Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1919)
- Article
- Die Judenfrage im künftigen Europa
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 301 - 302 (sequence 3)
- Language
- German
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301 Die Judenfrage im künftigen Europa.- 302 das in Zukunft beinahe die Hälfte sämtlicher Juden Europas beherbergen wird, Polen, zwar nicht formell aufgehoben, dafür aber völlig illusorisch gemacht, indem der feste Entschluß des „nationalen Willens" kundgegeben wird, die Juden unblutig zum Lande hinauszuboykottieren, wobei aber die gelegentliche Beihilfe des Pogroms keineswegs verschmäht werden soll. Polen wird im Osten der Zentralstaat sein, ein besonderer Liebling der Westmächte. Polens Beispiel wird also maßgebend sein für Rumänien, mit dem es jetzt schon eng verbunden ist und in dessen Spuren es wandelt, für die Ukraine und das übrige Rußland, für Litauen und die anderen Randstaaten, wahrscheinlich auch für die Tschecho-Slowakei und für Ungarn. Die in Polen allmächtige Partei der Nationaldemokraten, deren Herrschaft dank der neuesten Entwicklung der Dinge dort für unabsehbare Zeit gesichert ist, hat beschlossen, die Zahl der Juden, die im Durchschnitt 15 °/o beträgt, auf 1 o/0 zu reduzieren. „Wir haben zuviel Juden", hallt es durch das ganze Land. Es ist nicht nur eine Oberflächlichkeit, sondern auch eine gefährliche Irreführung, zu behaupten, diese oder jene Nation sei spezifisch judenhasserisch, die andere spezifisch' judenfreundlich veranlagt, und die Juden als Gesamtheit müssen erstere bekämpfen und letztere unterstützen. Abgesehen davon, daß unsere Bekämpfung der einen ebensowenig schaden würde, wie unsere Förderung der anderen nutzen könnte, gibt es keine Nation, die nicht wechselweise die Juden verfolgt und dann wieder gehätschelt hätte. Dieselben Polen, die jetzt gegen die zu vielen Juden in ihrem Lande mit. Pogrom und Boykott vorgehen, lebten 'mit ihnen seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bis etwa zum Russisch-Japanischen Kriege im besten und friedlichsten Einvernehmen, ihre Dichter, Schriftsteller und Maler verherrlichten das jüdische Leben, ihre Staatsmänner arbeiteten aufrichtig an der Hebung der Juden, der große demokratische Polenführer Franz Smolka war 1848 der Urheber der Emanzipation der Juden in ganz Oesterreich, zwanzig Jahre später verficht er im Lemberger Landtag, gemeinsam mit allen anderen Polenführern, gegen Ruthenen, Klerikale, Armenier und Deutsche die endgültige Gleichstellung der Juden in Staat und Gemeinde. Eine der ersten Taten des Marquis Alexander Wido polski 1862, als der Zar Alexander IL durch ihn eine freiheitliche Epoche in Polen .einleiten wollte, war, den Juden eine weitgehende Gleichberechtigung zu gewähren (die einzig vom Vertreter der Deutschen im Staatsrat bekämpft wurde), die später von der russischen Reaktion stark eingeschränkt, aber nicht ganz aufgehoben werden konnte. Mit Recht durfte der Krakauer polnische Publizist Choloniewski einige Wochen vor dem schrecklichen Lemberger Pogrom stolz hervorheben, daß die polnische Geschichte keine Judenpogrome kenne. Seit Anfang der achtziger Jahre widerstanden die Polen der mächtigen Suggestion des Pogrorriantisernitismus vom Osten und des theoretischen Antisemitismus vom Westen. — Wie schnell hat sich nun das Blatt gewendet! Andererseits bedenke man, daß in Deutschland auf die Periode der Toleranz, die seit dem Auftreten Dohms (1781) bis zu der Emanzipation von 1812 und den Freiheitskriegen währte, die Hcpp-Hepp-Bcwegung ausbrach, die heftige Formen annahm und im Verein mit den reaktionären Maßnahmen der preußischen Regierung1) ein neues Mittelalter heraufzubeschwören schien. Aher in den dreißiger Jahren trat ein gewaltiger Umschwung in der Stimmung der Bevölkerung ein, und Mitte der vierziger Jahre gründeten christliche Bürger Vereine zur Erkämpfung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden. Man sieht, es gibt hei den Nationen der Welt keine angeborenen, unwandelbaren Ideen in bezug auf Judenhaß und Judenliebe. Es ist hier nicht der Raum, auf eine Untersuchung der Ursachen dieser Gcsinnungswandlung einzugehen, aber wenn es irgendwo auf einmal heißt: „Wir haben viel zu viel Juden in unserm Lande"; so muß man zuvörderst nach dem wirtschaftlichen Sinn dieser Formel fragen (den nationalistischen kann man getrost beiseite lassen; für den Nationalismus ist närntlich die geringste Zahl der Juden immer viel zu groß). Nun sind diese Länder keineswegs etwa übervölkert. Ein an Naturschätzen so reiches Land, von so ergiebigem Boden wie Galizien hatte 1905 etwa 99 Einwohner auf das Quadratkilometer, wiihrend Belgien z. B. ihrer 215 zählte. Die Anwesenheit der Juden trug nicht einmal zur Proportionierung der Dichtigkeit bei. In Ostgalizien, wo 75 °/o der gesamten jüdischen Bevölkerung wohnt, betrug nämlich die Zahl der Einwohner nur 87 auf das Quadratkilometer, in Westgalizien dagegen 108. Es wäre also verfehlt, zu meinen, daß die Juden als statistische Einheiten das Land überfüllen. Der Sinn jener Formel ist: es gibt zuviel Juden in einer und derselben wirtschaftlichen Kategorie. Das bekommen zunächst die Juden selber hart zu spüren, indem sie sich gegenseitig die erbittertste Konkurrenz zu machen gezwungen sind — was sie nebenbei hindert, sich zur Verbesserung ihrer Lage zu organisieren. Wären die Juden natürlich und gleichmäßig über alle Berufsarten verteilt, so würde man, rein ökonomisch, von nazistischer und religiöser Intoleranz abgesehen, nicht nur i) Vergleiche „Ost , und West" 1916, Heft 3.