absoluten Bösewichts und des orientalischen Herrschers» Aber der Midrasch im Buche Esther, auf den allein der Kürze halber hingewiesen werden soll, verfolgt nicht die Aufgabe, den poetischen Kern herauszuschälen, sondern giebt unzählige Anekdoten, weitschichtige Erklärungen, und holt viel Ungehöriges, zum Verständnis Unnötiges herbei. Wenn die Philologen und Prediger Material zu ihren Studien und Reden aus dem Midrasch zu schöpfen vermögen, so wird der Aesthetiker hier leer ausgehen. Höchstens an einzelnen Bemerkungen hat er seine Freude. Zu den hübschen Erfindungen gehört z. B. die Erzählung: In demselben Moment, da Haman das Los herausforderte, erscholl die Stimme Gottes „Fürchte Dich nicht, Versammlung Israels! Kehrst Du in Busse zu Gott ein, so trifft ihn das Los statt Deiner." Oder das Bild, in welchem der eitle Hochmut Hamanns verspottet wird, statt des einzelnen Beleidigers das ganze Volk zu treffen: „Er gleicht einem Vogel, der ein Nest beim Meer erbaute. Eines Tages schwemmte die Welle sein Nest hinweg. Da geriet er in grossen Zorn und wollte dafür das Meer erschöpfen und versanden." Jahrhunderte liegen zwischen diesen Ausschmückungen und den ersten Versuchen, den Estherstoff dramatisch zu bearbeiten. Das 16. Jahrhundert, das sogenannte Reformationszeitalter, ist die Epoche, in der die kunstmässige Bearbeitung des Dramas beginnt, aber keine Blütezeit. Die Technik ist noch höchst unvollkommen. Versuche zur durchgreifenden Charakteristik werden wenig oder gar nicht gemacht; die Dramatiker haben eine so naive Freude an dem Stoff, dafs sie jeden neu gefundenen als eine angenehme Beute betrachten. Daher kommt es, dass derselbe Stoff in einer kurzen Spanne Zeit von verschiedenen so häufig behandelt wird, und dass auch der unsrige in jenem Zeitalter mehr als ein Dutzend Bearbeitungen erlangt hat. Sie stehen untereinander in enger Verbindung, nicht nur dadurch, dass sie sich alle an die Bibel anlehnen, sondern auch dadurch, dass sie den ersten der Bearbeiter, Hans Sachs, der zweimal demselben Stoff sich zugewendet hat, zum Muster nehmen. Es lohnt sich nicht, jedes einzelne dieser Dramen besonders zu behandeln, sondern es genügt, einzelne charakteristische Züge hervorzuheben. Dazu gehört die Einfügung von Engeln und besonders von Teufeln. Die letzteren werden ausgesandt, um die Juden zu verderben. In der Charakteristik Haman's zeigt sich einzelnes Neue, z. B. dass er nicht zu der Mahlzeit Esther's gehen will aus einer Art von innerem Widerstreben. Auch wird gelegentlich berichtet, dass der Königin seinem ersten Zorn Haman niederstechen will, durch einzelne Getreue jedoch an der Ausführung dieses Planes gehindert wird. Gerade diese Hamanfigur wird in dem vielleicht bedeutendsten Drama jener Zeit von Thomas Naogeorg, das erst in dem Moment beginnt, da Esther Königin ist, am besten herausgearbeitet. Dort ist Mordechafs Entdeckung der Verschwörung das eigentliche Motiv des Hasses des Ministers gegen den Juden, weil jene Verschwörer Hamans Freunde oder Günstlinge waren. Der Minister wird als schrecklich jähzornig, als roh gegen seine Untergebenen, selbst gegen seine Frau, geschildert. Dem Haman steht eine Gegenpartei gegenüber, deren Führer der Kanzler Charsenas ist, der den König beständig gegen Haman aufzuhetzen sucht. Den naheliegenden Versuch, bei der Schilderung der Niederlage des Judenbedrängers und des Triumphes der Juden Anspielungen auf die täglich beobachtete klägliche Stellung der damaligen Juden zu machen, wagte man nicht. Dagegen versuchte ein Dichter das Ganze symbolisch zu deuten, Haman als Vertreter des Judentums zu schildern, der Christus nicht anerkennt, ja an den Galgen zu bringen sucht. Derselbe Dichter sieht in Mordechai den Stifter des Christenthums, in Esther die Heiden, in Vasti die Halbgläubigen, die dem Rufe Gottes nicht zu folgen vermögen. Ja, der schon angeführte Thomas Naogeorg „denkt bei Mordechai an die guten Protestanten, bei Haman an die bösen katholischen Ränkeschmiede, bei Ahasver an die geweihten Freunde des Protestantismus auf dem Throne". Besonders charakteristisch in diesen Reformationsdramen sind die possenhaften Szenen. Sie treten am meisten hervor in einem Estherdrama, das zum Repertoire der „englischen Komödianten" gehört, vielleicht auch auf englischen Quellen beruht und jedenfalls in England ebenso wie in Deutschland aufgeführt wurde. Ahasverus und Vasti nämlich steht der aus dem Volke stammende Hans mit seiner Frau gegenüber. Die Eheszenen zwischen diesen beiden nehmen einen mindestens ebenso breiten Raum ein, wie die eigentliche Staatsaktion. Es sind Prügel- und Schimpfszenen, in denen die Frau meist die Oberhand behält. Die Streitenden kommen sogar vor den König, der schliesslich eine etwas obseöne Entscheidung fällt. Das Drama ist charakteristisch dadurch, dass es bei Ahasverus und Mordechai namentlich die Güte hervorzuheben sucht. Der König ist der edle Patriarch, auch Mordechai der gute Mensch, der z. B. für die zehn Söhne Hamans, die von anderen dem Verderben geweiht sind, ein freundliches Wort einlegt. Für Esther ist ein charakteristischer Zug die Ironie. Bei ihrem Mahle trinkt sie dem Haman zu mit den Worten: „Ich .weiss, Du

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