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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 23 - 24

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Die Zukunft des Judentums
Date
1901-01-01
Page
Seite 23 - 24 (sequence 3)
Language
German
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23 Dr. Alfred Nossig: Die Zukunft des Judentums. 24 Zentrierung und staatliche Restaurierung für die Zukunft wahrscheinlich sei. Es muss das Verhältnis der in naher Zukunft zu erwartenden Massenemigration zu diesem schliesslichen Ausgange bestimmt werden. Naht vom Standpunkte der Juden der Augenblick, der ihre politische Erlösung bringt? Oder ist, vom allgemein geschichtlichen Standpunkt, die zu erwartende Massenemigration nur eine Fortsetzung der Diaspora, und sind noch neue Eintritts- und Ausscheidungsprozesse zu erwarten? Die "Weissagungen der Propheten, als historiosophische Hypothesen geprüft, ergeben keinen bestimmten Mafsstab der Verhältnisse. Hat das Volk lange genug gebüsst, oder muss es noch länger büssen? Ist der Augenblick der Erlösung gekommen, wenn einige Völker jene Wahrheiten, welche das Wesen der jüdischen Lehre bilden, zur Grundlage ihrer Entwickelung gemacht, oder wird es erst kommen, wenn aüe Völker dasselbe gethan, wenn der Völkerfriede, das Völkerglück, die Völkerverbrüderung allgemein geworden sein werden? Vergeblich wäre die Mühe, in Schweifendem Bestimmtes entdecken zu wollen. Aus dem jüdischen Standpunkte ergiebt sich als Fingerzeig für die Bedeutung der bevorstehenden Massenemigration nur das eine: dass eine solche zum erstenmal in einer Epoche stattfinden wird, wo der Zeitgeist nicht mehr im Widerspruche steht mit den jüdischen Lehren, wo dieselben vielmehr mit den Anschauungen der leitenden Kulturvölker wesentlich übereinstimmen; in einer Epoche, wo die Konföderierung der Völker, die Verbrüderung des Menschengeschlechts auf natürlicher, nationaler Basis zum erstenmal nicht nur theoretisch stark propagiert, sondern durch internationale Kongresse und Konventionen, durch eine Reihe mechanischer, völkerverbindender Mittel, durch den Welthandel, praktisch gefördert wird; wo die geringe Anzahl der die Menschheit umfassenden Religionen, die Verwandtschaft ihres Kernes und die Morschheit ihrer Form auch eine religiöse Einigung in Aussicht stellen. Aus dem allgemeinen Standpunkt drängt sich die Erwägung auf, dass unsere* Zeiten reifer und bewusster seien, als die vergangenen. Früher konnten sich die die Diaspora zusammensetzenden Prozesse wiederholen, weil man sie weder beobachtet, noch erkannt hatte. Nun kennen die Völker die Natur derselben, ihre Genesis und ihren notwendigen Ausgang. Wenn nun die Völker zu erfahren sind, um eine fernere Wiederholung jener Prozesse zu gestatten, so sind sie andererseits zu civilisiert, um eine gewaltsame Vernichtung des jüdischen Volkes anzustreben: es bleibt ihnen — bei der Unauflöslichkeit oder mindestens Zähigkeit des jüdischen Volkes, bei der Schwierigkeit und Langwierigkeit eines Auflösungsprozesses einerseits, der drängenden Macht der eingetretenen natürlichen, ökonomischen, politischen und sozialen Kollisionen andererseits, nichts übrig — als das jüdische Volk seine Diaspora beschliessen zu lassen. Dies dürfte, geschichtlich genommen, jetzt um so leichter sein, als die bevorstehende Massenemigration höchst wahrscheinlich alle entscheidenden Gruppen der jüdischen Bevölkerung gleichzeitig, oder in unmittelbarer. Aufeinanderfolge mobilisieren wird. Sowohl aus dem jüdischen, als aus dem allgemeinen geschichtlichen Standpunkte ist es daher wahrscheinlich, dass die bevorstehende Massenemigration der Juden mit einer Konzentrierung der jüdischen Majorität und einer Wiederbelebung ihres Staatslebens verbunden sein wird. * * * Fragen wir nun nach dem künftigen Schicksal des Judentums als Lehre, so muss auch hier an erster Stelle untersucht werden: Wird diese Lehre bestehen, oder geht sie einer baldigen Auflösung entgegen? Dem Wesen der jüdischen Lehre droht keine Gefahr von der Zeit. Sie basiert auf fundamentalen wissenschaftlichen Abstraktionen, welche für die heranreifende Menschheit dieselbe Klarheit und stete Gültigkeit besitzen müssen, wie die einfachsten logischen Gesetze. Sie ist im Einklänge mit Vernunft und Fortschritt; sie ist ihrem Wesen nach durchaus natürlich und lehrt keinen Wunderglauben. Der Geist unserer Epoche, welcher andere Religionen siegreich befehdet, bedroht die jüdische Lehre keineswegs mit Vernichtung; seine Ausgangspunkte sind dieselben, normalen, ewig gültigen, wie die ihrigen; er muss sie zur Geltung bringen, während er jede Wunderreligion verurteilt. Der reinste Inhalt der jüdischen Lehre ist unvergänglich; aber dennoch würde diese Lehre von der Wucht der Zeiten vernichtet werden, wenn sie nicht von ihren Begründern zur Religion des Fortschrittes und der Umgestaltung gemacht worden wäre. Sie wird sich erhalten, aber nur, indem sie Umgestaltungen erfährt, die ihrem Wresen entsprechen. Die Jahve-Religion war seit ihrem Beginne der Ausdruck des normalen Verhältnisses des Menschen zur Natur; aber sie musste, um sich zu erhalten, zuvörderst zur Nationalreligion gemacht werden. Unter dem Einflüsse der eigentümlichen Schicksale des jüdischen Volkes wurde sie, zur Zeit, als dieses Volk in die Zerstreuung ging und sich gleichsam zum weltlichen Orden gestaltete, in ihrem natürlichen Charakter verkannt, als übernatürlich, nicht als Ausfluss der menschlichen Erkenntnis betrachtet; sie wurde endlich an eine unübersehbare Reihe von Formalitäten gebunden, welche zur Erhaltung der reinen Lehre und des Nationalbestandes bestimmt waren. Die Mittel, welche zur Erhaltung der Lehre angewendet wurden, haben ihren Zweck erreicht. Der Mosaismus hat nun eine Zeit erlebt, welche ihm völliges Verständnis entgegenbringt und die Anerkennung, Erhaltung und Befolgung seiner Lehren für alle Zukunft

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