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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 319 - 320

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Heimat
Date
1919-11-01
Page
Seite 319 - 320 (sequence 3)
Language
German
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319 Heimat. 320 ein Kapitel in der Bibel fehlerfrei zu lesen? Und ans Leib Wigdors, der mit seinem robusten Körper die Schulbank quetschte und sich immer zu den Pferden hinaussehnte? Oder aus dem schmächtigen Benjamin mit den blitzenden braunen Augen, der alle nur erreichbaren Bücher verschlang und dessen Vater aus ihm just einen Rabbiner machen wollte? . . . Dann gedachte Daniel der Bauernjung-en, mit denen er und die Seinigen so manchen harten Strauß auszufechten hatten, wobei es zerkratzte Gesichter, unterlaufene Augen und Stirnbeulen gab. Oft rief ihnen die Bauernjugend Schimpfworte nach, über auch die Judenbuben hatten ein flinkes Mundwerk und blieben die Antwort nicht schuldig. Doch aus Daniels Gedächtnis war jeder Groll langet verschwunden. Jetzt empfand er nur eine wohlige, warme, mit einem Gefühl von Wehmut durchtränkte Zärtlichkeit bei der Erinnerung an die Jugenderlebnisse, lieber allem lag ein feiner Hauch sehnsüchtiger Schwermut. Aber während die Angesichter der Menschen ihm wie in einen Schleier gehüllt erschienen, umfing er das Antlitz der Gegend, die Erde, die Bäume, die Umrisse der Berge mit einer Klarheit und Schärfe, als hätte er sie erst gestern verlassen. Unbewußt trug er die Bilder im Herzen. Und je näher er dem Ziele kam, desto mehr wuchs seine mit freudiger Erwartung gemischte Unruhe und Spannung. Er hatte ein Gefühl, als müßte dort, in. seinem Heimatsdorf, irgend jemand stehen und auf ihn warten, um ein Wiederschen mit ihm zu feiern. Wer mochte das sein? . . . Irgendein geisterhaftes, unbestimmtes Wesen, mit dem er auf eine geheimnisvolle Weise zusammenhing. Irgend jemand, mit dem er sehr gut bekannt war, obwohl er sich seine Gestalt nicht ausmalen konnte. . . . Daniel war von einer bangen Freude erfüllt. Sehr angeregt ging er im Kupcc auf und ab. Da pfiff die Lokomotive, verlangsamte ihren Lauf und hielt endlich ganz still. Mitten durch das Zischen und Knattern erscholl es: „Bursztyn! Eine Minute Aufenthalt!1'' . . . Daniel wurde von einer großen Unruhe erfaßt, griff hastig nach seiner Reisetasche und eilte auf den Bahnsteig, hinaus. Die Eile war überflüssig. Es herrschte kein Gedränge beim Eingang in den Wartesaal. Daniel betrat den Raum, ließ sich eine Erfrischung; geben und fragte den Kellner, ob er einen Wagen nach Lopuszna finden könnte, ,.Einen Wagen? . . . Sie scheinen kein Hiesig-er zu sein, mein Herr. Warten Sie eine halbe Stunde, dann bringt Sie der Tarnopoler Zug in fünfundzwanzig Minuten nach der Station Lopuszna.'*' ...Oh, wir haben uns entwickelt!" dachte Daniel bei sich. „Station Lopuszna! . . . Wer hätte vor fünfzehn Jahren gedacht, daß in dem weltvergessenen Gebirgsdorf eme Eisenbahnstation sich erheben würde! Der Fortschritt ist also schon auf dem Rücken des Dampfrosses bis in die entlegensten Gegenden gedrungen. Wir sind modern geworden . . Indessen dauerten die fünfundzwanzig Minuten sehr lange . . . Daniel wai vor Müdigkeit auf seinem Platz eingeschlummert und fuhr mit einem jähen Ruck empor, als der Zug4 hielt und der Name Lopuszna ausgerufen wurde . . . Lopuszna! ... Es tönte wie ein heller Klangt aus frischer Jugendzeit . . . Daniel war so überwältigt und überrascht, daß er seine Reisetasche im ' Netz vergaß und hinausstürzte. Es dämmerte; nur vereinzelte Gasflammen erhellten hie und da eine Aufschrift in der Halle. „Lopuszna?" frugj Daniel aufgeregt jeden vorbeigehenden Dienstmann und Packträger. „Lopuszna, Lopuszna 1 Sie wollen ins D orf? Gehen Sie nur den Weg ge-' radeaus, dann biegen Sie rechts ein!" Daniel ging den Weg geradeaus. Es w«ir eine schön geflasterte, breite, sehr zivilisierte Straße, zu beiden Seiten mit Pappeln bepflanzt. An der Wendung, blieb Daniel stehen und sah sich um. Befand er sich auf dem rechten Weg.? Wio war das Dorf? Er hielt sich die Hand schützend über die Augen und bemühte sich, den Horizont zu umfassen. Stand sein Fuß auf heimatlichem Boden? Er suchte nach den Bergen und Wäldern. Es war, als hätte ein Riese aus der Unterwelt sich erhoben und Berge 'und Wälder auf die Schultern geladen und davongetragen . . . Alles war kahl und platt geworden ringsum . . . Ah, dort in der Ecke entdeckte Daniel ein paar sanfte Anhöhen und in einiger Entfernung ein paar Bäume, die man wie zum Andenken hatte stehen lassen . . . Mit ihren höllischen Maschinen waren sie .hergekommen, hatten die Wälder umgehauen und ausgerodet, die Berge abgetragen, die Täler verschüttet und alles platt gemacht, um darüber einen weißen, gradlinigen Damm hinzuführen, auf dem zwei Paar schwarzer Stränge liefen . . . Und der Fluß? Wo war denn der Fluß hingeraten? . . . Dort lag er zwischen zwei strengen, harten Linien,, ein schmales, steifes, grade hingestrecktes Band; keine Weiden rauschten an seinen. Ufern, kein Röhricht schaukelte sich über seinem Spiegel , . . Daniel stand da und fühlte sich wie einer, dem man plötzlich etwas unendlich Teures geraubt hat. Er war wie verwaist. Irgendein lebendiges Wesen, das ihn mit dieser Welt verband, war gestorben, begraben. Er hatte keine Heimat mehr . . . Wildfremde Züge starrten ihm entgegen . . . Was gingen ihn die Schienenstränge an, und dieser Eisenbahndamm, und die Telegraphenstangen und Barrieren, die alle zusammen wie eine schwäch-

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