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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 27 - 28

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Der Estherstoff in der neuen Litteratur
Date
1901-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 1)
Language
German
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27 28 DER ESTHERSTOFF IN I Von Prof. Dr. Zu den wichtigsten Aufgaben der vergleichenden Literaturgeschichte gehört es, die Wanderung eines Stoffes durch die verschiedenen Zeiten und Völker zu verfolgen. Unter diesen Stoffen sind es besonders die antiken und die biblischen, welche das Interesse des Forschers erregen; unter den Dichtungsarten, auf die diese Methode angewendet wird, steht das Drama in erster Linie. Seit der Zeit der Wiederbelebung der Wissenschaft, die man kurz als Renaissance zu bezeichnen pflegt, stritten Bibel und Antike um die Gunst des litterarischen Publikums. Die Bibel trat, seitdem sie durch den Protestantismus zum "Volksbuche geworden war, in den Vordergrund, und Stoffe, wie Josef und Saul, Susanna und Tobias gehören zu denen, die während des Reform ationszeitalters von manchen europäischen Nationen, nicht nur den dem Protestantismus angehörigen, dramatisch behandelt wurden. Der Unterschied zwischen diesen und dem Estherstoffe, dem diese Betrachtung gilt, besteht nur darin, dass alle jene Stoffe ihre litterarische Anziehungskraft seit dem 16. Jahrhundert eingebüsst zu haben scheinen, während der-Estherstoff fast allein von grossen Dichtern der späteren Zeiten benutzt worden ist. Ueber die Schicksale der Esther giebt uns Kunde das gleichnamige Büchlein, das einen Teil der hebräischen Bibel bildet. (Hagiographa Kessuvim.) Einige Kapitel sind in der griechischen und lateinischen Uebersetzung hinzugefügt worden; nur die letzteren machen einen Teil der Apokryphen aus. Die Ansichten über die Entstehung des Buches sind nicht sonderlich verschieden. Denn die Anschauung, dass die Männer der grossen Synagoge, oder etwa Mordechai selbst, das Buch geschrieben haben, wird gewiss nur von wenigen Strenggläubigen geteilt. Da das Purimfest schon 160 vor der bürgerlichen Zeitrechnung gefeiert wurde, so muss das Buch damals schon längst existiert haben. Die verbreitetste Ansicht ist die, dass das Werk auf wirklich geschichtlichen Vorgängen beruht, wenn auch gewiss manche einzelne Züge zur Ausschmückung erfunden sind. Es mag etwa im Jahre 400 v. Chr. geschrieben sein, und zwar von einem, der nicht in Palästina, sondern im eigentlichen Persien, vielleicht in Susa selbst gelebt hat. Der Inhalt des biblischen Buches ist folgender: Die Königin Vasti weigerte sich, bei einem Gastmahl ihres Gatten, des Herrschers Ahasverus, zu er-, scheinen, um sich nicht den betrunkenen Gästen zur Schau zu stellen. Sie wurde deshalb ihrer Stelle entsetzt, Mädchen aus dem ganzen Reiche ausgewählt und aus ihrer Zahl Esther, Nichte und Pflegetochter des Juden Mordechai, zur Gemahlin des Königs erhoben. Mordechai, der durch ihren Einfluss eine kleine Stelle am Hofe erhalten zu haben scheint, entdeckte eine Verschwörung ER NEUEN LITTERATUR. udwig Geiger. wider den König, erlangte aber für seine That keine Belohnung, nur deren Aufzeichnung in der Chronik des Reiches. Er weigerte sich, vor Haman, dem zum ersten Minister Erhobenen, sich zu beugen, wohl nicht aus blossem Trotz, sondern aus religiösen Gründen, entweder weil an dessen Kleidung sich Götzenbilder befanden, oder weil ihm das Beugen vor Heiden als gottlos erschien. Gereizt durch diesen Widerstand, erlangte Haman den Befehl, nicht bloss Mordechai, sondern alle Juden zu vertilgen. Diese Nachricht kam der Esther zu, die ihren Oheim in Sack und Asche vor dem Palaste sitzen sah. Sie versuchte den König günstig für ihr Volk zu stimmen und lud zu diesem Zwecke ihn und Haman zu sich ein. In der vorausgehenden Nacht aber liess sich der König, um seine Schlaflosigkeit zu bekämpfen, aus der Reichschronik vorlesen und erfuhr die unbelohnt gebliebene That des Mordechai, liess Haman kommen und erteilte ihm, der selbst den Rat dazu gegeben, freilich im Glauben, dass ihm die Ehren bestimmt seien, den Auftrag,* Mordechai in ausgezeichneter Weise öffentlich zu ehren. Durch diese Erhebung ihres Oheims hatte Esther leichtes Spiel, sie wusste den König gegen Haman's Pläne einzunehmen, der königliche Zorn wurde zur sinnlosen Wut, da er Haman auf dem Ruhelager der Königin erblickte und diese Lage nicht als die eines Hilfeflehenden, sondern als eines, der Gewalt gegen die Königin brauchen wollte, auffasste. Nun wurde Haman gehängt, Mordechai erhielt des Gegners Haus und Güter und wurde an dessen Stelle erhoben. Der gegen die Juden gerichtete Befehl konnte zwar, weil einmal erlassen, nicht zurückgenommen werden, wohl aber wurde ein anderer, gleichfalls durch das ganze Reich verbreitet, der den Juden das Recht der Verteidigung zusprach. Sie machten so ausgiebig davon Gebrauch, dass 75 000 Perser an einem Tage getötet wurden. Die Juden begehen den Tag, der ironisch als der Tag der über sie geworfenen Lose, Purim, bezeichnet wird, als Freudentag für alle Zeiten. Das Büchlein Esther ist gewiss keines der schönsten der Bibel. Es ist durch und durch orientalisch, nicht bloss in seiner Erzählung, sondern in seiner Tendenz. Es soll die Lehre verkünden, dass der Mann Herr sein soll in seinem Haus und von der Frau unbedingten Gehorsam zu fordern habe. Es bietet eine unhistorische Rühmung der Juden gegen die Andersgläubigen: während Haman die Vernichtung der Juden vorschlägt, mit der ausgesprochenen Absicht, sich oder dem Staate ihr Vermögen zu verschaffen, wird dreimal ausdrücklich betont, dass die Juden „keine Hand an die Beute legten". Das Buch leidet ferner an abgeschmackten Uebertreibungen und Unglaubwürdigkeiten. Wie unsinnig ist es, glauben zu machen, dass die Juden ungestraft

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