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Ost und West · 1901-01-01 · Heft 1 (Januar 1901) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 1 (Januar 1901)
Article
Die Zukunft des Judentums
Date
1901-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 1)
Language
German
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19 20 DIE ZUKUNFT DES JUDENTUMS.*) Von Dr. Alfred Nossig. To be or not to be, that is the question. Shakespeare. Darin zeigt sich die Bedeutung der vorgeschrittenen menschlichen Wissenschaft, dass sie in ihren Resultaten als entwickeltere und exaktere Form der alten, völkerleitenden Prophetie auftritt; denn sie unternimmt es gleich dieser, die Zukunft vorherzusagen, aber weniger nebelhaft, mit einem höheren Grade innerer Wahrscheinlichkeit und Bestimmtheit; sie bedient sich hierbei gleich dieser der Spekulation und der Intuition, aber sie liefert als Schlussergebnis nicht das Phantasiegebilde eines zweiten Gesichtes, sondern das Gedankenprodukt einer klaren geistigen Verfassung. Versuchen wir es, aus der Geschichte des Judentums Schlüsse auf seine Zukunft zu ziehen, so gilt es vor allem der Gefahr aus dem Wege zu gehen, dass wir in das faktische Material eine Idee hineintragen und den künftigen Entwickelungsweg in einer aus Utilitaritätsrücksichten erwünschten Richtung oder im Sinne einer Doktrin entwerfen, welche mit den konkreten Verhältnissen in keiner Fühlung verbleibt. * Wie wird sich das Schicksal des jüdischen Volkes und der jüdischen Lehre in der Zukunft gestalten? Mit dem Volke beginnend, gilt es zuvörderst die fundamentale Frage zu entscheiden: wird es in der Zukunft sein oder nicht sein, wird es sich erhalten oder vor der durch seine organische Natur gebotenen Zeit sich auflösen? Im Plane der Volksieitung lag die nationale Erhaltung. Moses und die Propheten, hierauf die Führer während der Diaspora wendeten alle Mittel an, um diesen Zweck zu erreichen: sie sicherten den nationalen Bestand durch eine Reihe zielbewusster, erfolgreicher Satzungen, und pflanzten dem Volke innerlich eine fast fanatische Ueberzeugung von der Notwendigkeit seiner Existenz, einen übermächtigen Willen zum Leben und zwar zum national abgesonderten Leben ein. Diese Richtung hat durch mehr als 3000 Jahre triumphiert, sie hat alle inneren und äusseren Gefahren und Hindernisse besiegt. Sie hat insbesondere, was die Hauptmasse des jüdischen Volkes anbetrifft, stets den Sieg davongetragen, so oft dieses Volk an dem Scheidewege stand, wo es zwischen einem leidvollen Dasein und einer verlockenden Auflösung zu wählen hatte. Zwei Faktoren hatten diese Siege bewirkt: der natürliche Erhaltungstrieb des Stammes und die Macht einer bewussten, höhere Ziele anstrebenden Leitung. Wenn uns die Gegenwart aus dem geschichtlichen, genetischen Standpunkte als ähnlicher Moment erscheint; wenn das Widersprechende und Unklare der heutigen *) Aus einer grösseren, noch ungedrackten Schrift: „Ideen zur Philosophie der Geschichte des jüdischen Volkes." Verhältnisse nach dem Aufstellen der Alternative: Sein oder Nichtsein, geschichtliche Klarheit gewinnt, so muss in betreff der Zukunft aus eben demselben geschichtlichen Standpunkte behauptet werden, dass die Vergangenheit in der Richtung der nationalen Erhaltung drängt. Nur in der neuesten, kaum ein Jahrhundert umfassenden Geschichte tritt innerhalb des jüdischen Volkes die zur freiwilligen, vorzeitigen Auflösung führende Richtung als reeller, entgegenwirkender Faktor auf. Dieser Faktor hat viel kürzer und schwächer gewirkt und hat in neuester Zeit durch den Uebertritt vieler seiner Förderer zur Erhaltungsrichtung an Kraft verloren. Die Geschichte des Verhaltens der nichtjüdischen Völker dem Judentum gegenüber belehrt uns, dass dasselbe im Resultate stets die siegreiche Richtung des jüdischen Volkslebens unterstützt hat. Diese Völker haben sich immer und überall dagegen gewehrt, das jüdische Element in ihren Organismus eintreten zu lassen; die seltenen Versuche, dasselbe durch Anwendung von Gewaltmitteln aufzulösen, sind erfolglos geblieben. — Seit einem Jahrhundert etwa wurde diese Exklusivpolitik in betreff mancher Gruppen des jüdischen Volkes theoretisch aufgehoben, in der Praxis jedoch wurde die zur Auflösung führende V erfahrungsweise von Regierungen und Völkern nur äusserst mangelhaft beobachtet; ja, die neueste Geschichte hat die Exklusionspolitik, die die Erhaltung des jüdischen Volkes fördert, mehrfach auch in der Theorie wiederum zur Geltung gebracht. Zwei Kräfte wirken demnach in diametral entgegengesetzter Richtung. In der Richtung des Bestandes wirkt der ungewöhnlich starke Selbsterhaltungstrieb, der Plan Mosis, die Macht der über dreitausendjährigen Leitung des Volkes, der Wille und das ganze Leben der entschlafenen Generationen; es Markt der unüberwindliche Instinkt der nichtjüdischen Völker, die Macht der vergangenen Politik derselben. In der Richtung der Auflösung wirkt eine, kaum ein Jahrhundert dauernde, mehr theoretische als praktische Bewegung innerhalb eines Teiles des jüdischen Volkes und der interessierten nichtjüdischen Völker; eine unzweifelhaft schwächere Kraft als die entgegengesetzte, und die überdies zu Gunsten der letzteren erheblich zu sinken beginnt. Erwägt man, -dass die zur Auflösung drängende Kraft nicht etwa die organische, die natürliche ist, welche aller vergangenen Rüstigkeit und alles Lebenswillens spottet und unabwendbar Tod bringt, sondern noch dem Gebiete des menschlichen Willens angehört; erwägt man ferner, dass in der bisherigen Geschichte

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