Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 6)
- Language
- German
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307 Die Judenfrage im künftigen Europa. 308 zunächst darauf bedacht, ihnen Schulen zu gründen. Schulen sind gewiß ein Segen, aber nur, wenn sie für das Leben vorbereiten. Das tun nur jene Schulen, die die Judenknaben mit dem 12. oder 14. Lebensjahre aufnehmen und sie bis zur Vollreife; ein nützliches Gewerbe lehren, das ihnen ermöglicht, sich in der Welt redlich fortzubringen. Die westeuropäischen Schulen für die Ostjuden brachten der Schuljugend «in bißchen Lesen und Schreiben bei. die Anfangsgründe des Deutschen resp. Französischen, und überließen im 12. Lebensjahre die Schulentlassenen ihrem Schicksale. Daraus ergab sich nur eine Vermehrung des gebildeten Proletariats unter den Juden, verstärkte sich die äußerst ungesunde, ja gefährliche Ueberfüllung der Bildungsschicht und der akademischen Berufsarten. Die Juden in Deutschland empfinden es als abnormal, daß sie in der Bildungsschicht ungleich zahlreicher vertreten sind, als ihrem Prozentsatz in der Gesamtbevölkeruiig entspricht;, und sind bemüht, diesen Zustand zu sanieren, obgleich das Deutsche Reich mit seiner Ausdehnung, seinen Hilfsquellen und seiner hochentwickelten Zivilisation den akademisch Gebildeten mannigfache Betätigungsmöglichkeiten bietet. Nun bedenke man, daß in Galizien, wo die Juden etwa 11 <Vo der Gesamtbevölkerung ausmachen, sie 18—25(V<> der Mittelschüler stellten! Wie sollten alle diese Akademiker in Zukunft ihr Dasein fristen, zumal die Beamtenkarrierc ihnen nur in einem verhältnismäßig geringen Maße offen stand? Das Studium ist äußerst kostspielig, und die Studenten können erst mit dem Ausgang der zwanziger Jahre anfangen, ihren Unterhalt zu verdienen. Bis dahin fallen sie ihren Eltern oder Schwiegereltern zur Last, daher die Erscheinung, daß die Verhältniszahl der Erwerbstätigen unter den Juden ungleich geringer ist als unter den Nichtjuden. Alle diese Mißgriffe in der Erziehung der Ostjuden sind eine Folge der Fehler in dem von ihren westeuropäischen Brüdern angewandten System. Zunächst betrachtet man die Arbeit an der „Hebung" der Ostjuden als einen Zweig der öffentlichen Wohltätigkeit, an die man mit .vielem Gefühl und Idealismus, aber mit wenig Nüchternheit und realpolitischenn Verstand herantritt. Sodann gefällt man sich in der Bevormundung und leutseligen Gängclung der Schutzbefohlenen. Darum hielt man es für günzlich überflüssig, die Schutzbefohlenen selber zut Rate zu ziehen'über ihr Schicksal, sie nach ihner Meinung und ihren Bedürfnissen zu befragen. Bis zum Berliner Kongreß 1878 wurden in verschiedenen Städten Westeuropas zahlreiche Versammlungen abgehalten, die über das Schicksal der rumänischen Juden beratschlagten, aber nur ein einziges Mal wurden diese selber zugezogen, tund auch diesmal wurde ihre Meinung nicht berücksichtigt. Die Schutzherren wußten alles allein nmd wußten-alles besser. Während des Berliner Kongresses und des nachfolgenden Kampfes der lumänischen Juden um ihre Heimatsberechtigung wurden ihre Meinungen .und Wünsche völlig ignoriert, der Kampf auf ein falsches Gleis geführt, und obgleich er mit dem traurigsten Fiasko endet«, wurde mit diesem System nicht gebrochen. Man wendete es mutig und unentwegt auf die gsilizischen Juden in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren vor dem Kriege an, man beriet: und beschloß über sie, ohne sie, und ohne die leiseste Ahnung von den tatsächlichen Verhältnissen, unter denen sie lebten, und von dem, was ihnen in Wahrheit nottat. Man findet in deutscher Sprache die besten Bücher über die Feuerländer und Fidschi-Insulaner, aber keine einzige brauchbare und zuverlässige Abhandlung über die Ostjuden. VpnZeit zu Zeit fuhr lein Theologe, eine Komiteedamc oder ein Literat dort „hinunter", ausgerüstet mit vollständigem Mangel an Vorkenntnissen und voll von Reformplänen, besah sich die Dinge durclts Eisenbahnfenster und schrieb dann flink eine Broschüre, in der versichert wurde, die Verhältnisse seien .grauenhaft und man müsse zwecks Abhilfe — .— Almosen sammeln, flammende Proteste erheben, Beratungen abhalten. DER WEG INS FREIE. Nach der Diagnose und der Aetiologie — mit sich bringt, der seinen schärfsten Ausdruck die Therapie. im Pogrom findet. Der Boykott in großem, ver- Wir haben gesehen, daß der Kern der Junichtendem Stil ist nur <flort möglich, wo große denfrage und zugleich derjenige Teil von ihr, der jüdische Massen in wirtschaftlicher Abhängigkeit gelöst werden kann und muß, wirtschaftlicher zusammenwohnen, ohne gesicherte ökonomische Ba- Natur ist. Die ästhetische und intellektualistische sis und ohne Organisation, mittels deren sie sich Seite der Judenfragc, richtiger der Antisemitisverteidigen können. An diesem Punkte ist der mus, ist die unverbesserliche, aber glücklicher- Hebel anzusetzen, wenn eine Gesundung der jüdiweise zugleich die ungefährlichste; verderblich wird sehen Lage herbeigeführt, wenn der Judenfrage diese Art von Antisemitismus erst, insofern sie die schärfste Spitze abgebrochen und dem Antizur Basis d-cs wirtschaftlichen Vcrnichtungskampfes semitismus die gefährlichste Waffe aus der Hand gegen die jüdischen Massen wird und den Boykott genommen werden soll. Es muß eine soziale