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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 321 - 322

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Heimat
Date
1919-11-01
Page
Seite 321 - 322 (sequence 4)
Language
German
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321 Schwüre und Gelübde, deren Heiligkeit und deren Auflösung nach jüdischer Lehre. 322 liehe Nachahmung" jener amerikanischen Herrlichkeiten erschienen, denen er entflohen war? . . . Eine Weile betrachtete er wirren Blickes die Gegend, dann brach er auf und fingan, umherzustreifem; er wollte um jeden Preis sein Elternhaus finden oder wenigstens den Platz, wo es ehemals gestanden. Im Lichte des MoTgenrotes lief er umher . . . Ah, da muß es gewesen sein, da und nirgends anders . . . Die Anhöhe war abgetragen, fast glatt wegrasiert. Ein schmuckes, zierliches Wächterhäuschen mit einem kleinen Vorgarten erhob sich auf dem flachen Plätzchen . . . Daniels Augen suchten den Birnbaum, dessen zurückgebliebene Hälfte hier irgendwo in der Entfernung von einigen Schritten ragen mußte . . . Daniel versuchte, sich zu orientieren. Er fand die Spur des Stegs, der durch den Garten zum Fluß hinunterführte. Der Garten war in eine Art Rasenplatz verwandelt und fein säuberlich in Parzellen eingeteilt. Daniel irrte suchend zwischen den Parzellen umher . . . Da ragte moosbedeckt aus dem Boden ein mächtiger Baumstumpf hervor, oben glatt, wie abgehobelt . . . Der Stamm war verschwunden ... In Daniels Erinnerungtauchte wie aus fernen Tiefen das topographische Bild auf. Es bestand kein Zweifel: das war der einzige Rest des alten Birnbaums . . . Daniel war es, als schnürte sich das Herz in seiner Brust zusammen. Er ließ sich auf den. Baumstumpf niedersinken und saß da wie ein. Trauernder, das Gesicht mit den Händen bedeckt. Einige hunderte Schritte weiter rollten die Eisenbahnzüge über die Schienenstränge dahin, wälzten, Menschen und Tiere und Güter, rasselten, knatterten und pfauchten, die Lokomotiven sprühten Funken, spien Rauch und Dampf in die Höhe und erfüllten die Luft mit einem wilden Getöse . . . In einiger Entfernung saß Daniel noch immer auf dem Baumstumpf, das Gesicht mit den Händen verhüllt . . . SCHWUERE UND OELUEBDE, DEREN HEILIGKEIT UND DEREN AUFLOESUNG NACH JUEDISCHER LEHRE. Von B inj am in Segel. ENTWICKLUNGSGESCHICHTE DES KOL NIDRE. Außer den oben angeführten Quellen zur Geschichte des Kol Nidre muß man heranziehen: SMG, Verbote, 242, Kol-Bo, Nr. 68, Schibbolc ha Leket, 102 (die ,beiden Werke stammen ungefähr aus dem 14. Jahrhundert), Aschen zu Nedarim 23b, und Ende Torna, RaN, RITbA {und Nimmuke Joseph (zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts) zu Nedarim ibidem. Wir wollen an der Hand dieser Quellen die Entwickluags- und Verbreitungsgeschichte des vielgeschmähten Textes darlegen. Doch lohnt es sich, die Uebersetzung des Kol Nidre zu betrachten, die der Antisemiten-Katechismus bietet und die von Herrn Schütze approbiert und von Herrn Prof. Groß kanonisiert worden ist, und sie mit der authentischen Uebersetzung zu vergleichen: Ant i s emi t c n-Ka t e c h i s m u s : ,.Alle Gelübde (Kolnidre) und Verbindlichkeiten und Verschwörungen der Eide, die wir von diesem Verschwörungstag bis auf den nächsten geloben, schwören und zusagen werden, die reuen uns alle und sollen aufgelöst, erlassen, aufgehoben, vernichtet, unkräftig und ungültig -sein, unsere Gelübde sollen keine Gelübde und unsere Schwüre sollen keine Schwüre sein." (Schiucliän Aruch 1 § 619.). In jeder Zeile mindestens eine Fälschung. „Essare11 heißt nicht Verbindlichkeiten, sondern Verbote, und man versteht darunter ein Selbstverbot (m der Bibel, Numeri 30, 13 heißt ein solches Selbstverbot „issar-naphschali"), kraft dessen sieh einer aus freien Stücken etwas E r - laubtes verbietet, um sich Zwang- oder Kasteiung aufzuerlegen. Von „Verschwörungen der Eide", an sich ein unverständlicher Begriff, stein nichts im Texte, sondern es steht „uschebüe"'. das bedeutet eine „schebüath bittuj", das heißt, einen Gelöbnisschwur, nämlich ein Gelübde, welches sich durch seinen Inhalt in nichts von jedem anderen Gelübde unterscheidet, nur in der Form anders geartet ist: „Ich schwöre", anstatt: „Ich gelobe, dies oder das zu tun oder rai lassen." („Ani nischba" anstatt: „Ani noder",) Solch ein Gelöbnisschwur wird, wie oben auseinandergesetzt,, in betreff der Lösung strenger behandelt als ein gewöhnlicher Neder, hat aber natürlich, wie wir gesehen, mit dem eigentlichen Eid, der von der Behörde abgenommen wird und das Interesse einer dritten Person betrifft, nichts-gemein. Jörn Kippurim ist mit Versöhnungstag zu übersetzen, nicht mit Verschwörungstag, welches Wort überhaupt keinen Sinn hat. Das Wort Versöhnimgstag ist: jedem Deutschen schon aus den Bibelstunden so wohl vertraut, daß man sich da mit der Unwissenheit allein nicht entschuldigen kann. Hier war offenbar eine Herabsetzung, Verunglimpfung und Verdächtigung des heiligsten jüdischen Feiertags beabsichtigt. Von „Zusagen"' ist in dem

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