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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 309 - 310

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-11-01
Page
Seite 309 - 310 (sequence 7)
Language
German
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309 Die JtwLenfrage im künftigen Europa. 310 Umschichtung der jüdischen Massen vorgenommen werden. Sie müssen auf eine gesicherte wirtschaftliche Basis gestellt und organisatorisch so ausgestattet werden, daß sie vermöge der -eigenen Kraft sich ernähren und ihre Erwerbs zweige verteidigen und erweitern können. Mit einem Worte, sie müssen von der wirtschaftliche nVermittleirtätig-- k e i t zur P r o d u k t i o n hin übergeleitet werden. Was die Juden dort, wo sie in großen Massen zusammengepfercht leben, benötigen, ist aiicht die Auswanderung nach neuen Ländern, sondern nach neuen Wirtschaftsgebieten, nach neuen Feldern der Berufstätigkeit, Wenn die Juden in ihrer jetzigen wirtschaftlichen Gliederung in neue Länder kommen, so treten nur zu bald die gleichen Verhältnisse ein, wie sie im Ursprungslande herrschten, und man findet, daß auch hier „viel -zu viel Juden" da seien. Der wirtschaftliche Antagonismus erwacht und der Judenhaß mit allen seinen Begleiterscheinungen und Auswirkungen läßt nicht lange auf sich warten. Jede Bemühung, die Lage der Juden durch Rechte" zu schützen, ist vergeblich. Wir haben gesehen, daß die staatlicli garantierte bewährte Gleichberechtigung die Juden vor Massenelend nicht schützen und weder den Boykott noch den Pogrom verhüten konnte. Man muß sehr naiv sein, um zu glauben, daß die neuesten Errungenschaften, wie die „nationale Autonomie'"' und der „Schutz der Minoritäten" den Juden bessere Dienste leisten werden. Diese neuen Rechtskategorien sind juristisch strittig, praktisch völlig unbekannt, überdies könnten sie höchstens für territorial oder sprachlich zusammenfaßbare Gruppen einige Bedeutung haben, aber auch 'dies nur in jjuridischer und politischer, keineswegs aber in wirtschaftlicher Beziehung; für die Juden sind sie offenbar völlig belanglos. Das einzige, was die Lage der Juden bessern könnte, ist andauernde Erziehungsarbeit, die die heranwachsende Generation der produktiven Tätigkeit zuführt, und Umgestaltung der Wirtschaftsgesinnung, so daß sie auf Organisation und Selbsthilfe eingestellt wird. Stillschweigende Voraussetzung ist dabei, daß die Juden überall bürgerliche Gleichberechtigung genießen, also uneingeschränkte Freizügigkeit und Wohnrecht, Gewerbefreiheit und Koalitionsfreiheit; ferner daß Staat und Gesellschaft nicht im voraus gegen sie einen offenen oder versteckten Wirtschaftskrieg führen, der ihnen jede Betätigung und Organisation unmöglich macht. Voraussetzung ist ferner, daß die Juden im Lande sjcli nicht als Fremde fühlen, die unter ausländischem Schutz stehen oder ihn anzurufen geneigt sind, wodurch sie leicht in den Verdacht geraten, Vertreter fremder oder gar feindlicher Interessen zu sein, die es mit dem Ausland halten. Das Verhalten der Juden muß derartig sein, d-<iß ihre staatsbürgerliche Gesinnung nie und unter keinen Umständen in Frage gezogen werden könne, da solches den erwünschten Vorwand zum Wirtschaftskrieg ' gegen sie bietet. Ebenso muß es außer allem Zweifel stehen, daß die Erwerbstätig cit der Juden nicht nur ihnen allein, sondern, wie jede gesunde Erwerbstätigkeit., allen Bewohnern des Landes Nutzen bringt. Drei Wirtschaftsgebiete sind es, in die die großen jüdischen Massen in Osteuropa „auswandern" müssen, und zwar so lange, bis der Zustand ökonomischen Gleichgewichtes unter ihnen hergestellt ist: die Landwirtschaft, die industrielle Lohnarbeit, das qualifizierte Handwerk. Wie bereits oben angedeutet, ist es vorderhand so gut wie ganz ausgeschlossen, daß Juden in Osteuropa als kLeinere Landwirte in größerer Zahl angesiedelt weiden können. Zu dem schon lange vor dem Krieg herrschenden Landhunger des Bauern, der den jüdischen Rivalen um keinen Preis neben sich dulden würde, ist die heftige nationalistische Strömung hinzugekommen,, die die „fremde Nationalität" überhaupt im Lande nicht dulden will, geschweige, daß sie ihr einen Fußbreit des geheiligten nationalen Bodens überlassen sollte, nach dem sie so, giert, daß sie den Großgrundbesitz mit allen Mitteln zu vernichten ti-achtct. Die Bauern haben überall unermeßliche Reichtümer gesammelt und könnten mit ihrer Kaufkraft allein die Parzellierung der Großgüter durchführen. Das Gebiet, auf das die Juden in die Landwirtschaft übergeführt werden sollen, muß außerhalb Europas gesucht werden, in Palästina, Syrien und Mesopotamien, andererseits in Nord- und Südamerika. Den Beweis, daß sie — einem jahrhundertelangen Vorurteil zum Trotz — zur Landwirtschaft durchaus befähigt sind, haben sie reichlich erbracht, nämlich durch dec jüdischen Kolonien in Palästina und in Amerika, besonders in Brasilien; das gilt sowohl von den Kolonien der J e; - wi s h C o 1 oii i s a t i o n Assoziation als von den selbständigen Kolonien. Ueberhaupt ist mit dem namentlich von antisemitischer Seite immer wiederholten Vorwurf, die Juden seien toii Natur aus zu keiner schweren körperlichen Arbeit befähigt, gründlich aufzuräumen. Vor ungefähr hundert Jahren nannte Fürst Adam Czartoryski, der doch die polnischen Juden gründlich kannte, diesen Vorwurf absurd und verlogen. Wahr ist es allerdings., daß die

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