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Ost und West · 1919-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1919) · p. Seite 305 - 306

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
Article
Die Judenfrage im künftigen Europa
Date
1919-11-01
Page
Seite 305 - 306 (sequence 5)
Language
German
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305 Die Judenfrage im künftigen Europa. 306 händler unter ihnen, ihr Erbteil war die Kleinkrämerei; in der Kreditverniittlung waren sie die Pfandleiher und die kleinen Wucherer, das Bankgeschäft ruhte in anderen Händen. Ihr Kulturzustand war niedrig. Die Landessprache war ihnen iremd, in ihrem Jargon hatten sie damals noch Iceine Bücher, die ihnen Kenntnisse und Wissenschaften vermitteln konnten, das Hebräische wurde nur von einer Elite verstanden und umfaßte überdies nur Bücher über spekulative Theologie und Ritualien (die moderne hebräische Literatur war kaum erst im Werden begriffen). Der Chassidismus, aus dem Elend und der Unwissenheit erwachsen, trug riesig viel dazu bei, Elend und Unwissenheit zu vermehren, versenkte die Massen in einen dicken Aberglauben, verbreitete Trägheit und Sorglosigkeit, stumpfte den Sinn für das reale Leben ab, brachte grobe körperliche Arbeit in Verruf . Es ist nicht auszurechnen, wieviel Unglück und Jammer in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht der Chassidismus über das jüdische Volk in Osteuropa brachte. In diesem Zustand befanden sich die Ostjuden, als ihre glücklicheren Brüder im Westen mit edlem Elan anfingen, sich mit ihrem Schicksal zu befassen. Das geschah wohl zum erstenmal in der Schrift von David Friedländer: „Ueber die Verbesserung der Juden in Polen", die vor ungefähr hundert Jahren auf Bitten hervorragender, den Juden aufrichtig wohlgesinnter polnischer Staatsmänner verfaßt wurde. Obwohl diese Schrift nur geringe Verbreitung fand, scheinen ihre Gedanken für die Wirksamkeit der Westjuden im Osten bis auf die neueste Zeit, trotz der veränderten Umstände und der gemachten Erfahrungen, maßgebend geblieben zu sein. Als David Friedländer schrieb, war in Preußen-Deutschland die Reaktion schon ausgebrochen, die Emanzipation von 1812 schon fast ganz rückgängig [gemacht; aber in der Theorie war sie geblieben, ihr Geist schwebte über den Wassern, und man war überzeugt, daß sie über kurz oder lang voll verwirklicht werden würde. Im. Osten war man noch weit, weit davon entfernt. Was dem westlichen Beobachter am stärksten und schmerzlichsten auffiel, war der Unterschied in der äußeren Erscheinung und der gesellschaftlichen Stellung der West- und der Ostjuden. Das Bemühen ging seither dahin, für die Ostjuden Gleichberechtigung zu erkämpfen und sie zu zivilisieren. In begreiflichem Irrtum verwechselte man Ursache und Wirkung. Man übersah dabei, daß die Lebensbedingungen der Westjuden von denen der Ostjuden grundverschieden waren. Diese wohnten in wirtschaftlich rückständigen Ländern, die noch dazu durch jahrhundertelange Kriege und . feindliche I nvasionen verheert waren, jene in den Ländern des kapitalistischen Aufschwunges. Im Osten war die primitive Frage der Bauernbefreiung noch nicht einmal in Angriff genommen worden, im WTesten hatte die Revolution eine neue staatliche Ordnung herbeigeführt oder doch angebahnt, Die Ostjuden bildeten kompakte, zusammengedrängte Volksmassen, unter denen das Massenelend mit seinen sämtlichen Begleiterscheinungen herrschte und die von der Massenpsychologie regiert wurden; im Westen bildeten die Juden durchweg eine sehr dünn gesäte Gesellschaft: lauter wohlsituicrter Mittelstand mit zahlreichen Gipfeln in die Plutokratie hinein und sehr wenigen Ausläufern nach unten. Was die Ostjuden brauchten, war ökonomische Gleichberechtigung, eine Ausrüstung für den wirtschaftlichen Kampf ums Dasein — man kämpfte, um ihnen politische Gleichberechtigung zu verschaffen. Sie brauchten Aufklärung, Weltwissen, Kenntnis von Technik und Handwerk — man brachte ihnen religiösen Freisinn. Abraham G e i g e r .empfahl Ende der sechziger Jahre als das wirksamste Mittel gegen das Elend der rumänischen Juden das Studium der neuesten Ergebnisse der Bibel- und Talmudkritik, und die Pariser Juden schickten nach Bukarest und Jassy elegante französische Prediger, die geistreiche Sermons hielten und den Gottesdienst modernisierten. Eine Schai von tüchtigen Industrielehrern und Handwerksmeistern hätte man hinsenden sollen, anstatt der freisinnigen Theologen; Lehrbücher für den Zeichenunterricht, für Handfertigkeit und kaufmännische Buchhaltung hätten mehr genutzt als sämtliche Bibel- und Talmudkritik. Was den Juden am meisten nottat, war eine körperliche Ertüchtigung. Das Leben im Ghetto, die sitzende Lebensweise der meisten, der Chassidismus und das Elend hatten ihre Muskelkraft stark heruntergebracht, so daß sie zu größerer körperlicher Anstrengung unfähig geworden waren und rein physisch im Kampfe ums Dasein zurückstanden. Turnen und Leibesübungen hatten da eine viel größere Bedeutung für den Fortschritt als reformierter Gottesdienst. Jahrzehntelang kämpften die Westjuden einen schweren Kampf gegen die Regierungen Rumäniens, um den dortigen Juden das Recht zu erwirken, als Hausierer mit dem Warenkasten auf dem Rücken herumzureisen und als Schankwirte sich in den Dörfern zu betätigen. Warum hat man sich nicht gefragt: sollen diese Juden ewig als Hausierer und Schankwirte ihr Dasein fristen? Wäre es nicht angezeigt, wenigstens der folgenden Generation den Weg zu ehrenhaften Erwerbsquellen, wie Handwerk und Gewerbe, zu erschließen? Jeder Privatmann und alle großen und kleinen jüdischen Organisationen im Westen, die sich mit der „Hebung" der Ostjuden befaßten, waren

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