Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 33 - 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583878-2608086--00039-2608165
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

33 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstoff in der neuen Littemtur. liebst die Juden,1 darum will ich Dir auf ihre Gesundheit zutrinken"? worauf Haman feindliche Worte murmelt, jedoch nicht offen zu widersprechen wagt und so thut, als wenn er der Königin folgte, aber das meiste auf die Erde giesst. Das Stück, an und für sich nicht unbedeutend, gewinnt hauptsächlich Interesse dadurch, dass es von Shakespeare's Truppe unter Beteiligung des Dichter- Schauspielers aufgeführt wurde. Man widersteht nur ungern der Versuchung, sich auszumalen, was wohl Shakespeare aus einem solchen Stoffe gemacht hätte! Dass das englische Schauspiel, soweit es uns überliefert ist, keine Spur seines Geistes zeigt, ist klar, andererseits aber ist bekannt, dass er die Stücke, in denen er mitwirkte, niemals ohne lebhaftes Interesse beobachtete. Ist es nun leider nicht möglich, den grossen britischen Dichter an der Arbeit zu sehen, so wird uns wenigstens das Glück, einen der grösseren französischen Dramatiker des 17. Jahrhunderts, Racine, als Bearbeiter des Estherstoffes zu würdigen. Racine hat aus dem 16. Jahrhundert viel entnommen. Er ist auch von einem Zeitgenossen du Ryer abhängig. Doch kann dieser Zusammenhang hier nicht näher verfolgt werden, da man bei seiner Darstellung aui die kleinsten Einzelheiten eingehen müsste. Ausser der ästhetischenBedeutung seinesDramas kommt aber zweierlei in Betracht: Das Theater der klassischen Periode Frankreichs hatte seine Vorlagen bisher ausschliesslich in dem antiken Drama gefunden. Durch Esther wird mit weit grösserer Autorität als bisher auch die Bibel als Stoffgebiet erobert. Freilich geschah dies nicht durch den freien Willen des Dichters, sondern infolge höheren Auftrags. Doch 'blieb Racine auf dem einmal eingeschlagenen Wege und Hess der ..Esther" eine „Athalie" folgen. Noch eine andere Tendenz macht sich bei Racine bemerkbar. Während das Reformationsdrama in einzelnen dramatischen Persönlichkeiten ganze Zeit- und Glaubensrichtungen wiedergiebt; während einzelne Figuren die Träger ganzer Richtungen sind, (Katholizismus, Protestantismus), soll Racine in einigen seiner Personen satirische Schilderungen einzelner Hofleute gegeben haben. Danach wäre Esther die Auftraggeberin des Dichters, Frau von Maintenon, die verstossene Vasti Madame du Montespan, die früher die Hauptgunst des Königs besass, Haman Louvois gewesen, der durch sein stolzes Wort: ..Der König weiss, dass er mir alles schuldet", charakterisiert sein soll, und wenn auch wohl schwerlich Mordechai ein Abbild Golbert's ist, so mochte die Verfolgung der Juden als ein Abbild der durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes wieder eingeführten Protestantenverfolgung erscheinen. „HEBRAEISCH". Von Dr. S. Bernfeld. I. Die hebräische Sprache gilt, „vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet'*, als eine tote; sie wird unter die bereits abgestorbenen Sprachen eingereiht. Dass sie im gewissen Sinne noch lebt, mag" für sie ganz gut sein; die Wissenschaft aber, die doch für jede Erscheinung eine Rubrik, ein Fach oder eine Bezeichnung braucht, hat sie frischweg eingesargt und ihr einen Totenschein ausgestellt. In Wahrheit ist die hebräische Sprache niemals tot gewesen, wenn sie auch jetzt nirgends als Mutter- oder Umgangssprache bezeichnet werden kann. Moses Mendelssohn hat einst die Schulfrage, ob das Judentum als eine theokratische oder eine hierarchische Einrichtung zu beurteilen sei, mit der Gegenfrage beantwortet, ob denn alles in eine bestimmte Rubrik hineinkommen müsse? Das Judentum sei wederdas eine noch das andere, sondern eine geschichtliche Erscheinung eigner Art, die in kein Fach hineingehöre. Dasselbe gilt auch von der hebräischen Sprache. Als eine lebendige, wie z. B. die deutsche oder französische Sprache, können wir sie nicht hinstellen, aber ebensowenig als eine tote, wie die ägyptische oder assyrische, oder als Gelehrtensprache, wie z. B. die lateinische. Sie bildet für sich eine besondere Rubrik. Zu jeder Zeit ist das Hebräische die jüdische Religions- und Literatursprache gewesen — die Sprache der heiligen Schrift, die für das jüdische Volk sowohl den Inhalt der religiösen Erkenntnis wie auch den Gegenstand der Belehrung und Unterweisung gebildet hat. Und da es seit alter Zeit bei den Juden als höchste Pflicht galt, die Kinder im religiösen Schrifttum zu unterweisen oder unterweisen zu lassen, so war auch die Kenntnis der heiligen Schrift und mit ihr der hebräischen Sprache weit verbreitet. Der Schulmeister stand bei den Juden in hohem Ansehen, noch viel früher, als sein Berufsgenosse in Preussen die grossen Schlachten zu schlagen dachte. „Die Ehrfurcht vor deinem Lehrer sei gleich der Ehrfurcht vor Gott", lautete ein Sittenspruch der alten Hebräer. „Dem Lehrer bist du mehr Ehrerbietung schuldig, als deinen Eltern", meint der so viel geschmähte Talmud; „denn diesen verdankst du nur das leibliche Dasein, während du ersterem das geistige Dasein verdankst."' Mit der Ueberhandnahme der Zerstreuung des jüdischen Stammes, die übrigens bereits vor der Zerstörung Jerusalems durch Titus eine sehr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.