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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 25 - 26

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Die Zukunft des Judentums
Date
1901-01-01
Page
Seite 25 - 26 (sequence 4)
Language
German
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25 JDr. Alfred Nossig: Die Zukunft fies Judentums. 2f> fast ausser Zweifel setzt; das jüdische Volk darf seinen Bestand kaum mehr als gefährdet betrachten, ihm winkt eine unabhängige, nationale Blüte. Die jüdische Lehre, ihrem Wesen nach lebensfähig, muss sich diesen neuen Verhältnissen anpassen; sie kann es thun, denn ihre fundamentalen Urkunden gestatten es, ja sie prophezeien es. Sind die jüdischen "Wahrheiten anerkannt, so darf der Mosaismus, seiner Natur nach mit allen reifen und normalen Denkresultaten der Menschheit identisch, mit denselben zusammenfliessen; er darf — ohne dass die Politik der nationalen Erhaltung preisgegeben wird — entnationalisiert, zur reinen, allgemein menschlichen Religion werden. Moses, die Propheten und die Männer des Talmud gestatten es nicht nur, sie lehren es in fast dogmatischer Form. Ist die Freiheit, die Sicherheit, der Bestand des jüdischen Volkes durch seine nationale und staatliche Restauration verbürgt, so erlaubt der Talmud alle formellen Satzungen, d. h. alle diejenigen, welche mit gesunder Volkserzichung in keinem Zusammenhange stehen, zu beseitigen. Und hoch eine Reform muss stattfinden: der Mosaismus muss für die denkenden Kreise in seinem Charakter als wissenschaftliche N a t u r p h i 1 o s o p h i e r e s t a u r i e r t werden; Jahve und Messias müssen als Einheit und Entwickelt!ng erkannt werden. * * * Es ist klar, dass das Los des jüdischen Volkes und das seiner Lehre organisch mit einander verbunden sind. Es wird nie gelingen, die grosse Masse des jüdischen Volkes für eine Reformation des Glaubens zu gewinnen, solange die nationale Restauration nicht erfolgt ist; das jüdische Volk wird sich, solange es im Exil ist, mit seiner durch die Jahrtausende unglaublich gesteigerten Zähigkeit allen Versuchen, es von dem Willen der Lehrer abzulenken, entgegenstemmen. Es kennt nur ihre Autorität und kann nur durch diese zur Reform gebracht werden. Der Plan ist ins Blut des Volkes übergegangen; man muss ihm folgen, wie man der Natur zu folgen gezwungen ist. Es wird daher nicht wunderbar erscheinen, wenn man zur Erkenntnis gelangt, dass die Weissagungen der grossen Propheten höchst wahrscheinlich in Erfüllung gehen werden. Denn diese Weissagungen waren nur der Ausdruck der triumphierenden Gewissheit, dass der Plan der Volksleitung, die Bestimmung seines geschichtlichen Schicksals, gelingen werde. Dieser Plan ist bis nun zu siegreich gewesen, und vieles spricht dafür, dass er in seiner ganzen Ausdehnung zur Geltung kommen werde. Denn was seine näheren Ziele anbelangt, so ist es wahrscheinlich, dass die mosaischen Schöpfungen nicht untergehen, sondern ihre normale Entfaltung erleben werden; dass nach dem nu'sslungenen Staatsleben und der unvollkommenen exilarischen Epoche eine dritte, vollkommenere Entwickelungsphase eintreten werde. Der jüdische Kulturstaat, auf der natürlichen mosaischen Grundlage aufgebaut; in einer Epoche entstehend, welche eine vollkommenere ökonomische und soziale Verfassung zeitigt; auf nationaler Basis allgemein menschliche Ziele verfolgend, wird zweifellos die allgemeine Kulturarbeit bedeutend fördern. Auf Grund der religiösen Reform wird jene Aufklärung der jüdischen Massen vor sich gehen können, gegen welche ihre Führer im Exil aus patriotischen Gründen stets aufgetreten waren, weil sie von ihr die Auflösung des Volkes befürchteten. Alle schlummernden Talente aufbietend, wird das jüdische Volk in normalen Verhältnissen, vermittelst seiner bedeutenden deduktiven Fähigkeiten alle von. Baco bis Darwin errungenen induktiven Wahrheiten deduzieren helfen, gleichzeitig aber auch dem Gebiete der Induktion sich nähern; das nun erzogene Volk wird alle Künste gleichmässig pflegen dürfen, nicht gehindert und zurückgesetzt, sondern von der nationalen Organisation gefördert. Darf man daher einerseits erwarten, dass das jüdische Volk künftig in normaler Weise die Entwickelung der Menschheit fördern wird, indem es einen Kulturstaat begründet, welcher sich leichter als die von altersher bestehenden zu einem Musterstaat sowohl in Verfassung, wie in allseitiger Leistung aufschwingen kann, so ist es andererseits ebenfalls wahrscheinlich, dass auch die weiteren Ziele des mosaischen Planes, welche durch die Lehre gefördert werden sollten, einst erreicht werden. Dürfen wir nicht hoffen, dass eine einheitliche Verbindung der menschlichen Religionen bevorstehe? Und ist es nicht wahrscheinlich, dass der Mosaismus mit seiner Minimalanzahl von kurzen, einfachen Dogmen, mit seinen für die gesamte Entwicklung der Menschheit berechneten Fundamenten die Weltreligion aus sich hervorbringen wird, ebenso wie er das Christentum und den Islam geboren hat? In seinem Vortrage „Ueber Judentum und Christentum" sagt Renan: . . . „Das Judentum, das in der Vergangenheit so gute Dienste geleistet, wird sich auch in der Zukunft bewähren. Es wird der wahrhaften Sache, der Sache des Freisinns, des modernen Geistes dienen. Die Begründer des freisinnigen Dogmas in der Religion sind die jüdischen Propheten. Die reine Religion, die wir als das einstige, die gesamte Menschheit zusammenhaltende Band ahnen, wird die Verwirklichung der Religion des Jesaias sein" . . . *&&t

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