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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 315 - 316

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Heimat
Date
1919-11-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 1)
Language
German
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315 Heimat. 316 HEIMAT. Skizze von B. Saplira. Während der Eisenbahnzug durch die weite Ebene dahinrollte, stand Daniel am Fenster des einsamen Kupces erster Klasse und blickte in die Landschaft hinaus. Es war eine schöne, stille Julinacht, ein leichter Nebel schwebte über den Feldern. Daniel strengte seine Augen an, die Umrisse der heimatlichen Landschaft -wiederzuerkennen. Durch das milde Halbdunkel konnte er die sanften, bewaldeten Hügel wahrnehmen, die den Horizont einrahmten. Der Boden war ringsum wie mit einem dicken Tcppich überzogen: heranreifende Aehren auf den Feldern, Grashalme auf den Wiesen, alle reglos dastehend, wie in den Schlummer dieser schönen Nachtstunden versunken. Ein rieselndes Bächlein s;mg irgendwo in der Ferne und ließ sich von dem Gerassel der Lokomotive nicht übertönen. Das war alles ganz so wie vor fünfzehn Jahren., als Daniel in einer ebensolchen Nacht mit demselben Eisenbahnzug durch diese Ebene dampfte, nur in entgegengesetzter Richtung, damals, als er, nach dem Zusammenbruch seiner bürgerlichen Existenz, das Weite suchte, auf eben diesem Bahngeleise dem Hamburger Hafen zustrebte, um sich nach Amerika einzuschiffen . . . Welch eine lange Strecke Lebens hatte er seither zurückgelegt! Bunt war sein Schicksal gewesen in der großen Völkerwüste jenseits des Ozeans, durch die er hin und her geschleudert wurde. Er war nacheinander Hausierer, Matrose, Zeitungsredakteur., Vorbeter, I^astträger, Ausrufer und Landwirt gewesen. Nirgends fand er Ruhe und dauerndes Behagen. Sobald eine Welle dieses aufgeregten Menschenozeans ihn emporgetragen hatte, kam ein Sturm und fegte ihn hinunter. Zehn Jahre kämpfte er um ein ärmliches, schweres Dasein. Erst vor fünf Jahren war es ihm gelungen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Sein Wohlstand stieg. Es dauerte nicht lange, und er konnte sich sogar einen reichen Mann nennen. Er gründete sich ein schönes Heim und dachte daran, dem Heim eine Hausfrau zu geben. Aber seit er nicht mehr um den morgenden Tilg zu bangen brauchte, hatte ihn ein seltsames, imbegreifliches Gefühl der Unruhe beschlichen, das sich immer häufiger einstellte, je besser es ihm erging. Mitten in der Arbeit unterbrach er sich öfters, ließ den Kopf hängen und versank in die Erinnerung an seine Jugendzeit. Manchmal genügte ein kaum merklicher, verhallender Ton, eine flüchtige Erscheinung oder der Anblick einer vorbeihuschenden Person, um in seinem Gedächtnis eine Fülle von Bildern hervorzurufen, die ihn mit seliger Sehnsucht und schmerzlicher Wonne erfüllten, daß er lange Zeit keine Ruhe finden konnte. Immer häufiger kehrten diese Zustände wieder, oftmals steigerten sie sich zu einem Grade, der ihm fast körperliche Leiden, verursachte. In einer solchen Stimmung erschien ihm das ganze ungeheuer bewegte Treiben New Yorks vollkommen zweck- und sinnlos, die grelle Pracht Sund die schreienden [Farben rings, herum leblos und fad. Stundenlangirrte er ziellos durch die Straßen einher und blickte sich jedesmal um nach dieser und nach jener Ecke, als suchte er jemanden, als erwartete er, daß jemand plötzlich auftauchte, aber er wußte nicht, wer das sein mochte. Er magerte ab, hatte keinen Appetit, klagte über allerlei undefinierbare Schmerzen, gegen welche die amerikanischen Aerzte seltsame und kostspielige Arzneien verordneten. Längerer Landaufenthalt und eine Seereise brachten ihm endlich Linderung für einige Zeit. Aber an einem schönext Sommertag erwachte er am frühen Morgen, von einer xinbcschreiblichen Unruhe erfaßt, und beinahe ganz unbewußt fing er an, seine Koffer zu packen. Auf die erstaunte Frage seines Verwalters, was das bedeuten solle, antwortete er kurz: „Ich fahre nach Hanse l'* Er traf die nötigen Dispositionen, und noch an demselben Abend schiffte er sich nach Hamburg ein. Er hatte, den schnellsten Dampfer genommen, Nirgends hatte er Rast gemacht, war von einem Eisenbahnuug in den andern gestiegen, immer von der nagenden Sehnsucht getrieben, sein Heiniatsdorf wiederzusehen. Nur einen Blick wollte er darauf werfen, dann sofort aufbrechen und sich auf den Rückweg machen . . . Nun stand er am Fenster des Eisenbahnwaggons, der langsam dahinrollte, und sali auf die Landschaft hinaus. Was ihm zuerst auffiel, war die schneckenhafte Langsamkeit unserer Eisenbahnen im Vergleich mit den amerikanischen. Unsere Blitzzüge würde man dort als die trägsten Bummelzüge verlachen. Jetzt aber war er für diese Trägheit dankbar, denn sie ermöglichte ihm, sich .ungestört der angenelimen Erwartung des Wiedersehens mit der Heimat hinzugeben. Bald würde der Zug in die Station Burstyn einlaufen. Dort mußte er aussteigen und einen Wagen nehmen, der ihn bis nach seinem Geburtsdörfchen Lopuszna. bringen sollte. Oder aber, er würde die zwei Meilen zu Fuß zurücklegen. In diesem schönen "Sommermorgen, bei aufgehender Sonne, würde das einen erquickenden Spaziergang bilden . , . Daniel sah im Geiste den kleinen Bahnhof, den Vorplatz mit den malerisch verstreuten Baumgruppen, von da ab führte der Weg durch das kleine, armselige, aus zwei Reihen niedriger Häuser bestehende Städtchen hinaus in die Hoch-

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