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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 317 - 318

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Heimat
Date
1919-11-01
Page
Seite 317 - 318 (sequence 2)
Language
German
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317 Heimat. 313 ebene. Dann iging es durch Felder und Wiesen, zwischen - blühenden Gärten und grünenden Hainen, und Wäldern bis nach Lopuszna. Dieses kleine Dörfchen lag in einem breiten Tal, eingebettet zwischen hochragenden, bewaldeten Bergen. Daniel sah jetzt vor sich sein Elternhaus, ein Mauerwerk mit Giebeldach, auf einer Anhöhe gelegen, von wo aus sich die Aussicht über die ganze Gegend eröffnete , . . Ob es noch an seiner alten Stelle stand? . . . Durch das Tal schlängelte sich ein Fluiß, an den Krümmungen von Weiden eingerahmt, von denen man im Sommer Zweige schnitt, um Pfeifen aus ihnen zu schnitzen, zum LaubMittenfest, um den Feststrauß zu schmücken und Hoschaanoth. zu winden. In der südlichen Ecke,. von wo aus der Fluß hervorbrach, liefen die bewaldeten Berge so dicht zusammen, daß die Welt dort ein Ende zu haben schien. Aber im Norden erweiterte sich das Bett, als wollte der Fluß sich ins Weite hinausdrängen. Von dem väterlichen Hause Daniels trennte den Fluß ein schöner, großer Garten, in dem sich ein mächtiger, alter Birnbaum erhob. Die Birnen waren klein und herb und reiften erst spät im September, man nannte sie deshalb Kolnidrebirnem. Aber im Mai und Juni prangte der weitastige Baum wie in einem wunderbaren, duftigen Festgewand, ganz übersät von schneeweißen kleinen Blüten. Aus den Aosten zwitscherten unzählige Vogelnester. Die Aeste saßen so diclit und fest beieinander, daß man von einem zum andern hcruinklettern konnte wie auf einem bequemen Heuboden. Es war eine Wonne, in einem solchen Ast sitzend, zu den kleineren Kindern, die dort unten, am Fuße des ungeheuer dicken Stammes, herumkrabbelten, aus der Höhe wie ein Viogel hinunterzurufen . . . Uebcrhaupt spielte dieser Baum in Daniels Kinderlcben eine große Rolle. Einmal, im Hochsommer, hatte sich nämlich ein gewaltiger Sturm entladen, stundenlang' dröhnte der Donner, begleitet von dem zehnfachen Echo der Berge, die Wälder erbebten, ein unablässiges Rauschen fegte durch die Wipfel. Auf einmal kam ein langgezogenes Krachen, welches sich wie ein geheimnisvoller Strom vom Himmel herab bis in die Tiefen der Erde hineinzubohren schien. Die Menschen waren wie betäubt, ihr Atem stockte in der Brust. Dann trat eine plötzliche Stille ein, die eine unheimliche Minute lang andauerte. Und gleich darauf: wurde der Horizont erhellt wie von einem ungeheuren Brande. Ein Blitz zucktedurch die Luft und zeichnete an den Wolken riesenhafte feurige Zickzacklinien. Jetzt kam ein heftiger, spitzer Schlag, der den Boden unter den Füßen erzittern machte. Der Blitz war in den Birnbaum gefahren und hatte ihn entzwcigespalten . . . Als sicli Daniel von der Betäubung erholte und durchs Fenster blickte, sah er, wio die eine Hälfte sich langsam, unter schwerem Aechzen, zu Boden senkte, wie ein Mensch, der, tödlich ins Herz getroffen, wankt und den Rest seiner Kräfte aufbietet, um sich auf den Beinen zu halten, aber schließlich' zur Erde niedergezogen wird. Endlich streckte die Baumleiche sich hing hin, eine Menge schlanker Maisstauden und anderer Pflanzen zerdrückend. Die Kinder brachen in Tränen aus . . . Man fürchtete nun. daß auch die andere Hälfte des Baumes noch absterben und dahinsinken würde. Aber nein. Als wäre nichts geschehen, fuhr sie fort, jahraus, jahrein Blüten zu treiben und Früchte zu tragen, vom Vogclgezwitscher zu widerhallen und den lachenden, spielenden Kindern Schatten zu spenden . . . Daniel malte sich aus, wie er auf dem Gang durch das Dorf von der Ferne schon die Krone des alten., lieben Baums begrüßt, dann sein Elternhaus aufsucht, durch die Zimmer wandert, in denen seine Kindheit und Jugend verflossen waren . . . Waren sie nicht vielleicht schon zerfallen oder gar eingestürzt? In fremde Hände übergegangen? Oh, er wollte alles wieder aufrichten, ganz, wie es ehemals gewesen, nur'größer und viel schöner. Die Mittel hatte er dazu. Eine vollgespickte Brieftasche mit Banknoten truger bei sich. - Und drüben besaß er große Reichtümer. Hier mußte wohl alles noch wie ehemals so furchtbar ärmlich sein . . . Abgerissene Lehmhütten, mit Stroh oder verfaulten Schindeln bedeckt . . . Die Bamcrnkinder barfuß umherlaufend. Er wollte eine Fülle des Segens über sie ausschütten. Die Juden der umliegenden Dörfer hatten jahrelang untereinander Geld gesammelt, um sich eine kleine Synagoge zu erbauen und ein Badehaus mit Mikweh. Sogar die Gutsbesitzer der Umgegend versprachen, Bauholz und Ziegel beizusteuern. Es ist nichts daraus geworden. Man konnte bei aller Anstrengung die nötige Summe nicht aufbringen. Nun sollten sie das Gewünschte haben . . . Ob sie ihn wiedererkennen würden? . . . Kein einziger Verwandter lebte ilim mehr in der ganzen Gegend. Er musterte alle im Gedächtnis, Kein einziger mehr! Alle waren sie längst ausgewandert, in jenes Reich, von dem es keine Rückkehr gibt, oder jenseits des Ozeans, nach Amerika, Südafrika, Australien. Kein einziger mehr . . . Ein Fremder, ein völlig- Fremder war er auf diesem Fleckdien Erde, zu dem es ihn heimlich seit Jahren hinzog, zu dem er über das große Wasser, durch ferne Länder, in unendlich hingen Tag- und Nachtfahrten hergeeilt war. . . . Daniel erinnerte sich jetzt an alle die Gestalten, unter denen seine Kindheit und Jugendzeit verflossen war. Was mochte wohl aus seinen Mitschülern des Cheders geworden sein, aus dem langen Gerschon; der sich allwöchentlich über der Sidra abquiüte und es dach nicht dahin bringen konnte,

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