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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 21 - 22

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Die Zukunft des Judentums
Date
1901-01-01
Page
Seite 21 - 22 (sequence 2)
Language
German
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21 Dr. Alfred Nossig: Die Zukunft des Judentums. 22 des jüdischen Volkes keine gewaltsame Unterbrechung eingetreten ist, welche es organisch umgestaltet hätte, dass es dasselbe ist, welches Moses und die Propheten geleitet, dass seine verhältnismässige Reinheit genetische Entwickelung sicherstellt, so darf man aus dem geschichtlichen Standpunkte die Lösung der beschriebenen Kräfteposition folgendermassen entwerfen: Im Falle, wenn keine die Richtung der geschichtlichen Entwickelung fundamental umgestaltende (von ihr gänzlich unabhängige) Katastrophe eintreten wird, muss, den mechanischen und logischen Gesetzen zufolge, die stärkere Kraft die Hauptmasse des jüdischen Volkes in ihrer Richtung hindrängen; mit anderen Worten: bei ungestörter Entwickelung wird das jüdische Volk seine Sonderexistenz beibehalten. Das ist die Resultante des historischen Kräfteparallelogramms. * * * Wenn es nun sein wird, so ist die zweite Frage: wie und wo wird es sein, zerstreut und in fremden Ländern, oder vereinigt und im eigenen Lande? Vom Standpunkt der jüdischen Geschichte war die Diaspora die natürliche Folge eines unvernünftigen, den Gesetzen des Seins widersprechenden Volks- und Staatslebens in Palästina, das Exil eine Busse für die Sünden der Völker, ähnlich einer Krankheit, die Folge des Leichtsinns und der Ausschweifung. Das in den ungesunden Zustand der Diaspora gebrachte Volk begann die heilenden und lebenbringenden Vorschriften eifrig zu beobachten; es hat mit Hilfe dieser streng eingehaltenen Vorschriften die lebensgefährlichen Krisen der Völkerwanderung, der Kreuzzüge und alle die späteren Existenzgefabren: die der Obdachlosigkeit, der Unsicherheit und der erlittenen Verfolgungen, überwunden, es hat das Leben gerettet. Aber jener Teil des jüdischen Volkes, der über sein nationales Schicksal nachdenkt, hat die Sachlage nie missverstanden: er hielt die Diaspora für einen anormalen, krankhaften Zustand, auf den der gesunde und normale eines restaurierten, konzentrierten Volks- und Staatslebens folgen sollte. Die Propheten haben ihrem Volke mit der Messiasidee die sichere, unbeirrte Erwartung auf die Diaspora mitgegeben, dass dieselbe vorübergehend sein, dass eine Konzentrierung und eine Restauration des staatlichen Lebens in Palästina bestimmt eintreten werde; in diesem Glauben haben die späteren Generationen des gesamten jüdischen Volkes, die drei letzten seiner Mehrheit gelebt. Die Weissagungen der Propheten haben diese Restauration des jüdischen Volkes mit der allgemeinen Entwickelung des Menschengeschlechts, mit der Vervollkommnung der Völker, in unklarer und unexakter Weise verknüpft. Danach sei die Restauration des jüdischen Volkes zu erwarten, wenn die Völker die fundamentalen Wahrheiten des Judentums anerkannt, wenn Gerechtigkeit und Liebe die Völker zum Frieden und zur Verbrüderung bestimmt haben werden, wenn das Wissen die Menschheit erfüllen wird, wie die Gewässer das Meer füllen; die Restauration des jüdischen Volkes ist mit der Vereinigung der Völker durch eine Weltreligion in Zusammenhang gebracht. Vom Standpunkte der allgemeinen Geschichte war die Diaspora eine Reihe von analogen Prozessen, deren Gleichförmigkeit mit der Gleichförmigkeit der einschlägigen Faktoren gegeben war. Die Natur dieses Prozesses ist uns hinlänglich bekannt; sein Resultat war, ist und wird sein: dass das unaufgelöste jüdische Volk auch aus einem höher civilisierten Volks- und Staatsorganismus hinausgedrängt wird, sobald jener Organismus innerlich auf eigener Basis erstarkt und gereift ist. Dieses geschichtlich erwiesene Resultat darf um so eher auch für die Zukunft massgebend bleiben, da es mit den natürlichen und logischen Gesetzen vollkommen übereinstimmt. Wenn sich die Gruppen des jüdischen Volkes in ihrer Mehrheit nicht auflösen, dann werden sie von den länderbesitzenden, staatenbildenden Völkern als fremdes Element erkannt und danach behandelt, d. h. in ihrer Mehrheit ausgeschieden werden. Da nun aus dem geschichtlichen Standpunkt hohe Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass das jüdische Volk, wenn es nicht gewaltsam vernichtet wird, seine Sonderexistenz in Zukunft beibehalten wird, so darf eine solche Ausscheidung der kompakten jüdischen Massen aus der Mitte der sie umgebenden Völker in der Zukunft erwartet werden; ja, die Charakteristik der gegenwärtigen Verhältnisse (geschichtlich betrachtet) spricht dafür, dass die Mehrheit, des jüdischen A7olkes wahrscheinlich in unferner Zukunft die jetzt bewohnten Länder zu verlassen gezwungen sein werde, dass eine Massenemigration der Juden zu erwarten sei. * Damit ist jedoch die Zukunft des jüdischen Volkes noch nicht bestimmt. Die Diaspora ist eine Reihe von Eintritts- und Ausscheidungsprozessen, welche die innerlich und äusserlich begründete Unauflöslichkeit des jüdischen Volkes zum Grund und zur Erklärung haben; es ist klar, dass, wenn die Auflösung — der entscheidenden Mehrheit nach — nicht eintreten wird, das Ende der Diaspora nur ein zweifaches sein kann: Entweder der völlige Untergang des jüdischen Volkes, oder seine Sammlung und die Restauration seines Staatslebens. Indem man daher zugiebt, dass jedes jüdische Individuum nach seinem Willen vorgehen wird, und die Assimilations- und Auflösungsbewegung sicherlich nicht ganz unfruchtbar bleiben wird, muss man sich dennoch an den durch die Emancipationsideologie ausser Kurs gebrachten Gedanken gewöhnen, dass wras die Mehrheit des jüdischen Volkes anbelangt, wofern sie nicht gewaltsam vernichtet werden sollte, ihre Kon-

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