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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 29 - 30

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 2)
Language
German
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29 Prof. Dr. Ludwig Geiger: Der Estherstofif in der neuen Litteratur. 30 75 000 Landeskinder töten konnten. Es ist ferner durchaus unglaubwürdig, dass für die Entdeckung einer Verschwörung Mordechai nicht belohnt wird, und ein überaus plumper Kunstgriff, dass die Schlaflosigkeit des Königs die Erinnerung an diese Unterlassung wecken muss. Auch die Charakteristik der Hauptheldin ist nichts weniger als ideal. Esther selbst erscheint keineswegs der Egoismus. Sie ist gar sehr auf ihre Erhaltung bedacht und verlangt dreitägiges Fasten ihrer Glaubensgenossen, damit ihr Unternehmen gelinge. Gegenüber diesen wenig günstigen Charaktereigenschaften ist freilich die Dankbarkeit gegen ihie Verwandten und das Festhalten an ihrem Glauben zu erwähnen; man kann jedoch nicht sagen, dass diese Eigenschaften in idealer Verklärung erscheinen, indem Esther vor Ahasver. Vor« Coypel. (Paris, Louvre.) als ein Wesen höherer Ordnung; nur das Aeusserliche, „schön von Gestalt und schön von Ansehen", wird hervorgehoben; von Geist und Gemüt wird nicht gesprochen. Eine ihrer Haupteigenschaften ist Schlauheit: nach dem Auftrage des Mordechai verschweigt sie ihren jüdischen Ursprung, auf den Rat des Hüters der Frauen beweist sie, so oft sie auch zum König gerufen wird, bescheidene Zurückhaltung und befestigt sich dadurch in seiner Gunst. Auch dass sie Haman ausser dem König zu sich einlädt, ist ein Zeichen dieser Schlauheit, weil dadurch der Feind sich weiter in Sicherheit wiegt. Zur Schlauheit tritt bei ihr die Rachsucht, denn es ist ihr Werk, dass die Leiber der zehn^getöteten Söhne Haman's noch an den Galgen gehängt werden. Ein fernerer Zug ihres Charakters ist Esther einen ziemlich schweren Kampf zwischen diesen und ihrer Liebe zur Ruhe zu bestehen "hat. Im Gegensatz zu Esther spielt Mordechai eine viel rühmlichere Rolle, so dass, wenn man auch an ihn als Autor nicht zu glauben braucht, eine Beziehung zwischen dem Verfasser und der Partei oder dem Geschlecht des Mordechai angenommen werden könnte. Er zeichnet sich durch völlige Interesselosigkeit und Bescheidenheit aus. Trotz der grossen Ehre, die ihm bei dem Umzüge zu teil wurde, wird er kein anderer; es heisst vielmehr unmittelbar nach jener Schilderung: „Und Mordechai kehrt zum Königsthor zurück". Wie man nun auch diese Stelle auffasst: entweder er habe dort auf einem Beobachterposten gesessen, oder er habe ein unbedeutendes Hofamt bekleidet, die Stelle beweist die

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