Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 4)
- Language
- German
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303 Die Judenfrage im künftigen Europa. 304 ihre Anwesenheit nicht als lästig empfinden, sondern man würde ihrer, dank ihren wirtschaftlichen Fähigkeiten und ihrer Regsamkeit, nicht genug, haben können. Da sie jedoch in zahlreichen Beruf sarten gänzlich fehlen, in anderen übermäßig vertreten sind, manch einzelne, namentlich in Osteuropa, fast monopolisiert zu haben scheinen, so sind sie genötigt, einander zu bedrängen, ohne imstande zu sein, einander zu helfen, vermehren die Zahl der in einzelnen Berufsarten Tätigen übermäßig, so daß das Land nicht imstande ist, sie zu ernähren, und entziehen ihm und damit sich selber Kräfte, die auf anderen Gebieten der Volkswirtschaft nötig sind und sie zum Wohl der Allgemeinheit zu heben vermöchten. Zu diesem ungesunden Zustand kommt noch, daß gewisse Wirtschaftszweige „verjudet" erscheinen; die Nichtjuden halten sie für besonders gewinnbringend und wähnen, daß die Juden den Schlüssel dazu in der Hand halten und keinen „Fremden" zulassen. Das ist der Sinn des Wortes: „Wir haben viel zu viel Juden!", welches die Einleitung zum Gcneralboykott bildet. Als in den neunziger Jahren die russische Regierung die Juden aus dem inneren Rußland immer häufiger auswies, protestierten die Vertreter der Städte und die großen innerrussischen Wirtschafts verbände gegen dieses Verfahren wiederholt sehr energisch, wenn auch vergeblich (namentlich PJehwe kehrte sich nicht im geringsten daran). Man pries dankbar den Liberalismus des russischen Großkaufmanns und Großindustriellen, der die besten Seiten der russischen Volksseele verkörperte, Das war richtig, aber er hatte auch allen Grund zu seinem Verhalten. Die ausgewiesenen Juden nämlich, fast sämtlich Kaufleute, siedelten sich in Polen an, brachten dorthin ihre Kapitalien, ihre Kenntnis des inner- und ostrussischen Marktes, ihre Handelsverbindungen und stellten sie in den Dienst der polnischen Industrie, der sie die genannten Märkte erschlossen und die sie auf Kosten der innerrussischen zu hoher Blüte brachten. In Polen hinwiederum erregten die Neuankömmlinge beim nationalistisch gesinnten Kleinbürgertum und der „Intelligenz" Haß und Widerwillen, weil sie russische „Kultur" und Sprache mitbrachten und angeblich russifizierend wirkten — obwohl ihnen jede Feindseligkeit gegen das Polentum gänzlich fernlag. Dagegen waren die Industriearbeiter mit ihnen sehr zufrieden,, da sie den Fabrikanten immer neue Aufträge brachten und dadurch die Lohne hoben. Zufrieden war mit ihnen aber auch der „Kern der Nation", nämlich die Bauernbevölkerung und der Großgrundbesitz, da mit dem Steigen der Löhne auch die Kaufkraft des Arbeiters stieg und die Bodenproduktc lohnenderen Absatz fanden. Die hauptsächlichen Trager des Judenhasses in Polen seit der „Ueberflutung" dieses Landes mit russischen Ausgewiesenen war denn auch die städtische Intelligenz und das Kleinbürgertum; die Landbevölkerung wurde erst hineingehetzt durch Aufstachelung des religiösen Fanatismus der Bauern und des nationalistischen des Hoch- und Kleinadels. Natürlich wurde diese Wühlarbeit durch die russische Regierung und ihre Agenten mächtig hüben und drüben gefördert, da die Entzweiung zwischen Juden und Polen ihr die Knechtung des Landes nur erleichterte. Aber noch in dem Warschauer Boykott von 1912 verweigerten Bauern und Landadel ihre Mitwirkung. Nichts beweist besser als dieses Beispiel, wie innig Judenhaß und Judenfreundschaft mit den wirtschaftlichen Vorteilen verknüpft sind, die die Anwesenheit der Juden gewährt. .Von einer affektiven, emotionalen Liebe, die über jeden äußeren Zweck erhaben ist, kann zwischen Völkern oder Gruppen überhaupt nicht die Rede sein. Eine solche Liebe kann nur innerhalb enger Kreise und zwischen Individuen bestehen. Zwischen Stämmen und Völkern kann man höchstens ein Verhältnis gegenseitiger Verträglichkeit und Wertschätzung erstreben, die die untermenschlichen Instinkte der Gier und des Neides im Zaume halten. Dieses Verhältnis wird aber durch das Maß des Nutzens bestimmt, den die Völker voneinander haben. Man mag es dann „Liebe" nennen. Aber es ist eine Liebe, die durch den Magen geht. DIE FALSCHE ERZIEHUNG DER OSTJUDEN DURCH DIE WESTJUDEN. Als die Welle der Emanzipation, von Westen gen Osten sich ergießend,, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ungefähr an den östlichen Gemarken des deutschen Kulturbereichs angelangt war, befanden sich die Ostjuden wirtschaftlich und kulturell in einer bejammernswerten Lage-. Nicht nur befanden sich die Länder des Ostens 'gegenüber denen des Westens stark im Rückstand — die Ostjuden waren in ihren Heimatländern gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung stark im Nachteile. Jahrhundertelang andauernde Verhältnisse hatten sie in den Städten zusammengepfercht und dort auf wenige Berufszweige ' beschränkt. Die Rohstoffproduktion war ihnen völlig entzogen, die Umwandlung von Rohstoffen in Güter befand sich nur zu einem verschwindend geringen und minderwertigen Teil in ihrer Hand. Ihre Funktion im wirtschaftlichen Organismus bestand fast ausschließlich in der Vermittlung des Güteraustausches, doch gab es nur äußerst wenige Groß-