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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-11-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 8)
Language
German
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311 Die Judenfrage im künftigen Europa. 312 Jahrhunderte andauernde Entwöhnung vom Landaufenthalt, die sitzende Lebensweise und das Atmen in beengter Ghettoluft eine Schwächung des Organismus der Juden im Vergleich mit dem der Bauern herbeigeführt hat, aber das läßt sich in wenigen Jahren wieder wett machen. Andererseits hat die jüdische Berufsarbeit im Körper der Juden gewisse Muskel- und Nervengruppen besonders entwickelt, während sie andere verkümmern ließ. Auch hierin bringt eine geänderte Arbeitsweise in nicht allzu langei Zeit eine Ausgleichung. Was das Gebiet der industriellen Lohnarbeit anbetrifft, so dürften sich den jüdischen Massen hier ebenfalls nicht geringe Hindernisse entgegenstellen, wenn sie auch natürlich viel leichter zu überwinden sind als in der Landwirtschaft. Ein Westeuropäer oder ein Amerikaner wird staunen, wenn er vernimmt, daß in polnischen und litauischen Fabrikstädten die j ü d i s c h e n Arbeiter sich mit dem Knüppel in der Hand d e n Zugang zu den Fabriken erkimpf e n mußten, deren Eigentümer Juden waren! Man bedenke: der angeblich faule, arbeitsscheue, auf leichten Gewinn ausgehende Jude muß Gewalt anwenden, muß förmliche Schlachten liefern, um sich das Recht zu erwerben, als Lohnsklave in der Fabrik zu arbeiten. Denn der christliche Arbeiter betrachtet die industrielle Lohnarbeit als seine rechtmäßige Domäne, gleich wie in Deutschland die Beamten- und O f f i - z i e r s 1 a u f b a h n , zu der der Jude keinen Zutritt haben darf. Auch in Amerika werden die jüdischen Arbeiter mit scheelen Augen angesehen, man betrachtet sie als Lohn drücke r. Sie bringen unter die amerikanischen Arbeiter den Antisemitismus hinein. Diese waren denn auch die ersten, welche seit jeher, und besonders während des Weltkrieges, nach Einschränkung der Einwanderung aus Europa schrien. — Es ist überdies sehr fraglich, ob die Ucbcrführung größer Massen von Juden in die industrielle Lohnarbeit eine Verbesserung in kultureller und sozialer Beziehung bedeutet, ob nicht die verhältnismäßige wirtschaftliche Sicherheit viel zu teuer erkauft Avürde auf Kosten des religiösen und geistigen Elements. Außerdem ist zu beobachten, daß es eine unausrottbare Eigenschaft des Juden ist, nach wirtschaftlicher Selbständigkeit zu streben. Bekannt ist, um wieviel höher die Zahl der Selbständigen unter den Juden in Deutschland ist, als ihrer Bevölkerungszahl entsprechen würde. Dieser Drang nach Selbständigkeit bewirkt, daß der Jude als Lohnarbeiter keine Befriedigung findet und, wenn er begabt ist und nicht zum Agitator oder zum Werkführer vorrückt, aus seiner Klasse hinausstrebt. Am behaglichsten fühlen sich die jüdischen Lohnarbeiter noch in jenen Betrieben des Ostens, wo einigermaßen patriarchalisclie Verhältnisse herrschen, der Arbeiter noch nicht zur Nummer herabgesunken ist, seine Individualität, Gewohnheiten, religiösen Sitten und Bräuche geschont werden — lauter Zustände, diealsbald g.amz geschwunden sein werden. Trotz alledem wird ein gewisser Bruchteil der jüdischen Massen des Ostens, dem Zwang des sozialen Prozesses gehorchend, wohl in einem höheren Maße als bisher in. die Lohnarbeit eingehen, in Europa sowohl als in Amerika. Aber das wird keine Linderung des Judenelends, keine Lösung der Judenirage bringen. Das einzige den Juden offene Wirtschaftsgebiet, welches in der Linie des geringsten Widerstandes liegt, für die jüdischen Massen eine soziale Verbesserung bedeutet und zugleich ihren Drang" nach ökonomischer Selbständigkeit befriedigt, ist das Handwerk. Gemeint ist natürlich das qualifizierte, veredelte Handvrerk, das Körperkraft, Geschicklichkeit, individuedlen Geschmack, Intelligenz, Erfindergabe, Studium erfordert. Folgende Ursachen haben bisher gehindert, daß die Juden sich diesen Zweigen in großem Maße widmeten. Zunächst der Mangel an Lehrgelegenheit. Die Schulen, welche die Westjuden gründeten, dienten diesen Zwecken nicht, man mußte in die Großstädte oder gar ins Ausland, gehen, um diese Handweiksarten zu erlernen. Die wenigsten hatten die Mittel dazu. Was man im Orte >ohne große Kosten erlernen konnte, war vorwiegend das Bekleidungshandwerk, Schneiderei und Schusterei; diese beiden Arten sind denn auch unter den Ostjuden so übermäßig vertreten, daß unter vier jüdischen Auswanderern nach Amerika im Durchschnitt zwei Schneider und ein Schuster sind. Die lange Lehrzeit, die schlechten Methoden, die Ausbeutung der Lehrtinge durch den Meister, die Verwahrlosung der "Handwerkerjugend bewirkte, daß diese nur selten eine bedeutende Vollkommenheit in ihrem Fach' erreichte und überdies, namentlich in jüdischen Dingen, unwissend blieb. Daher eine große Geringschätzung, ja Verachtung des Handwerks und der Handwerkerklasse. Dazu kam, daß der Chassidismus, nachdem ei mit dem starren Rabbinismus einen Pakt geschlossen, die Verfehmung jeder weltlichen Bestrebungen unter dem Volke eifrig betrieb. Genau vier Wochen vor Ausbruch des Krieges, am 28. Juni 1914, hielt der Lemberger Zweig der Frankfurter orthodoxen Weltorganisation „Agudas Issroel" eine Versammlung ab, in der Mithnaggdim und Chassidim einträchtig vereint beieinander saßen. Der chassidisch orientierte Rabbiner von Gliniany bei Lemberg hielt eine feurige zweistündige Rede, in welcher er gegen alle anderen Parteirichtulagen

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